Das Sandauer Rathaus wird in vier Jahren 300 Jahre alt - und der Zahn der Zeit nagt schon gewaltig an dem Fachwerkbau. Derzeit entkernt eine Firma aus Tangermünde das Dachgeschoss.

Sandau l Das Dachgeschoss, wo sich früher der Frühstücksraum und diverse Amtsstuben befunden hatten, ist inzwischen zu einem riesigen Dachboden mutiert: Die Trockenbauwände und Isolierungen, die hier nach der Wende eingebaut worden waren, sind fast komplett abgerissen worden. Lediglich der Raum für den Computerserver musste mitten im riesigen Dachboden stehen bleiben.

Unterm Dach hatte sich durch unsachgemäße Umbauten in den vergangenen Jahrzehnten die Luftzirkulation verschlechtert, was an manchen Stellen zu Fäulnisprozessen am hölzernen Dachgestühl geführt hatte. Auch Schwamm wurde festgestellt.

Vor einigen Jahren war von der Stadtverwaltung zudem ein Gutachten zum Sanierungsbedarf des Rathauses in Auftrag gegeben worden. Unter den Umbauten hatte auch die Statik des Rathauses gelitten, lautete eine erste Erkenntnis der Sachverständigen. Eine weitere war, dass die eigentlich dringende nötige Sanierung Kosten in Millionenhöhe verursachen würde. Geld, das die seit Jahren verschuldete Stadt bei weitem nicht aufbringen kann.

Damit das Gutachten mit einer Dokumentation endlich zum Abschluss gebracht werden kann, sollten im Dachgeschoss eigentlich nur Sichtlöcher angebracht werden, durch die man dann das Gebälk beurteilen könnte. Doch der Zustand war schlimmer als erwartet, weshalb das Geschoss komplett entkernt werden musste. "Ich war selbst sehr erschrocken, wie die Balken sich verschoben hatten", gestand Bürgermeister Henry Wagner.

Zweimal abgebrannt

Der Dachboden musste zudem vom alten Bauschutt befreit werden, der hier einst in Massen liegen gelassen wurde. Erst wenn alles frei liegt, können die Bauexperten unter anderem feststellen, warum einer der Dachbalken verdreht oder andere verfault oder verschimmelt waren. Oder sogar woher manche Risse im Gebäude stammen.

Eine Firma aus Tangermünde hatte den Zuschlag bekommen, eigentlich sollten die Arbeiten schon im Vorjahr erfolgen. Doch hatte auch hier die Flut für Zeitverzug gesorgt. Trotz der Bauarbeiten bleiben die Öffnungszeiten der Ämter unverändert.

Wie das Gebäude bis zum Dreißigjährigen Krieg aussah, darüber existieren keine Unterlagen, denn 1469 brannte das Haus mitsamt der Stadt nieder. Unterlagen, Privilegien und Briefe waren unrettbar verloren. Erzbischof Friedrich stellte am 6. Januar 1470 neue Urkunden aus.

Am 21. April 1695, beim großen Stadtbrand, sank der Sitz der Stadtväter erneut in Schutt und Asche. Bekannt ist lediglich, dass zwei Jahre zuvor ein "bürgerlicher Gehorsam" angebaut wurde - das Gefängnis. Um nach dem Brand weiterhin Beratungen abhalten zu können, wurde der Ratskeller provisorisch hergerichtet.

Erst 1713 begann der Wiederaufbau, fünf Jahre später war das neue, jetzige Gebäude dann endlich fertig. Heute lässt das Gebäude erkennen, dass es im Laufe der Jahre oft zerstört und saniert wurde.

Die jüngste Zerstörung geschah in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945, als von amerikanischer Artillerie der Sirenenturm heruntergeschossen sowie die Häuser an der Südseite und an der Vorderfront zerstört wurden. Notdürftig wurden die Räume wieder hergerichtet, der Raum für den Bürgermeister und das Sekretariat waren als erstes nutzbar.

Sitzungen im Ratskeller

Die Stadt war zu 80 Prozent zerstört, weshalb auch im Rathaus eine Wohnung eingerichtet wurde. Der langjährige Gemeindediener Hans Nagel kam hier unter, er gab mit der Handglocke die Nachrichten bekannt. Sogar die Sattlerwerkstatt von Walter Baumgart zog im Rathaus ein, ebenso die Eierannahmestelle von Emma Zepernick. Weil sie zugleich Getreide ausgab, gab es sogar eine Mäuseplage im Gebäude. Bis 1952 war das Rathaus sogar Gerichtsstandort, denn in Havelberg war kein passendes Gebäude vorhanden.

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