Fischbeck l Wie hoch das Wasser am Haus der Vereine mitten im Dorf stand - 79 Zentimeter - ist auf dem Gedenkstein zu sehen, den die Dorfbewohner und die Gäste des Gedenktages am Montag einweihten. Bürgermeister Bodo Ladwig und Verbandsbürgermeister Bernd Witt enthüllten den Stein. Zu sehen sind darauf die Kirche und zwei im Wasser stehende Häuser, die oberste Wasserwelle schwappt auf 79 Zentimetern. Gestanden hatte das Deichbruchwasser, das sich am 10. Juni 2013 ab 0.02 Uhr über das Dorf und die Elbe-Havel-Region ergoss, stellenweise viel höher, beispielsweise in der Fährstraße. Hier entlang führte der Marsch der Dorfbewohner und Gäste, die sich nach dem Gedenkgottesdienst in brütender Hitze auf den Weg zur Deichbruchstelle machten. Am Haus von Familie Köppe sen. machte Bodo Ladwig Halt, um zu zeigen, wie stark Folgen der Flut sind und dass auch zwölf Monate später längst nicht alle Wunden geheilt sind. Das Haus ist unbewohnbar. Doch das über 70 Jahre alte Ehepaar, das jetzt im Neubau leben muss, wurde von der Versicherung mit einer Summe abgespeist, mit der ein Neubau unmöglich ist. Aber in der Fährstraße gibt es auch positive Beispiele: Das Haus von Familie Dingemanse, das eingestürzt war, befindet sich im Wiederaufbau.

Die knapp einen Kilometer lange Strecke ließ Zeit für Gespräche. So erzählte Eckhard Lüderwald, dass ein Teil der Scheune auf dem wegen des Lehmstammbodens unter Denkmalschutz stehenden Hofes abgerissen werden musste. Im entkernten Keller ist es immer noch so feucht, dass nicht verputzt werden kann - vielen Hausbesitzern geht es so. "Aber ich bin froh, dass soweit wieder alles halbwegs in Ordnung ist." Elf seiner 15 Hühner haben die Zeit im gefluteten Stall auf der obersten Sprosse überlebt und legen heute jeden Tag ein Ei. Schade sei es um den Kirschbaum, der immer so viele Früchte getragen und die Zeit im Wasser nicht überstanden hat. Genau wie Eckhard Lüderwald können die Fischbecker und all die anderen über 900 Geschädigten in der Region ihre eigene Geschichte erzählen.

"Schön, zu erleben, dass man nicht allein ist!"

Wie wichtig es ist, darüber zu sprechen, machte Pfarrer Christof Enders während des Dank- und Gedenkgottesdienstes deutlich. Zum Auftakt des Tages hatten sich zahlreiche Menschen in der Kirche eingefunden. "Viel Wasser und Not ist über die Menschen gekommen. Die zuteil gewordene Hilfe hebt den Schmerz nicht auf, aber schafft Freiraum, um nach vorn zu blicken." Superintendent Michael Kleemann erinnerte an den Scherbenhaufen, den die Menschen vorfanden, als sie Tage nach der Flut heim kamen. "Evakuiert zu sein, riss alte Wunden auf. Nicht zu wissen, was mit dem Zuhause passiert ist, war ein schier unerträglicher Zustand." Und dann habe man zu spüren bekommen, wie wertvoll Freundschaft, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit sind. Menschen aus dem ganzen Land reisten an, um beim Aufräumen zuzupacken. Davon sprachen auch Susanne Kropa aus Kabelitz und Susanne Northe aus Fischbeck, deren Familien zu den vielen gehörten, denen Hilfe anderer zuteil wurde. "Schön, zu erleben, dass man nicht allein ist!" Barbara Kohl von der Stendaler Tafel erinnerte stellvertretend für die Helfer daran, wie gut es getan hat, nicht tatenlos zuzusehen, sondern zuzupacken.

Judith Liban aus Kamern, Spendenberaterin der Kirchgemeinde und aktive Helferin u.a. in zerstörten Gärten, übergab Christof Enders einen Apfelbaum. Mit dem Pflanzen auf dem Kirchberg fiel der Startschuss für eine Aktion: Das Netzwerk der Hilfsorganisationen will im Oktober an jedes Flutopfer einen Apfelbaum übergeben als Zeichen der Kraft und Zuversicht.

An der Bruchstelle, an der nur wenig daran erinnert, dass die Katastrophe hier ihren Lauf genommen hatte, wendete sich der Flussbereichsleiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz an die Menschen. Reinhard Kürschner erinnerte noch einmal daran, wie der Deich auf 90 Metern gebrochen ist, dass nach fünf Tagen Schiffe zum Verschließen versenkt wurden und nach zehn Tagen ein Wall aus Recyclingmaterial aufgeschüttet wurde, um die Bruchstelle endgültig dicht zu machen. Am 26. Juni setzte eine Spezialfirma eine 110 Meter lange Spundwand. Im September soll der Bau des neuen Deiches ab der B188-Brücke beginnen. Der erste Abschnitt bis zur Bruchstelle soll im November 2015 fertig sein, der Rest bis nach Jerichow in drei, vier Jahren.

"Wenn ich groß bin, ziehe ich nach Fischbeck!"

Bürgermeister Bodo Ladwig, der auch an diesem gut durchorganisierten Tag wieder perfekt funktionierte und sich keine Verschnaufpause gönnte, bekam auf dem Deich noch ein Geschenk: Lisa Kintrup, Zweitklässlerin aus Marktoberdorf in Bayern, übergab eine CD mit Bildern vom Konzert, das ihre Schule für die Fischbecker organisiert hatte. Rund 1500 Euro waren im Herbst überwiesen worden. Lisas Mutti ist Claudia Stabenow, die in Fischbeck aufgewachsen ist und immer noch regelmäßig zu Besuch bei Freunden ist. Lisa war glücklich, bei der Gedenkfeier dabei zu sein. Rührend ist ihr Wunsch: "Wenn ich groß bin, ziehe ich nach Fischbeck!"

Eine sehr emotionale Andacht um Mitternacht in einer wiederum voll besetzten Kirche, erhellt nur vom Schein der Kerzen, beendete den Gedenktag.

Mehr vom nachmittäglichen Beisammensein am 9.Juni am Haus der Vereine lesen Sie demnächst.

   

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