"Ketzer und Köpfe" zeigen sich seit einigen Tagen im Havelberger Dom. Lutz Friedel aus dem Havelland stellt hier seine Skulpturen aus.

Havelberg l Um es gleich vorweg zur nehmen: Dies ist eine sehr gute und sehr schöne Ausstellung. Gut, weil die Qualität der ausgestellten Werke über jedes provinzielle Niveau weit hinaus geht - und schön, weil sie einfach wunderbar zum Dom passt, sich farblich und vom Material her einfügt und trotz der deutlichen Modernität nie in Konkurrenz zum historischen Gebäude stehen will, sondern seine Aussage ergänzt. Ein ganz seltener Glücksfall.

Lutz Friedel ist eigentlich Maler. Die Holzskulpturen entstehen, wie er die Domführer bei seiner freundlichen Voraus-Führung wissen ließ, eher nebenbei als "Hobby", fast in der Havelberger Nachbarschaft, wo Friedel seit 1992 ein zweites Atelier aufgebaut hat. Dass jetzt anlässlich der Buga diese Ausstellung im Dom möglich wurde, ist im Wesentlichen der Initiative von Dompfarrer Städler und seiner Familie zu danken.

Ohne Zweifel gehört Lutz Friedel zu den namhaften Künstlern seiner Generation. Geboren 1948 in Leipzig, wurde er 1977 Meisterschüler bei Bernhard Heisig in Berlin. Bereits im Jahr 1980 nahm er zusammen mit Johannes Heisig, Walter Libuda und Thomas Ziegler an der 12. Biennale de Paris teil. Zunehmender Druck und die Sehnsucht, die Werke der großen europäischen Künstler im Original zu sehen, veranlassten seine Ausreise nach Westdeutschland und die Übersiedlung nach Westberlin. Zahlreiche Aufenthalte bei Künstlerfreunden und in den wichtigsten Museen Europas führten zu nachhaltigen Eindrücken, besonders der spanischen Malerei. 1991 begann er während eines Besuchs beim Holzbildhauer Werner Kratzsch auf Rügen fast nebenbei mit der Arbeit an den Kopfskulpturen, die er bis heute in seinem Atelier in Friesack/Mark weiterführt.

Zur Ausstellungseröffnung waren zahlreiche Besucher in den Dom gekommen. Grußworte gab es von Martin Gorholt, dem Staatssekretär für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, und von Brigitte Faber-Schmidt, der Geschäftsführerin der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte. Im Rahmen des diesjährigen Projekts des Kulturlands Brandenburg -"gestalten - nutzen - bewahren. Landschaft im Wandel" - haben beide die Ausstellung in Havelberg gefördert. Die Einführung hielt der Direktor der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, Kulturbeauftragter und Pfarrer Christhard-Georg Neubert.

Wer als Besucher den Dom an normalen Tagen betritt (durch den Kreuzgang, weil das Westportal geschlossen ist), sollte unter die Empore gehen. Gleich links neben dem Eingang entdeckt er dann die Skulptur eines Frauenkopfes, erfüllt von jenem sanften, distanzierten Ernst im Ausdruck, der für Friedels Köpfe so typisch ist. Vielleicht nimmt der Besucher sich Zeit für eine Zwiesprache: dann mag es sein, dass sie ihm hilft, zur Ruhe zu kommen nach den unglaublich vielen optischen Eindrücken der Buga. Beim Weg unter die Empore stehen weitere Köpfe einfach so auf dem Boden und signalisieren: "Schau auch nach unten!".

Friedel hat seine "Köpfe" deutlich und mit Absicht von den "Ketzern" getrennt. Man könnte vorschlagen, sich nun die "Ketzer" im Nordschiff, vor den mittelalterlichen Glasmalereien mit den Bildern aus dem Leben Jesu anzusehen. Auch hier nehme man sich Zeit. Zur Intention des Künstlers gehört das Nachdenken: Was empfindet ein Mensch, der nach Folter und Verhör vor der Menge dargestellt oder ausgestellt wird? Wie drückt sich das in seinem Gesicht aus? Er kann sich nicht die Hände vors Gesicht halten, denn die sind gefesselt. Die spitzen Hüte, Bischofsmützen als Narrenhüte, sind Teil seiner Qual. Sie machen ihn und sein Vergehen allen deutlich sichtbar. Aber: was hat er denn getan? Er hat anderes gedacht als die Staatraison, mit der Kirche fest verbündet, verlangt hat. Vielleicht ist er denunziert worden. Das reichte ja zusammen mit den furchtbaren Verhören aus, um zum Tod verurteilt zu werden. Man stelle ihn sich vor auf seinem Karren sitzend, auf dem Weg zum Scheiterhaufen durch die kreischende Menge fahrend. Das ist der Gipfel der Ausgrenzung, eine menschliche Katastrophe. Wehret den Anfängen!

"Walhalla der Nichtse"

Wenn der Besucher den Platz vorn, unter der Kreuzigungsgruppe, erreicht hat und sich umdreht, hat er den besten Blick auf die Gruppe der Köpfe unter dem Orgelprospekt. Friedel hat seine Köpfe einmal "Walhalla der Nichtse" genannt, mit Blick auf die Glorifizierung der Helden in jenem tempelähnlichen Bau bei Regensburg. Aber hier im Dom sind die Nichtse "Wer". Sie sind zeitlose Betrachter einer jahrhundertelangen Geschichte, stellen den Betrachter in die Zeitenfolge hinein und halten Zwiesprache mit dem Geschehen der Kreuzigungsgruppe und des Lettners. Da schließt sich ein Kreis, und der Besucher mag sich fragen, wie es möglich war, dass eine Religion, die sich auf einen gekreuzigten "Ketzer" beruft, die ideologischen Grundlagen für eine solche unmenschliche, tödliche Ausgrenzung liefern konnte.

Lutz Friedel hat als Hilfe für den Besucher ein aufwändiges Faltblatt bereitgelegt, mit poetisch-informativem Text von Hans-Dieter Schütt. Es ist im Domladen erhältlich.

Bilder