Das Stendaler Stadtarchiv ist nicht nur Aufbewahrungsort für Akten der Stadtverwaltung, sondern auch eine Schatzkiste der Stadtgeschichte. Die Volksstimme öffnet diese Schatzkiste in einer neuen Serie und stellt mit Hilfe von Stadtarchivleiterin Simone Habendorf neu aufgenommene Stücke und Dokumente vor. Heute: Eine Besitzurkunde der Adler-Apotheke.

Stendal l Täglich wächst die Sammlung des Stadtarchivs um zwei Exemplare: nämlich die aktuellen Ausgaben der beiden Stendaler Tageszeitungen. Was da drin steht, wird eines in weiter Ferne liegenden Tages womöglich als kurios, interessant oder gar geschichtsträchtig angesehen und nachgeschlagen werden. Im Stadtarchiv am Mönchskirchhof landen aber auch Dinge, die uns heutigen Menschen Geschichte erzählen.

So ein "Ding" ist eine Urkunde von 1649, die gerade Ende November ins Archiv gebracht wurde. Sie dokumentiert den Verkauf der Adler-Apotheke in der Breiten Straße 66 (vis-à-vis dem Winckelmann-Platz) aus städtischer in private Hand. "Der Rat zu Stendal hat sie damals, weil die Stadt infolge des Dreißigjährigen Krieges verarmt und verschuldet war, verkauft. Und zwar an die Brüder Schultze", fasst Archivleiterin Simone Habendorf den nach damaliger Gepflogenheit etwas umständlich und äußerst förmlich gehaltenen Text kurz zusammen. Die Urkunde bestätigt die Genehmigung des Landesherrn, in diesem Falle Friedrich Wilhelm Markgraf zu Brandenburg, "denn eine Apotheke durfte ja nicht jeder führen", erklärt Habendorf.

"Wenn man einmal anfängt, sich damit zu beschäftigen, kann man schon mal die Zeit vergessen."

Simone Habendorf, Leiterin des Stadtarchivs Stendal

Dieser Eigentumsnachweis nun wurde von allen nachfolgenden Besitzern der Apotheke übernommen und aufbewahrt. So auch von Hermann Söhle. "Er war der Urgroßvater von Renate Feldmann aus Celle, die uns diese Dokumente übergeben hat, wozu noch weitere Eigentumsnachweise aus späteren Jahren gehören", sagt die Archivleiterin, die sich das Staunen der Nachfahrin über diesen ideell wertvollen Besitz angenommen hat. "Es wusste lange niemand, dass er diese Urkunden gehabt hatte."

Und die sind, bevor sie nun wieder nach Stendal kamen, durch Vererbung und Umzüge ein wenig durch die Weltgeschichte gereist. Hermann Söhle, seit 1892 Besitzer der Adler-Apotheke, verkaufte sie 1909 und zog nach Berlin. Von dort ging es nach Carolinensiel in Ostfriesland, seine verwitwete Frau und die Tochter zogen 1934 wieder nach Stendal, die historischen Urkunden dabei im Gepäck. Die Enkelkinder Erna und Margarete zog es in den 1940er Jahren schließlich in den Westen Deutschlands, wo dann eben auch die Urenkel aufwuchsen - mit den Stationen Bad Oeynhausen, Minden, Bad Soden, Bad Godesberg, Erftstadt, Wuppertal und zuletzt Celle, von wo die Urenkelin Renate Feldmann nun den Bogen zurück nach Stendal schlug und die vererbten Dokumente aus dem Familienbesitz abgab.

Für Archivleiterin Simone Habendorf sind solche Schenkungen von großer Bedeutung. Denn viel zu oft landen Fotos, Dokumente oder auch Gegenstände einfach im Müll, verrotten in Kellern oder werden auf Dachböden vergessen. "Da finde ich es schön, wenn jemand, der selber damit nichts mehr anfangen kann, es uns überlässt." Habendorf kann sich sehr begeistern dafür: "Es sind ja oft tolle Sachen. Wenn man einmal anfängt, sich damit zu beschäftigen, kann man auch schon mal die Zeit vergessen."

Dass jemand etwas dem Stadtarchiv vermacht, kommt nicht jeden Tag vor, nicht mal jede Woche, aber manchmal wiederum werden in einem Monat mehrere Stücke abgegeben, von denen die Besitzer möchten, dass sie fachgerecht aufbewahrt und erhalten werden. Und das sind dann meist Dinge, die im Magazin 2 unterkommen - weil sie dort für immer aufbewahrt werden sollen. Sie werden staub-, schmutz- und lichtgeschützt verpackt und im Register verzeichnet. "Und wenn jemand wissenschaftlich damit arbeiten möchte, digitalisieren wir Dokumente auch oder transkribieren sie aus alten Handschriften ins leserliche und verständliche moderne Deutsch."

Das jüngste Dokument kommt wie gesagt täglich neu - in Form der aktuellen Tageszeitung. Das älteste Dokument ist eine Urkunde von 1196, das älteste Buch ein Kirchenbuch von 1497. Aber das kann sich ja mit der nächsten Schenkung an das Stadtarchiv schon wieder ändern.

Die Ursprünge der Adler-Apotheke liegen übrigens im Jahr 1576. Der Rat von Stendal hatte sie als "Eines Ehrbaren Rats Apotheke" gegründet. Von dieser Apotheke bei der Hausnummer 66 ist nach ihrem Umzug ans nördliche Ende der Breiten Straße vor einigen Jahren nur noch das Gebäude übrig. Wo einst Tinkturen, Pulver und Pastillen verkauft wurden, gibt es heute Brötchen, Brot und Kuchen. Aber so ist das nun mal mit der Geschichte: Man kann sie nicht anhalten - nur aufbewahren. Im Gedächtnis oder eben im Archiv.

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