Die Geschichte des Havelberger Pferdemarktes, der früher auch einmal Großer Markt und Heiratsmarkt hieß, reicht weit zurück. Viele Begebenheiten könnte man über das beliebte Volks- und Heimatfest, das schnell eine überregionale Bedeutung erlangte, erzählen.

Havelberg l Ein Teil davon wurde in den 1970er Jahren von Havelberger Bürgern und Chronisten festgehalten. Dazu zählten Herbert Stertz, Erich Marks, Frida Steffen, Fred Haverland, Hanns-Joachim Fincke und Bernhard Bismark, um nur einige zu nennen.

Von Frida Steffen stammt die folgende Geschichte von einem besonderen "Völkchen", das zu keinem Großen Markt fehlte: die Zigeuner. Sie gehörten einfach mit dazu zum Großen Markt. Wenn die ersten Zigeuner aufkreuzten und in den Straßen des alten Städtchens umherstromerten, dann wusste man: "Der Große Markt ist ran".

Großer Lagerplatz in der Genthiner Straße

Einige Tage vor dem Großen Markt kamen sie aus allen Himmelsrichtungen mit Pferden, Wagen, Frauen und Kindern und bauten sich ihr Lager auf der freien linken Seite der Genthiner Straße auf. Das reichte von der Gasanstalt bis hin zur Seekenbrücke. Das Gelände war damals noch nicht aufgespült und daher wesentlich tiefer als die Chaussee. Man hatte also einen guten Überblick über den gesamten Lagerplatz. Die vielen Kinder tobten umher und auch die Frauen machten viel Krach. Es war ein lautes Durcheinander, Kommen und Gehen. Ein kleines schwarzlockiges Mädchen, etwa drei Jahre alt, kam mit den Stöckelschuhen der Mutter an den dünnen Beinchen über die Chaussee geschlurrt. Ich fragte sie: "Wie heißt du denn?" "Käti", sagte sie. "Und wo wohnst du?" "In´ne Müllerstraße in Berlin."

Zigeunerromantik faszinierte die Jugend

Während sich die Frauen und Kinder auf ihre Art im Lager einrichteten, holten die Männer die zu verkaufenden Pferde vom Havelberger Bahnhof ab und brachten sie in den jeweiligen Stallungen der Gasthäuser unter. Das war ein Pferdegetrappel in den Straßen und die jungen Zigeunerburschen trabten neben dem ersten äußeren Pferd am Zügel. Die Pferde waren alle miteinander verbunden. Es war jedes Mal ein Trupp von 12 bis 16 Pferden. Schon am Abend wurden einzelne Pferde vorgeführt, und die jungen Zigeuner mussten ganz schön rennen, um mit den Pferden mitzuhalten, denn die sollten ihr Temperament beweisen.

Für uns Jugendliche war das alles sehr aufregend, und da wir in der Genthiner Straße wohnten, bekamen wir natürlich sehr viel zu sehen von der ganzen Zigeunerromantik.

Unter den Zigeunern waren auch bildschöne junge Menschen. Lydia, ein 15-jähriges Mädchen, fiel besonders durch ihre Schönheit auf. Die blauschwarzen Haare waren sorgfältig gekämmt und im Nacken geknotet. Auf der Stirn und an den Schläfen hatte sie jeweils eine Locke gedreht, wie es die Spanierinnen trugen. Ihr Teint war zartbraun, dazu die großen dunklen Augen. Sie wusste, dass sie schön war und setzte sich etwas abseits auf einen großen Stein bei der Seekenbrücke und ließ sich bewundern.

Einmal tanzten ein junger Bursche und ein junges Mädchen auf der Chaussee einen langsamen Walzer mit schönen Passagen. Man musste einfach stehen bleiben und ihnen zusehen. Einige Zigeunerinnen saßen am Straßenrand und sangen den Schlager "Es gibt nur einen Weg zur Seligkeit ..." und klatschten leise den Rhythmus. Die beiden jungen Menschen tanzten mit Grazie und Hingabe in ihren ungepflegten Kleidern und barfuß. Trotzdem war es ein Genuss, ihnen zuzusehen. Abends saßen dann die einzelnen Gruppen an ihrem Feuer, auf dem sie sich im großen Kessel ihr Essen kochten. Es war schon dunkel und der Feuerschein beleuchtete ihre Gesichter, während sie erzählten. Und wir jungen Leute schlichen im gewissen Abstand um sie herum. Für uns war das ja eine fremde Welt.

Drehorgelklänge aus der Lehmkuhle

Am frühen Morgen des Großen Marktes musste ich kurz nach sechs Uhr mit dem Fahrrad nach Glöwen fahren. Und da lagen sie dann, die vielen Menschen, in den Wagen, unter den Wagen und unter freiem Himmel. Das ganze Lager schlief noch. Unter einem großen bunten Federbett im Freien lagen Vater und Mutter und das kleine Kind spielte dazwischen mit Händen und Füßchen in der Septembersonne, während von den schlafenden Eltern nur die schwarzen Köpfe aus dem Federbett zu sehen waren.

In den Straßen unserer lieben alten Stadt wimmelte es schon von Pferden und ich fuhr ganz ängstlich mit meinem Rad an den vielen Pferdehintern rechts und links von mir vorbei. Heilfroh war ich, als ich von der Stadtinsel über die Steintorbrücke fahren konnte. Den Weg zur Lehmkuhle hinauf waren die Verkaufsbuden schon aufgebaut und die Landbevölkerung aus der Umgebung drängelte sich bereits an den einzelnen Ständen.

Aus der Lehmkuhle drangen die ersten Drehorgeln von den Karussells und am Eingang saß, wie jedes Jahr, der Mann mit der singenden Säge. Die Straßen füllten sich zusehends mit den Marktbesuchern aus nah und fern.

Als ich dann abends nach 19 Uhr wieder von Glöwen zurück kam, begegneten mir schon viele Leute mit ihren Fahrrädern, die vom Rummel und Trubel genug hatten und zu Haus ihr Vieh versorgen mussten. In der Lehmkuhle war noch Betrieb und aus den Tanzlokalen erklangen Walzer- und Schlagermelodien. Die schnaps- und liebesselige Jugend schwärmte umher. Sämtliche Bänke vom Domberg und an der Havel waren besetzt und wer keinen Bankplatz mehr bekam, der lagerte im Gras. Sie sangen und grölten: "Waldeslust", oder "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten".

Markt fand bis Anfang der 1960er in der Altstadt statt

Die ganze Stadtinsel machte nun schon einen recht abgekämpften Eindruck. Die Budenbesitzer packten zusammen und auf dem Marktplatz roch es nach Mostrich von den umherliegenden, unzähligen Würstchenpapptellern. Auch die Zigeuner mit ihrer fremdartigen Romantik und Lebensart waren verschwunden und am nächsten Tag herrschte wieder grauer Alltag in unserem Havelberg. Die Havel strömte gemächlich, wie eh und je, im großen Bogen um die Stadt herum der Elbe zu.

Bis Anfang der 1960er Jahre wurde der Große Markt in der Altstadt abgehalten. Die Karussells standen in der Lehmkuhle und dort gab es auch ein großes Tanzzelt. Beim Tanz unter den Klängen der Havelberger Stadtkapelle von Paul Lippstreu wurden unter vielen jungen Menschen neue Bekanntschaften geschlossen, die dann später auch zur Heirat führten. Daher dann später der Name Heiratsmarkt.

   

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