Havelberg l Vor einigen Tagen sind die letzten beiden öffentlichen Telefonzellen in Havelberg abgebaut worden. Sehr zum Ärger einer Neu-Havelbergerin, die sich in der Redaktion meldete: "Mit nicht allzu großem Erstaunen, da es ja überall so Usus zu sein scheint, aber doch etwas Ärger, sah ich, dass auch die letzte Telefonzelle in der Oberstadt abgebaut wurde. Ich gehöre zu den wohl recht wenigen Bürgern, die ab und zu noch auf so was angewiesen sind. Gibt es Ersatz, vielleicht in Form einer offenen Zelle?"

Erst vor kurzem ist sie von Tangermünde nach Havelberg in die Oberstadt gezogen. Es habe längere Zeit gedauert, bis sie ihren Festnetzanschluss in ihrer neuen Wohnung erhalten hat. Da war die 54-Jährige froh, dass es an der Apotheke in der Lindenstraße noch eine öffentliche Telefonzelle gab. Etwa, als es um die Möbelbestellung ging.

Ein Mobiltelefon hat sie nicht. Auch wenn sie weiß, dass sie damit wohl eher den Dinosauriern zugeordnet werde, habe sie eben bestimmte Grundsätze und wolle nicht immer dem allgemeinen Trend folgen. "Und sicher gibt es doch mehrere Leute so wie mich, die ab und an auf ein öffentliches Telefon angewiesen sind", sagte sie im Gespräch mit der Volksstimme.

Wie bei so vielen Dingen im Leben spielt auch bei der Entscheidung der Telekom, wo eine Telefonzelle steht, der wirtschaftliche Aspekt eine wichtige Rolle. Telekom-Sprecher Georg von Wagner antwortete auf Nachfrage: "Die Bedeutung der Telefonzelle hat mit dem Siegeszug des Handys abgenommen. Statistisch gesehen hat jeder Deutsche mindestens ein Handy. Die Notwendigkeit für öffentliche Telefonzellen nimmt dementsprechend ab. Die Deutsche Telekom betreibt bundesweit noch rund 35000 Telefonzellen. Es gibt immer noch Orte mit einer hohen Nutzung, etwa Flughäfen oder Bahnhöfe. Darüber hinaus richten Alternativanbieter Telefonzellen ein."

"Der Kunde ist der Architekt des Telefonzellen-Netzes."

Bevor die Telekom jedoch eine Telefonzelle abbaut - der Unterhalt kostet Geld etwa für Strom, Standortmiete und Wartung - wird Kontakt mit der Kommune aufgenommen, denn diese muss zustimmen. Grundlage dafür ist eine Vereinbarung mit der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände. Darin heißt es, dass die Telekom Städte und Gemeinden wegen eines Abbaus ansprechen darf, wenn auf deren Gebiet extrem unwirtschaftliche öffentliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50 Euro pro Monat stehen. Der Umsatz sei ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht. "Der Kunde ist der Architekt des Telefonzellen-Netzes", so Georg von Wagner. "Wenn die Kommune an einem Standort festhalten möchte, sprechen wir mit ihr über eine kostengünstige Alternative wie etwa ein Basistelefon."

Die Stadt hatte, nachdem sie sich längere Zeit gewehrt hatte, nun doch dem Abbau der Telefonzellen zugestimmt. "Die Umsätze waren wirklich sehr gering. Am Markt waren es monatlich zehn Euro, in der Lindenstraße sechs Euro", berichtet Bürgermeister Bernd Poloski.

Die Telekom bietet diverse mobile Kommunikationsangebote an, wie HotSpots für Internetzugang per Laptop oder Smartphone, Fahrgastinformationen, Fahrkarten- oder Parkscheinverkauf und Rufbus per Knopfdruck. In Kooperation mit Kommunen sind auch Multimediastationen möglich. Bisher ist so etwas von Seiten der Stadt nicht vorgesehen.

"Die Zahl öffentlicher Telefonstellen ist in den vergangenen Jahren nach und nach zurückgegangen. Gründe dafür sind die verstärkte Nutzung der Mobiltelefonie und eine breite Versorgung der Haushalte mit Telefonen", sagt der Telekom-Sprecher. Von öffentlichen Telefonstellen wurden im Jahr 2010 rund 120 Millionen Gespräche geführt. Zum Vergleich: 1999 waren es rund eine Milliarde, 2008 210 Millionen und 2009 165 Millionen.