Am 20. Januar 2011 war Silke Wolf ein Jahr als Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde Stadt Oebisfelde-Weferlingen im Amt. Die Volksstimme sprach mit ihr über das erste Jahr in diesem Amt, über Wünsche, die sich erfüllt haben, und Vorhaben für die Zukunft.

Volksstimme: Lassen Sie uns mit der schlichten Frage anfangen, was machen Sie als erstes, wenn Sie morgens an Ihren Arbeitsplatz gehen?

Silke Wolf: Ich glaube, nichts anderes als tausende andere Berufstätige auch. Gang zum Zeiterfassungssystem, ins Büro, Computer hochfahren und meinen Konferenztisch ins Auge fassen – meist warten schon Unterschriftsmappen und Post.

Volksstimme: Haben Sie sich die bisherige Entwicklung der Stadt Oebisfelde-Weferlingen so vorgestellt, wie sie sich bisher zeigt?

Silke Wolf: Ehrlich gesagt nein. Ich bin von wesentlich mehr Schwung in der Gemeinde und von mehr Optimismus ausgegangen. Wir haben ja im Gebietsänderungsvertrag die Bauziele der nächsten Jahre festgelegt, auch im Stadtentwicklungskonzept. Meine Hoffnung war, dass sich die Ortschaftsräte auf die Förderrichtlinien stürzen und neue Ideen bringen – die langfristig vorbereitet werden müssen. Einige Beispiele für Oebisfelde sind die Platzgestaltung Lessingeck, das Vermarktungskonzept Burg mit Schlossladen oder Café, die Schaffung eines Bürgervereins zur Organisation von Festen, gemeinschaftliche Lösungsansätze für Kulturarbeit in der Nicolaikirche, Parkplatzgestaltung Lange Straße, Weddendorfer Saal … Ich hatte mich mehr in der Position des Ausbremsers gesehen.

Insgesamt ist die Entwicklung weiterhin sehr gut. Unsere Hauszahlen besagen 142 Geburten, Arbeitslosenzahlen weit unter dem Landesdurchschnitt, eine Struktur, die solide aufgestellt ist. Wir müssen keine Kita oder Schule schließen – wir bauen aus! Die Gemeinde stemmt alles bisher aus eigener Kraft. Einige Betriebe erweitern gerade ihre Produktionsstellen beziehungsweise sind dazu in der Vorbereitung. Wir haben kein Hochwasser. Es fließen durch die Ortsumgehung noch Landesmittel in die Stadt, da die umzuwidmenden Straßen noch verbessert werden. In der gesamten Gemeinde haben wir private Bauanträge.

Nur die Einwohnerzahl sinkt leider weiter.

Volksstimme: Welche Probleme müssen Ihrer Meinung nach als nächstes in Oebisfelde-Weferlingen angepackt werden?

Silke Wolf: Eine Imageverbesserung ist dringend notwendig. "Es ist schön hier, weil … Es lohnt sich hierzubleiben, weil …" Das kommt mir zu wenig zum Ausdruck. Die Ansiedlung weiterer Unternehmen ist dringend notwendig, um die Einnahmen der Gemeinde langfristig zu stabilisieren. Mit dem altersgerechten Umbau stecken wir noch in den Kinderschuhen. Ich freue mich, dass die Diakonie Wolfsburg ins Auge gefasst hat, Ihr Heim zu erweitern, es fehlen aber weiterhin altersgerechtes Wohnen und in Oebisfelde eine Begegnungsstätte für Senioren in ausreichender Größe. Abgesenkte Fahrbahnkanten, ärztliche Versorgung und der öffentliche Personennahverkehr sind weitere wichtige Ansatzpunkte.

Volksstimme: Wie sehen Sie die Zuammenarbeit mit Ortschafts- und Stadtrat?

Silke Wolf: Wir sind leider noch nicht an dem Punkt, wo die Gesamtgemeinde im Vordergrund steht. Alle Projekte, die bereits angeschoben wurden, sind jedes für sich toll. Jetzt sollte die Aufgabe sein, das Ganze miteinander zu vernetzen und gemeinschaftlich zu nutzen. Dabei sind Terminabstimmungen vonnöten, damit man sich nicht gegenseitig die Kunden streitig macht. Ich fände es toll, wenn wir verstärkt das, was gut läuft, kopieren und auf unsere ansässigen Unternehmen bei Aufgaben zurückgreifen. Es schien am Anfang bei einigen Räten mit Doppelfunktion noch schwierig zu sein, in beiden Gremien konsequent zu bleiben. Dies ist jetzt geregelt. Im Großen und Ganzen ist aus meiner Sicht aber die Zusammenarbeit sehr gut. Vorschläge von Ortschaftsräten werden im Stadtrat meist umgesetzt und die Ortsbürgermeister können ihren Standpunkt erläutern. Sie kennen die Gegebenheiten am besten. Im letzten Jahr wurden zwei Maßnahmen in Ortsteilen durch andere ersetzt. Problemlos.

Volksstimme: Wie gehen Sie mit Kritik an der Art der Zusammenarbeit um?

Silke Wolf: Kritik wird es immer geben. Konstruktive Kritik ist förderlich. Wir sind zurzeit vor einer Landtagswahl und da ist der Schlagabtausch meist etwas derber. Der Ton macht die Musik und ich erwarte von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, einen gepflegten Umgangston. Jeder sollte den anderen schätzen und achten und dann läuft es am besten.

Volksstimme: Was haben Sie im ersten Jahr Ihrer Amtszeit dazugelernt?

Silke Wolf: Eine Menge. Dabei ist die Kombination aus Verwaltungs- und politischer Leitung der schwierigste Spagat in diesem Job. Immer das richtige Maß zu finden, das ist der Bereich, wo ich am meisten dazugelernt habe. Mit den Amtsleitern anderer Gemeinden gute Kontakte aufzubauen, um Erfolge, aber auch Fehler weiterzugeben, etwa bei Tagungen oder Telefonaten, das bringt sehr viel. Durch das Pflegen dieser Kontakte kann man sehr viel dazulernen.

Volksstimme: Vor einem Jahr sprachen wir über das Thema Neuerschließung von Gewerbeflächen, wie sieht es da aus?

Silke Wolf: Lassen Sie sich überraschen. Über die Firma Offfit Invest vermarkten wir das Gewerbegebiet Krumme Breite. Es gibt viele Impulse und wir werden in diesem Jahr die erste Ansiedlung begrüßen können. Sollten wir einen Großinvestor für Oebisfelde interessieren können, sind mit dem Landkreis bereits Absprachen getroffen. Von dort werden wir Hilfe bekommen, wenn es um zügige Flächenplanungen und Ähnliches geht. Derzeit ist ein wirklicher Großinvestor aber noch nicht in Sicht.

Volksstimme: Was ist das Nervigste an Ihrem Job?

Silke Wolf: Etwa 40 bis 60 Telefonate am Tag, die noch zwischendurch erledigt werden müssen.

Volksstimme: Was sind die schönsten Momente als Bürgermeisterin und welche ist die wichtigste Eigenschaft, die Sie als Bürgermeisterin mitbringen müssen?

Silke Wolf: Einer der schönsten Momente war, als ich hier im Rathaus einen Kinderbrief bekam. Darin stand so sinngemäß, dass der Junge erst ans Fernsehen schreiben wollte, aber sich dann dachte, dass er sowieso keine Antwort bekommen würde. Deshalb schrieb er dann an mich. Er musste als Hausaufgabe die Frage beantworten, warum an den Straßen entlang Bäume stehen. Ich hoffe, meine Antwort kam noch rechtzeitig an.

Die wichtigste Eigenschaft in meinem Beruf ist für mich Toleranz. Auch Vielseitigkeit ist wichtig.

Volksstimme: Würden Sie sich noch einmal zur Wahl stellen und Bürgermeisterin von Oebisfelde-Weferlingen werden wollen?

Silke Wolf: Ja, ein ganz klares Ja. Mir macht das wirklich Spaß.

Volksstimme: Wenn Sie nicht Bürgermeisterin wären, welchen Beruf würden Sie dann wählen?

Silke Wolf: Ich kann auf jeden Fall sagen, was ich nicht mehr machen möchte. Ich komme ja aus der Finanzverwaltung. Jeden Tag im Büro nur mit Zahlen jonglieren, das möchte ich nicht mehr. Mit Menschen arbeiten und versuchen, etwas zu bewegen, das liegt mir mehr.

Volksstimme: Für wie wichtig halten Sie Idealismus und moralische Verantwortung als Bürgermeisterin und Verwaltungsleiterin?

Silke Wolf: Ohne Idealismus und eigene Moral kann man diesen Job nicht machen. Aber man muss auch seinen inneren Schweinehund überwinden, muss ein Stehaufmännchen sein und versuchen, gut mit Kritik umzugehen, sie nicht persönlich zu nehmen. Wenn ich merke, dass mir das nicht mehr gelingt, würde ich den Hut nehmen. Man muss auch sehr organisiert und diszipliniert sein, weil der Bürger sehr kritisch ist und gerade in dieser Funktion nicht erwartet, dass persönliche Schwäche gezeigt wird.

Volksstimme: Wovon träumt die Oebisfelder Bürgermeisterin?

Silke Wolf: Von mehr Zeit für meine Kinder, für meine Familie. Und für mein Projekt, den Garten in den nächsten Jahren noch einmal komplett umzugestalten. Das ist für mich ein wirklich guter Ausgleich, auch mal in der Erde zu buddeln.