In unmittelbarer Nähe zu einem Fluss oder Bach zu wohnen, ist mit einem besonderen Reiz verbunden. Bei aller Verbundenheit zur Natur muss man aber auch mit ihren Tücken leben. Zurzeit steht den Anwohnern an den heimischen Flüssen das Wasser wieder einmal vor der Haustür. Erinnerungen an das Jahrhunderthochwasser von 2002 werden wach. Die Havel hatte gestern einen Pegelstand von 4,33 Meter und 4,40 Meter sollen es laut Vorhersage werden.

Havelberg. Der Havelberger Berufsfischer Werner Jacobs, der mit seiner Frau Ingrid am Havelvorland wohnt, hat seine Kellerräume auf das eventuell steigende Wasser vorbereitet. "Ein Bekannter half mir, den Schrank hier etwas höher zu stellen. 2002 stand in diesem Kellerraum das Grundwasser zehn Zentimeter hoch", berichtete er. Im benachbarten Raum steht ebenfalls alles etwas erhöht. Routine für die Jacobs, die seit Anfang der 1970er Jahre nur wenige Meter von der Havel entfernt wohnen. In einer Ecke des Kellers hat Werner Jacobs seinen eigenen "Pegel": ein kleiner gemauerter Schacht, der etwas tiefer gelegen ist und in dem sich das Grundwasser sammelt. Er greift mit der Hand hinein und plätschert mit dem Wasser. "Da geht noch was. Hier war schon einmal mehr drin. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass das Hochwasser in den letzten 50 Jahren jemals draußen auf der Straße stand, nicht einmal 2002. Früher konnte der Fluss sich aber besser ausdehnen. Heute ist das nicht mehr möglich. Die Kontrollen sind gut und wir müssen uns den Gegebenheiten anpassen", so der Fischer.

Im Haveldorf Nitzow blicken Birgit Lautenbach und ihr Nachbar Volker Laurenz besorgt auf den Wasserstand. Sie wohnen im tiefer gelegenen Teil der Ortschaft, im sogenannten Ausbau, und haben keine guten Erinnerungen an das Jahrhunderthochwasser 2002. "Wir haben so unsere Bedenken in Hinsicht auf das Wehr in Quitzöbel. Wenn es doch gezogen wird, schwappt die Welle natürlich auf unsere Grundstücke. Das Gästehaus hier nebenan stand damals 40 Zentimeter unter Wasser. Es wäre sehr schön, wenn wir mehr Informationen zum Hochwasserstand erhalten könnten", wünscht sich Volker Laurenz. Er hat alles, was unter einem Carport stand, ins Sichere getragen. Beim Jahrhunderthochwasser hatten sie gelernt, wie man mit der Situation umgehen sollte. "Wir wohnen jetzt schon seit 30 Jahren hier unten und haben uns zu DDR-Zeiten nie Gedanken über das Hochwasser gemacht. Erst seit 2002 haben wir Angst", so die bangen Gedanken von Birgit Lautenbach mit Blick auf den erhöhten Wasserstand. Die noch etwas tiefer verlaufende Zufahrtsstraße zu den Grundstücken ist das größte Sorgenkind. Die Zuwegung wird beim Hochwasser als Erstes überschwemmt.

Den Verlauf des Havel-Hochwassers beobachtet die Rentnerin Vera Humke, die mit ihrem Ehemann Karl in der Havelberger Weinbergstraße wohnt, von ihrem Wohnzimmerfenster aus. "Eben gerade ist ein großer Baum samt Wurzel vorbeigetrieben. Das Wasser nimmt jeden Tag zu. Wir wohnen schon seit über 60 Jahren am Wasser, aber bisher hat es nur bis hoch in unseren Garten, der sich direkt vor dem Haus befindet, gestanden", erzählt die 83-Jährige. Dort hat das Winterhochwasser vor vielen Jahren auch schon das Interesse ihrer Enkelkinder geweckt. "Das Wasser war oft überfroren und sie konnten im Garten Schlittschuhe laufen." 2002 hatte man den Anwohnern Sandsäcke geliefert, die die Senioren noch gut aufgehoben haben. Vera und Karl Humke hoffen darauf, die Sandsäcke dieses Mal nicht zu benötigen.

In der Gaststätte "Zur Domtreppe" in der Havelberger Weinbergstraße 85 stand gestern früh die Mitarbeiterin Erika Herms im Wasser. Der Küchenbereich der Gaststätte befindet sich im Keller, und der steht unter Wasser. "Es drückt durch die Fußbodenentwässerung, die zurzeit tiefer liegt als der Wasserstand des Stadtgrabens, in das Haus. Ich bin sehr verärgert, denn wir hatten für die kommenden Tage Feierlichkeiten angenommen. Aber jetzt können wir dicht machen."

   

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