Havelberg l Wenn er in Zeitungen oder im Fernsehen mal wieder was vom Unrechtstaat DDR liest oder hört, ärgert sich Hansjürgen Przybysz sehr. Nicht alles war schlecht, nicht alles war unrecht. Doch darüber wird selten bis gar nicht berichtet, sagt er. Deshalb ist es ihm wichtig, seine Erfahrungen als Heimkind in die Öffentlichkeit zu tragen. Einerseits im Sinne der vielen Kinder, die nach dem Krieg aus Trümmern gefischt und verwahrlost von der Straße geholt oder von ihren Eltern abgegeben wurden und eine neue Heimstatt gefunden haben. Andererseits vor allem auch für die Erzieherinnen, die den Mädchen und Jungen mit viel Liebe halfen, die Schrecken des Krieges und den Verlust von Vater und Mutter zu verarbeiten, um froh in die Zukunft blicken zu können.

"Im ersten Jahr im Heim habe ich immer noch auf meinen Vater gewartet."

"Unter der Überschrift ,Kinderheime in der DDR` wird heute alles in einen Topf geworfen. Dabei gab es staatliche, private und kirchliche Heime für Waisenkinder sowie Heime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche und Jugendwerkhöfe. Da muss man differenzieren, das passt nicht alles unter die eine Überschrift", sagt der 75-Jährige.

Seine Mutter starb, als er anderthalb Jahre alt war, an Leukämie. Sein Vater hatte wieder geheiratet und Hansjürgen Przybysz bekam zwei Schwestern. Doch sein Vater, der als Konzertmeister am Kleiszt-Theater in Frankfurt/Oder arbeitete und zudem viel auf Hochzeiten spielte, kümmerte sich nicht um ihn. Es gab eine Tante, die er oft besuchte. Doch im Juni 1946 kam der damals Siebenjährige ins Clara-Zetkin-Heim in Frankfurt/Oder. "Ich konnte das alles nicht verstehen, ich habe mich bei allem zurückgehalten und oft geweint. Im ersten Jahr habe ich immer noch auf meinen Vater gewartet", erinnert sich der Havelberger. Rund 50 Kinder lebten in dem Heim.

"Die erste Heimleiterin war die Frau des stellvertretenden Bürgermeisters von Frankfurt/Oder. Wir hatten nur Erzieherinnen, von jung bis alt. Die meisten waren ausgebildet oder absolvierten noch eine Ausbildung. Es war streng im Heim, manchmal waren auch schwer erziehbare Kinder da. Es gab auch mal Strafen, wenn man sich nicht benommen hatte. Aber unsere ,Tanten` waren immer für uns da, haben uns in den Arm genommen, getröstet, gedrückt, uns die Familie bestmöglich ersetzt." Wenn die Kinder aus der Schule kamen, gab es zunächst für alle Mittagessen und die Schularbeiten wurden erledigt. Nachmittags und an den Wochenenden wurden viele Möglichkeiten geboten, die Freizeit zu gestalten. "Langeweile hatten wir nie", berichtet er von Fußball, Schwimmen, Kino, Chor, Theater, Spielen, Tennis, Sportraum, Ausflügen. Die Kinder wurden zur Selbsterziehung angehalten, wobei die Mädchen oft das Sagen hatten. Sie achteten zum Beispiel darauf, dass die Hände vor dem Essen gewaschen wurden oder die Schulkleidung in Ordnung war.

Feiertage wurden gemeinsam verbracht, es gab auch oft Kontakte zu anderen Heimen, auch zum "Rosengarten", in dem Hansjürgen Przybysz sein letztes Heimjahr verbrachte. "Weihnachten war immer ein großes Fest. Wir haben zusammen das Haus geschmückt und Mittag gegessen und sind dann alle ins Bett. Dann haben unsere Tanten gewirbelt, um den Abend vorzubereiten. Oft haben wir mehr Geschenke bekommen als die Kinder, die bei ihren Eltern wohnten. Wir haben alles gehabt, die Erzieherinnen haben uns viel gegeben. Einige haben sich übrigens auch Heimkinder angenommen. Wenn manchmal später doch noch Mütter kamen, die ihre Kinder nach Hause holen wollten, wollten diese lieber im Heim bleiben."

1953 begann Hansjürgen Przybysz eine Lehre im Bergbau. Später ging er zur Armee. Für ihn war das keine Frage. "Mein Vater hat mich verlassen und der Staat hat meine Erziehung übernommen. Da war es für mich völlig in Ordnung, dass ich das mache, was der Staat von mir erwartet."

Die ehemaligen Heimkinder haben sich 1974 zum ersten Mal getroffen. Rund 60 kamen, außerdem viele Erzieherinnen. Es folgten zwölf weitere Treffen, nach der Wende kamen auch Ehemalige aus dem Westen Deutschlands hinzu. An diesem Wochenende findet wieder ein Treffen statt. Jetzt sind es noch gut 25 ehemalige Heimkinder und mit Gundula Kersten noch eine Erzieherin, sie ist inzwischen an die 90 Jahre alt. "Wenn wir nicht eine gute Kindheit im Heim gehabt hätten und dort geschlagen worden wären, gäbe es diese Treffen wohl nicht", sagt Hansjürgen Przybysz.

"Wenn wir keine gute Kindheit gehabt hätten, gäbe es keine Treffen."

Die Ehemaligen hatten sich auch eingesetzt für die Rettung des "Rosengartens", einem alten Schloss, das mehr und mehr verfiel und dem die Abrissbirne drohte. 1999 gründeten sie den Verein "Interessengemeinschaft Kinderheim Rosengarten", sorgten für Geld, um dringend notwendige Reparaturen am Haus vornehmen zu können. Doch das Projekt hatte keine Zukunft, 2004 musste der Verein aufgelöst werden. Das Haus ist heute zerfallen.

Wenn der Havelberger liest, dass in DDR-Kinderheimen geschlagene, misshandelte und missbrauchte Kinder heute Entschädigung dafür erhalten, brodelt in ihm der Ärger hoch. "Warum zieht man grundsätzlich pauschal über die schlechten Seiten der DDR her, wo man doch wissen müsste, dass die Mehrzahl der Kinderheime in Ordnung war. Ich habe acht Jahre in den beiden Heimen gelebt und eine gute Kindheit und Jugend gehabt. Wir haben dort viel fürs Leben gelernt, Kameradschaftlichkeit und Kollektivgeist gehören dazu."

Er käme nie auf die Idee, Entschädigung zu beantragen und sieht sich einer Meinung mit vielen anderen Ehemaligen beider Kinderheime. "Ich würde ja meine Erzieherinnen beschmutzen und den Staat betrügen."