Nach der Premiere im vergangenen Jahr, hat das Havelberger Osterspiel an diesem Ostersonntag zum zweiten Mal die Besucher im Havelberger Dom begeistert. Die Stimmen der Solisten und der Kantorei erfüllten das Gotteshaus. Eine halbe Stunde lang erklang gregorianischer Gesang, wie er so ähnlich schon vor gut 500 Jahren in dem Gotteshaus zu hören war. Denn das Osterspiel hat im Mittelalter seinen Ursprung.

Havelberg. Die Verkündung der frohen Osterbotschaft, die Auferstehung Jesus Christus, wurde schon seit dem frühen Mittelalter von der Kirche durch szenische Spiele zelebriert. Seit fast tausend Jahren gibt es lateinische Osterfeiern und Osterspiele, hat Dr. Martin Langner im Programmheft zur Geschichte des Osterspiels geschrieben. Der Germanistik-Professor beschäftigt sich seit langem mit Osterspielen und hat mit dazu beigetragen, dass das Havelberger Osterspiel in rekonstruierter Fassung wieder aufgeführt werden kann.

Das besondere am Havelberger Osterspiel, das im 15. Jahrhundert von den Prämonstratenser Chorherren gezeigt wurde, ist seine "strenge Spiegelsymmetrie, die sich in die räumliche Situation, der Stimmenbesetzung, der Dynamik, der Bewegungen und der Musik einschreibt", so Langner. "Die ganze Komposition ist auf diese Weise auf den zentralen Punkt des Spiels ausgerichtet: der Moment, an dem der auferstandene Herr auftritt." Dabei steht die Figur der Maria Magdalena als menschliche Sünderin für den Zuschauer im Mittelpunkt. Sie stellt die Identitätsfigur für die Menschen des Mittelalters dar, da sie ihre Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nie aufgibt.

Die mittelalterliche Gläubigkeit und Ästhetik ist für heutige Zuschauer durch die Gestaltungselemente gut nachzuvollziehen, berichtet Martin Langner. Etwa im dramatischsten Moment des Spiels, der die stillste Passage der Inszenierung ist: die Wiederbegegnung Maria Magdalenas mit Christus. "Wir verstehen, dass diese Inszenierungen dazu beitrugen, die Gemeinden enger miteinander und mit der christlichen Botschaft zu verbinden."

Das Havelberger Osterspiel wieder zur Aufführung zu bringen, erforderte einiges an Arbeit. Denn eine geschlossene musikalische Vorlage existiert dafür nicht mehr. Die Eckpunkte bilden die beiden Chorgesänge Responsorium und Te Deum laudamus. Die Vorlagen dafür fanden sich in Büchern von Matthäus Ludecus, so Domkantor i.R. Gottfried Förster im Programmheft zur Geschichte der Wiederaufführung des Osterspiels. Beide Bücher sind im Besitz des Prignitz-Museums. Andere Elemente der Musik wurden einer alten Ostersequenz und anderen Vorgaben aus dem Mittelalter entnommen, noch fehlende Melodien zum Teil neu geschrieben.

Den Zuhörern am Sonntag wurde von der Kantorei, in der Judith Tetzlaff als Maria Jacobi, Angela Lazar als Maria Salome, Simone Dülfer als Maria Magdalena, Dr. Beate Bohlender und Katrin Rauls als Engel, Andreas Förster als Christus sowie Ralf Dülfer und Gottfried Förster als Jünger als Solisten mitwirkten, ein Spiel geboten, das eindrucksvoll die Wiederauferstehung Jesus Christus darstellt. Die Kulisse des Doms und die Akustik, die den Gesang durch das Gotteshaus ohne technische Hilfsmittel trägt, ergreifen und lassen nachempfinden, wie die Osterbotschaft im Mittelalter hinausgetragen wurde.

Für die Mitglieder der Kantorei bedeutete die Wiederaufführung ein ganzes Stück Arbeit, berichtete der neue Kirchenmusiker Mike Nych, der dieses Mal die musikalische Leitung hatte. Finden Proben sonst 14-tägig statt, trafen sich die zwölf Sängerinnen und Sänger in Vorbereitung auf das Osterspiel wöchentlich, um den lateinischen Gesang einzustudieren. Das Spiel ist eine ganz andere Herausforderung gegenüber anderen Chorsätzen, so Mike Nych, der nach der Aufführung am Sonntag sehr zufrieden mit der Leistung der Kantorei war. Die Freude am Osterspiel war den Beteiligten anzusehen, und auch dem Publikum gefiel die Aufführung, auch wenn es das nicht durch Applaus zum Ausdruck bringen konnte. Denn der Gesang wird unter dem Geläut der Domglocken beim Auszug der Sänger bis auf den Domplatz hinausgetragen.

Die liturgische Rahmenhandlung der Osterfeierlichkeiten der evangelischen Kirchengemeinde Havelberg bildete der Kanon "Zeig uns das Licht zur Nacht". Er wurde am Sonnabend in der Osternacht ebenso gesungen wie am Sonntag zum Ende des Osterspiels, so Mike Nych.

Viele Menschen kamen über die Feiertage in den Dom, berichtete Pfarrer Thomas Krispin. Auch der Gottesdienst am Vormittag des Ostersonntags war gut besucht. Zum Osterspiel waren es rund 120 Kinder und Erwachsene, die sich das historische Musikwerk anhörten. Das war zugleich der Auftakt der Havelberger Dommusiken 2011 und ein nächster Schritt dahin, dass das Osterspiel zur Tradition am Dom wird.