Am Volkstrauertag, 16. November, soll in der Hohengöhrener Kirche eine Tafel eingeweiht werden, auf der die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges stehen. Heinz Mangelsdorf hat alles zusammengetragen und noch etwas mehr über die Schicksale der Opfer erfahren.

Hohengöhren l 47 Hohengöhrener und außerdem 13 Bewohner vom Hohengöhrener Damm (wir berichteten am Freitag) haben ihr Leben im Zweiten Weltkrieg gelassen. Jeder dieser Toten war Vater, Sohn oder Bruder in einer Familie und wollte seinen Lebensweg mit nützlichen Taten für seine Familie, seine Kinder und letztendlich für die Gemeinschaft vollenden. Doch sie kehrten nie wieder heim.

An jeden dieser Kriegsteilnehmer soll in Form einer Gedenktafel in der Dorfkirche gedacht werden.

69 Jahre nach Kriegsende schwinden Erinnerungen

Der älteren Generation sind die Umstände des für Deutschland verlorenen Weltkrieges bekannt. Auch wenn die Zahl mit jedem Jahr weniger wird, so gibt es doch immer noch viele, die die Schrecken selbst miterlebt haben und sich gut an Leid und Elend erinnern. Aber nur noch wenige Mitbürger können sich 69 Jahre nach dem Ende des Krieges an die ehemaligen Dorfbewohner, an ihre Schulkameraden, Freunde und Nachbarn erinnern, die gefallen sind. Ein neues Jahrtausend ist angebrochen und viel Wasser ist schon die Elbe hinunter geflossen.

Mit diesen Zeilen möchte ich an das Entstehen und den schweren Weg bis zur Erteilung des Auftrages, eine Gedenktafel anzufertigen, hinweisen.

Richard Bollmann und der inzwischen verstorbene Gerhard Mäcker haben beim Zusammentragen der Namen eine wesentliche Rolle gespielt. Ohne ihre Initiative wäre dieses gemeinsame Werk zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten der beiden Orte Hohengöhren und Damm nicht zustande gekommen. Entscheidend waren dann die Geldspenden der noch wenigen direkten Angehörigen der Gefallenen sowie die Spenden der übrigen Bewohner und einiger Betriebe.

Schulkameraden kamen nicht aus dem Krieg zurück

Schon immer haben Richard Bollmann die Schicksale der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen bewegt. Er selbst kannte fast alle der im Krieg verbliebenden Schul- und Jugendfreunde. Auch er selbst wurde noch im Herbst 1944 im Alter von gerade mal 15 Jahren für den aktiven Kriegsdienst gemustert und als Jugendlicher zur vormilitärischen Ausbildung nach Burg eingezogen. Ab Januar 1945 wurde er mit den anderen 15- und 16-Jährigen aus der Umgebung in Altengrabow in ein Wehrertüchtigungslager für den Einsatz in einem Panzerjagd-Kommando ausgebildet. Dort musste er noch die vielen Wirrnisse bis zum traurigen Ende dieses wahnwitzigen Eroberungskrieges einschließlich der Gefangenschaft miterleben.

Anfang der 90-er Jahre beschäftigte sich Richard Bollmann intensiver damit, die Namen der Gefallenen aus Hohengöhren zu erfassen. Systematisch ging er dabei in Gedanken beide Straßenseiten Haus für Haus mit den Namen aller Familien durch. Wer war nach dem Krieg zurückgekehrt und welche Familie hatte einen oder mehrere Toten zu beklagen? Diese erste Aufstellung veröffentlichte er 1992 im Aushangkasten der Gemeinde. Damit war auch gleichzeitig die Bitte verbunden, Vergessene bei ihm anzugeben. Daraufhin machte Waldemar Heidensohn noch Ergänzungen. Von Christa Schleusner, geborene Duhrmann, als ehemalige Bewohnerin des Hohengöhrener Damm erfuhr er Namen einiger gefallener Soldaten aus diesem Ortsteil.

Damit war eine erste handschriftliche Grundlage für die Auflistung der im Zweiten Weltkrieg verbliebenen Soldaten gegeben.

Erneut wurde der Gedanke zur Schaffung einer Gedenktafel aufgegriffen. Und zwar ganz konkret 2008, als ich meine Recherchen für die kleine Broschüre "Über den Soldatenfriedhof von Hohengöhren" bei Richard Bollmann vornahm.

Auch Gerhard Mäcker als gebürtiger Hohengöhrener, Jahrgang 1931, hatte sich mit dem Gedanken zur Anfertigung einer Erinnerungstafel getragen. Zusammen mit Ursula Bohne, der Tochter eines Stellmachers, waren schon Ende der 70-Jahre Befragungen getätigt worden. So besaßen beide eine bis dahin noch unvollständige Namensliste.

Als Mitglied des Gemeindekirchenrates hatte Gerhard Mäcker stets den Anblick der Gedenktafel im Gotteshaus mit dem unrühmlichen Schicksal der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten vor Augen. Sein Wunsch, eine weitere Tafel mit den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges anzubringen, schien jedoch schier unmöglich.

In einem Gespräch bei ihm zu Hause und beim Suchen von alten Postkarten, die ich für eine Dokumentation beim Klassentreffen benötigte, kamen wir auf die Kriegsteilnehmer zu sprechen und er erzählte von dem Ergebnis seiner Namensauflistung.

Diese Bemühungen der beiden Einheimischen bewegten mich sehr. Sie dürfen nicht umsonst sein!

Meine ersten Schritte zur Mitwirkung beim Umsetzen dieser über mehrere Jahre dauernden gemeinschaftlichen Aktion begannen am 29. November 2011, als ich die erste Aufstellung der gefallenen Soldaten von Richard Bollmann in meinem Computer erfasste. Bei einem weiteren Treffen mit Gerhard Mäcker erhielt ich seine Aufstellung, so dass ich die Liste um weitere Namen ergänzen konnte.

Im Januar 2013 war die Liste soweit fertig - dachte ich.

Detaillierte Informationen von Kriegsgräberfürsorge

Weitere Hilfe erhielt ich von Rainer Krukenberg aus Zernitz, der sich als Chronist um Fragen des Zweiten Weltkrieges und um die Schicksale der in unserem Territorium gefallenen Soldaten kümmert. Er übergab mir eine detaillierte, aber noch unvollständige Aufstellung vom "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" aus Kassel, in der die Namen der Gefallenen, das Geburtsdatum, das Todesdatum und teilweise der Ort der Beisetzung aufgeführt waren. Darunter befanden sich noch vier weitere Namen von jungen Hohengöhrenern.

Damit war die Liste nun wirklich komplett.

Weil niemand vergessen werden soll, schickte ich sie zur möglichen Vervollständigung an die Deutsche Dienststelle der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin.

Im April 2013 erhielt ich von dort eine umfangreiche Zusammenstellung all der in den 30-er Jahren in Hohengöhren "gemusterten" Wehrmachtsangehörigen mit Angaben der Namen, des Geburtsdatums, des Geburtsortes, des Todesdatums, des Todesortes und der derzeitigen Grabanlage, des Truppenteils und dem Dienstgrad sowie die standesamtliche Beurkundung von Hohengöhren.

Diese umfangreiche Aufstellung ließ Fragen offen. Also suchte ich das Gespräch mit Angehörigen, um die noch fehlenden Daten und weitere Angaben in Erfahrung zu bringen. Auf diese Weise konnte ich die bestehenden Listen aus Berlin weiter vervollständigen und die fehlenden Angaben der nur namentlich genannten Gefallenen an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und zur Wehrmachtsauskunftsstelle senden. Ein Schreiben mit einem herzlichen Dankeschön war der Lohn für die fehlenden Angaben in ihren Unterlagen.

In einer gemeinsamen Beratung mit Richard Bollmann und Gerhard Mäcker am 13. September letzten Jahres haben wir die abschließende Liste mit allen Angaben zu den 47 gefallenen Soldaten aus Hohengöhren und den 13 vom Damm zusammengestellt.

Gemeinsames Überlegen, wo die Tafel hängen soll

Am 30. Oktober wurde mit dem zuständigen Pfarrer Ralf Euker, dem Gemeindekirchenratsvorsitzenden Thomas Roloff und Iris Schütte als Gemeindekirchenratsmitglied in der Kirche über die Form und das Anbringen der Gedenktafel gesprochen. An dieser Stelle möchte ich mich für die Unterstützung und uneigennützige Hilfe bei Tischlermeister Hagen Siedler von der Schönhauser Möbelwerkstatt bedanken.

Doch nun ging es darum, Geld für das Anfertigen zusammen zu tragen. Am 15. November wurde bei der Volksbank ein Konto zur Aufbewahrung der gesammelten Spenden eingerichtet.

330 Euro vom Klassentreff bilden guten Grundstock

Die bereits zuvor im Mai von den Teilnehmern des alle zwei Jahre stattfindenden Klassentreffens gespendeten Mittel befanden sich bis zu diesem Zeitpunkt bei mir in sicherer Aufbewahrung. Denn beim Treffen am 18. Mai wie immer in der Gaststätte Wagener sammelte ich die ersten Spenden - ein voller Erfolg! Jeder der Teilnehmer trug sich in die Spendenliste ein und am Ende befanden sich 330 Euro in der Kasse. Dieses gute Ergebnis war ein Grundstock.

Für mich war es gleichzeitig Ansporn, diese Angelegenheit nicht ruhen zu lassen. Da der Tag der Auftragserteilung für die Gedenktafel immer näher rückte - schließlich muss bis November alles fertig sein, beschloss ich, bei den Dorfbewohnern um finanzielle Hilfe zu bitten. Von den Mitarbeitern des Ordnungsamtes der Verbandsgemeinde erhielt ich ebenfalls eine gute Unterstützung, konnte ich doch einen entsprechenden Aushang anbringen. Bürgermeister Alfons Dobkowitz begleitete mein Vorhaben der Straßensammlung. Auch aus der Volksstimme erfuhren die Dorfbewohner von der bevorstehenden Sammlung. Nach vielen Gedanken über das "Für" und "Wider" habe ich am 31. Mai meine Spendensammlung begonnen. Erste Anlaufstelle war der Neubaublock. Die Aufgeschlossenheit der Bewohner hat mich darin bestärkt, dass ich auf dem richtigen Wege bin.

Dorfbewohner sind dankbar für das Bemühen

Grundsätzlich zeigte sich die übergroße Mehrheit der Einwohner sehr interessiert, auch Jüngere spendeten und dankten, dass dieses Vorhaben mit der Gedenktafel in der hiesigen Kirche Wirklichkeit werden soll.

Ältere erzählten gern von früher: "Wenn ich mir die Liste so durchlese, dann stehen alle meine ehemaligen Schulkameraden vor meinen Augen wieder vor mir." Oder: "Mit dem habe ich Streiche im Dorf und an der Elbe ausgeheckt." Es sind die letzten Zeitzeugen, die diese grauenhafte Zeit miterleben mussten. Die Liste löste auch Entsetzen aus, dass in einer Familie aus dem Dorf gleich zwei oder auch drei Soldaten ihr Leben lassen mussten. In Gesprächen wurde auch zum Ausdruck gebracht: "Wir sind froh, dass sich heute noch jemand um diese Angelegenheit kümmert." Ich hörte bei meinen oft länger dauernden Gesprächen auch Erinnerungen von der Aufgabe der Heimat in den Ostgebieten, wo ja jeder dieser "Umgesiedelten" sein eigenes Schicksal bis in die heutige Zeit nicht vergessen hat.

Es gab in einigen Haushalten bescheidene Spenden, denn nicht jeder in diesem Land hat ein üppiges und ausreichendes Auskommen zur Verfügung. Aber diese Beiträge zählen für mich auch sehr viel, weil sie ehrlich waren und vom Herzen kamen. Auch auf dem Sportplatz, wo am 31. Mai die Feuerwehr gerade ein Jubiläum feierte, zeigten die von mir angesprochenen Teilnehmer große Spendenbereitschaft.

Wenige lehnten eine Spende ab, was ich auch akzeptiere.

Hervorheben möchte ich noch, dass jene Familien aus den östlichen Gebieten, die nach dem Ende des Krieges im Dorf an der Elbe strandeten, sich als richtige Ur-Hohengöhrener fühlen, ihre gefallenen Väter und Geschwister aber nicht auf dieser Gedenktafel finden werden. Diese Schicksale müssen in ihrer Erinnerung einen dauerhaften Platz finden. Es wird sich heute wohl niemand finden, der im Stande ist, diesen gefallenen Kriegsopfern eine Gedenktafel zu setzen. Der Trost dieser Familien und Angehörigen kann nur darin bestehen, das von Seiten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge jährlich große Anstrengungen unternommen werden, um allen Gefallenen würdige Gedenkstätten zu schaffen.

Summe noch nicht ganz erreicht

Insgesamt ist bisher eine Summe von über 1370 Euro für die Hohengöhrener Tafel zusammengekommen. Um die im Kostenvoranschlag geforderte Summe zu sichern, fehlen noch ein paar Euro.

Mit diesen Gedanken über das Entstehen und die Phase der Realisierung der Gedenktafeln für die gefallenen Kriegsteilnehmer von 1939 bis zum Mai 1945 möchte ich mich bei allen Einwohnern und Handwerksbetrieben aus der Region in aller Herzlichkeit bedanken. An alle, die dabei aktiv mit Rat und Tat mitwirkten, ebenfalls ein herzliches Dankeschön.

   

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