Jetzt im Mai wird die Erinnerung vieler Älterer an die letzten Kriegstage 1945 wieder ganz deutlich. Zu denen, die vor 66 Jahren an der Elbe um ihr Leben bangten, gehört Guntram Gstach aus dem österreichischen Bregenz. Seit er vor fünf Jahren begann, ein Stück seiner Geschichte aufzuarbeiten, hat er engen Kontakt zu Familie Neumann in Schönhausen. Denn die hat ihm geholfen, noch einmal an die Stellen zurückzukehren, die sein Leben prägten.

Von Anke Schleusner-Reinfeldt

Schönhausen. Als Brigitte Neumann im Sommer 2006 nach einer ihrer Kirchenführungen im Pfarramt einen Blick über den Schreibtisch warf, fiel ihr ein Brief eines Österreichers auf, der den Pfarrer um Hilfe bei der Suche nach einer Familie bat. Eine Frau mit zwei Kindern und einem Baby hatte ihm, einen 16-jährigen Soldaten, Unterschlupf gegeben. In dem Brief schreibt er: "Kurz nach dem Waffenstillstand am 8. Mai 21945 hatte ich mit zwei anderen ehemaligen Soldaten in einem Schuppen hinter dem Hauptgebäude in der Fontanestraße Zuflucht gefunden. Das Haus war bewohnt von einer Frau mit zwei Kindern und einem Baby, welche dort nach einem Bombenangriff in Hamburg einquartiert wurden. Zwei Tage später wurden wir in unserem Schuppen von einigen Russen aufgespürt und in das damals noch stehende Hauptgebäude des Bismarck-Schlosses geschleppt und dort für anfallende Arbeiten festgehalten. Nach drei Wochen verließ die im Schloss stationierte Einheit bis auf einige Offiziere das Schloss und wir konnten in unseren Schuppen zurückkehren. Inzwischen war der Mann der Familie, ebenfalls ein ehemaliger Soldat, zur Familie gestoßen. Kurz darauf starb das Baby. Beim Begräbnis dabei war der evangelische Pfarrer und als Trauergäste nur die Familie und wir drei aus dem Schuppen." Weil er den für ihn "schicksalsträchtigen Ort besuchen möchte", bat er um den Nachschlag im Kirchenbuch.

Auch wenn der Pfarrer sagte, dass man da nicht helfen könne, machte sich Brigitte Neumann noch einmal daran, die Kirchenbücher zu wälzen. Und wurde fündig. Das Baby, das damals gestorben ist, hier Hans-Peter Sadowsky. Diesen Namen und auch ein Foto vom Grundstück schickte sie an Guntram Gstach. Und es dauerte nicht lange, da stand der damals 80-Jährige vor der Tür. Zusammen mit Neumanns begab er sich auf Spurensuche in Schönhausen, erkannte viele Stellen wieder - natürlich den Park und die Kanonen.

Zwischen dem Schönhauser Ehepaar und dem Österreicher hat sich ein intensiver Kontakt aufgebaut. Neumanns besuchten den Senior in seiner Heimat, wir schreiben uns e-mails und telefonieren regelmäßig. Und jetzt mit 85 Jahren will Guntram Gstach gern noch einmal nach Schönhausen kommen. Zu gern würden Neumanns ihrem Freund den Wunsch erfüllen, vielleicht doch noch eines der beiden Sadowsky-Kinder ausfindig zu machen. Vor zwei Jahren fiel ihr beim Lesen der Traueranzeigen in der Volksstimme der Name Sadowsky eines Witwers aus dem Raum Tangerhütte auf. "Das könnte ja vielleicht möglich sein", wagte sie zu hoffen. "Denn Guntram und die Familie waren im Sommer 1945 noch zusammen über die Elbe gegangen, bevor sich ihre Wege trennten. Vielleicht sind Sadowskys ja in der Nähe geblieben." Brigitte Neumann machte die Telefonnummer ausfindig und rief den Herren an. Doch er war in seiner Trauer noch so gefangen, dass er gar nicht zuhörte und auflegte. So verlief die Spur im Sande.

Guntram Gstach, der als Lehrer gearbeitet hat, ist dennoch froh, so engen Kontakt nach Schönhausen zu haben. Seine Erinnerungen an die Zeit, als er auf dem langen Weg nach Hause auch etliche Wochen im Elbe-Havel-Land gestrandet war, hat der Senior aufgeschrieben. In den kommenden Tagen können sie lesen, wie der 16-jährige Soldat anfangs noch mit drei Kameraden unterwegs, in Havelberg vor einer alten Frau Essen und Zivilkleidung bekommen hatte, nach Klietz radelte und dann einige Wochen in Schönhausen lebte.