Tausende tote Bäume an Straßen, Wegen, Gräben und in den Wäldern sind derzeit stumme Zeugen der Flutkatastrophe des Vorjahres. Der Sandauer Ingo Jurig ist Fachmann auf diesem Gebiet.

Schönfeld l Für den Menschen bedeutet ein rotes Kreuz nach Unfällen die Rettung, bei Bäumen steht es für das Todesurteil. Der Sandauer Ingo Jurig ist Gehölzsachverständiger und war in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land nach der Flut unterwegs, um die Schäden aufzunehmen.

"Im Außenbereich der Kommunen - also an Wegen und Gräben - sind etwa 3000 Bäume abgestorben, im Innenbereich um die 700", berichtet der Sandauer. Vor allem die Erlen sind betroffen, das enorme Flutwasser tötete die Pflanzen. Abgängig sind auch Esche, Ahorn, Linde, Eberesche und Birke, vereinzelt sogar Eichen und Ulmen.

Tot sind auch alle Holundersträucher in den einst überfluteten Regionen. Schlehen und Hagebutten - fachmännisch heißen letztere Hunds- beziehungsweise Kartoffelrose - haben die Flut besser überstanden. In den Gärten sind vorrangig Pflaumen- und Kirschbäume betroffen, Birne und Apfel kamen besser mit dem Wasser klar.

"Durch das lange Zeit stehende oder nur langsam fließende Wasser sind die Pflanzen regelrecht erstickt", berichtet der Experte. Im Deichvorland haben die Bäume hingegen überlebt - hier standen sie zwar auch im Wasser, aber die Strömung war recht stark.

Schalltomograph erkennt den Zustand des Baumes

Noch ist bei manchen Pflanzen die weitere Entwicklung unklar: Einige haben sich erholt, andere hingegen, die erst einen gesunden Eindruck gemacht hatten, beginnen nun abzusterben oder sind schon tot. Die Erlen beispielsweise besitzen im unteren Bereich recht kleine Blätter, die noch durch den jüngsten Jahresring mit Nahrung versorgt werden. Für den sogenannten Kronenhabitus im oberen Bereich reicht dies aber nicht mehr aus.

Auch am See am Schönfelder Freizeitbereich stehen viele rote Kreuze auf der Rinde. Die Bäume werden gefällt, was innerorts oft mit einem Hubsteiger erfolgen muss. Unter anderem in den Parks von Wust und Schönhausen.

Im Vorjahr war eine erste Bestandsaufnahme erfolgt, jetzt folgt die Aktualisierung. Diese Arbeit hätte ein Baumkataster sehr erleichtert, in dem alle relevanten Bäume in den Kommunen - also jene an Wegen und Straßen - erfasst sind. Bei Unglücken wie vor einigen Jahren in Jederitz - hier hatte ein umstürzender Straßenbaum einen Menschen erschlagen - ist solch Kataster hilfreich, die Versicherung verlangt es dann nämlich. Auch im Schönhauser Park war eine Esche plötzlich umgestürzt, zum Glück war dabei nur ein Hänger demoliert worden...

Um das Ausmaß der Fäulnis zu erkennen, verwendet Ingo Jurig moderne Technik: Ein Schalltomograph misst, ob der Stamm im Innern mürbe ist. Auf dem farbigen Tomogramm steht die Farbe Rot für mürbes, faules Holz. Bei gesundem Holz - es wird im Messergebnis grün dargestellt - dringt der Schall schneller hindurch.

Das Verfahren ist nichtinvasiv, der Baum wird also im Gegensatz zur recht unzuverlässigen Bohrwiderstandsmessung nicht beschädigt. Denn durch diese Löcher könnten wiederum Pilzsporen eindringen, die den Zerfall beschleunigen. Mit dem Tomographen wird in zwei Ebenen gemessen, bis zu zwölf Sensoren können rings um den Stamm angebracht werden. Entsprechend dem Ergebnis gibt Ingo Jurig dann Pflegeempfehlungen: Entweder das Totholz entfernen, die Krone reduzieren oder herabsetzen oder aber Austriebe beseitigen. So mancher Baum, der von außen bereits übel aussah, konnte nach der Expertise durchaus noch stehenbleiben. Und umgekehrt.

Für die Kommunen entstehen für die Begutachtung der Bäume im Gefolge der Katastrophe keine Kosten, auch deren Fällung wird aus der staatlichen Fluthilfekasse bezahlt.

Im Schönhauser Park wurden zwecks Gefahrenabwehr bereits Bäume gefällt. Denn es ist oft unklar, wann ein Baum umkippt - entweder ist der Untergrund zu weich oder die Wurzeln faulen. Die Bäume faulen von innen heraus, manch abgestorbene Stämme standen noch immer voller Wasser.