Viele Menschen verfolgen in diesen Tagen angespannt den Wetterbericht. Es gibt viele Nachrichten über Hochwasser, auch in dieser Region steigen die Pegel. Volksstimme sprach mit Hagen Müller, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes "Obere Ohre" mit Sitz in Oebisfelde, über die Hochwassersituation in der Region.

Volksstimme: Herr Müller, viele Äcker, Wiesen und Gärten glichen in den vergangenen Tagen auch in unserer Region eher einer Seenlandschaft. Anwohner klagen über Wasser in Kellern ihrer Wohngebäude. Wie ist die Situation?

Müller: Wir sind im letzten Jahr mit relativ hohen Grundwasserständen in den Winter gegangen. In den letzten zehn Jahren haben die Niederschlagsmengen in den Wintermonaten deutlich zugenommen. Die Schneeschmelze brachte kürzlich allein 30 bis 40 Millimeter Wasser auf die Flächen. Diese waren zum Teil noch gefroren oder so mit Wasser gesättigt, dass das Wasser an der Oberfläche stehenblieb. Die weiter gestiegenen Grundwasserstände führten mancherorts auch zu nassen Kellern.

Großflächige Überflutungen von Wohngebieten, wie wir sie aus südlichen Regionen unseres Landes kennen, sind bei uns nicht zu erwarten. Probleme gibt es jedoch auch bei uns immer wieder mit kleineren Gewässern, wie dem Dorfgraben in Hanum. Dort fallen kurzzeitig größere Wassermengen an. Allerdings sind dort einige Probleme hausgemacht.

Volksstimme: Was meinen Sie damit?

Müller: Wir räumen den Dorfgraben Hanum zweimal im Jahr. Wir haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass auf einigen Grundstücken die Überfahrten zu kleine Rohre aufweisen. Einige Anwohner waren nicht bereit, dies zu ändern. Zudem hat die verantwortliche Wasserbehörde die Änderung nicht durchgesetzt. Wenn diese Durchlässe dann noch mit Gittern zugestellt werden, sind Probleme vorprogrammiert.

Volksstimme: Sind im Verbandsgebiet derzeit alle Stauanlagen geöffnet?

Müller: Meine Mitarbeiter haben in Berücksichtigung des angekündigten Tauwetters bereits vor Weihnachten die letzten notwendigen Maßnahmen an den 130 zu öffnenden Stauanlagen vorgenommen. Glücklicherweise ist es uns Anfang der 1990er Jahre gelungen, die Unterhaltung und Bedienung aller Stauanlagen beim Unterhaltungsverband zu bündeln. Das macht viel Arbeit, sichert aber eine fach- und sachgerechte Bedienung der Anlagen im Verbandsgebiet. In anderen Regionen ist dies durchaus nicht üblich.

Volksstimme: Welche Maßnahmen haben Sie darüber hinaus getroffen, um den Fluten zu trotzen?

Müller: Wir haben in unserem Verbandsgebiet beste Voraussetzungen, dem Hochwasser zu begegnen. Die Kultivierungen im Drömling in den letzten Jahrhunderten schufen die entsprechenden Voraussetzungen. Zur Hochwasserbewältigung brachte jedoch erst der Bau des Mittellandkanals in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Durchbruch. Dem Mittellandkanal können über drei Entlaster aus Aller und Ohre sowie über die beiden Schöpfwerke am Allerkanal maximal 24 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zugeleitet werden. Diese enorme Wassermenge wird dann bei Glindenberg aus dem Mittellandkanal in die Elbe geleitet.

Derzeit haben wir den Ohrehochwasserentlaster und die beiden Schöpfwerke in Betrieb. Unsere Nachbarn in Niedersachsen leiten nördlich von Grafhorst über den Allerentlaster I Wasser aus der Aller in den Mittellandkanal. In Summe sind dies derzeit etwa 15 Kubikmeter pro Sekunde, die dem Mittellandkanal zufließen.

Die fast bordvolle Ohre passieren bei Calvörde derzeit ebenfalls etwa 15 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Ohne die Hochwasserentlastungen in den Mittellandkanal würde die Ohre derzeit die doppelte Wassermenge abführen müssen. Jeder kann sich vorstellen, was dann zwischen Jahrstedt und Calvörde passieren würde.

Volksstimme: Die geplante Vernässung von Teilflächen des Drömlings wird gerade in Zeiten mit nassen Kellern kritisch gesehen. Sind Befürchtungen berechtigt?

Müller: Wir leben diesbezüglich in einem Spannungsfeld. Landnutzer und Hauseigner fordern hin und wieder von uns, Stauanlagen früher zu öffnen. Die Vertreter des Naturschutzes sehen das genau umgekehrt. Beides schließt sich aber aus.

Wir haben wasserrechtlich festgesetzte Stauziele umzusetzen. Damit sind bestimmte Flächen von Naturschutzgebieten zu vernässen, die übrigen Flächen aber von Vernässungen weitestgehend zu verschonen. Beides lässt sich nur mit Abstrichen umsetzen, denn eine totale Isolierung dieser Gebiete voneinander ist wassertechnisch nicht möglich. Die beste Voraussetzung, beiden Anforderungen weitestgehend zu entsprechen, ist der Erhalt funktionstüchtiger und steuerbarer Gewässer und Anlagen im Verbandsgebiet.

Volksstimme: Wird der Verband die Funktionstüchtigkeit auch in Zukunft sicherstellen?

Müller: Die Verbandsversammlung hat für 2011 keine Beitragserhöhung beschlossen. Der Flächenbeitragssatz beträgt 2011 7,98 Euro pro Hektar und der der Erschwernis 2,68 Euro pro Einwohner. Allerdings müssen wir seit 2008 den Haushalt mit Geldern aus der Rücklage ausgleichen. Dies Geld ist 2012 aufgebraucht. Die Gremien des Verbandes werden sich dann mit einer Beitragserhöhung befassen müssen.

Der Kostendruck auf den Verband ist groß. Das vorhandene umfangreiche, kostenintensive Gewässernetz und eine nur durchschnittliche Größe der Beitragsfläche stellen dafür die Hauptursache dar. Bis 2008 wurden durch das Land an die Unterhaltungsverbände sachbezogene Zuschüsse gezahlt. Diese glichen die unterschiedlichen Voraussetzungen in den Verbänden teilweise aus. Die Zuschüsse sind seit 2009 weggefallen.

Zu erhöhten Kosten führen aber auch seit Jahren zunehmende Beeinträchtigungen durch Biber im Drömling. Auch allgemeine Teuerungen wie zum Beispiel aus Ersatzbeschaffungen von Maschinen und Geräten sowie für Treibstoffe belasten den Verband immer mehr. Wir werden dennoch versuchen die Unterhaltung der Gewässer und Anlagen sicherzustellen. Dies ist eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung.

Volksstimme: Herr Müller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.