Wenn andere schon längst die Nase voll haben, geht es für ihn erst so richtig los: Der Rostocker Ronald Prokein fuhr in einem Lada Niva von seiner Heimatstadt zum sibirischen Kältepol, hielt Temperaturen von -56 Grad Celsius aus, erduldete Behördenwillkür, bangte um sein Leben bei einem Überfall und lernte bemerkenswerte Menschen kennen. Über solche und andere Erlebnisse auf seiner Reise berichtete er am Dienstag in der Klötzer Bibliothek.

Klötze. Wochenlang mussten Ronald Prokein, sein Mitstreiter Andy Winter und Schäferhund Arthus ohne Heizung auskommen. Selbst in ihrem Lada Niva herrschten Temperaturen von -40 Grad. "Im Gepäck hatten wir Messgeräte von Wettermann Jörg Kachelmann für 4000 Euro", berichtete Ronald Prokein. Ihr Ziel: Das sibirische Jutschugej. Das Dörfchen könnte der kälteste bewohnte Ort der Erde sein. Ob das so ist, wollten sie herausfinden.

Seinen kombinierten Dia-Film-Vortrag über die Abenteuerreise, die am 29. Dezember 2007 begann, würzte der 40-jährige Rostocker mit zahlreichen Begebenheiten, berichtete von beeindruckenden Menschen, aber auch gefährlichen Situationen. "Eine solche Reise kann man nur mit Verrückten machen", sagte Prokein, "mit normalen Menschen funktioniert das nicht."

11000 Kilometer bis Jutschugej lagen vor ihnen. Sie fuhren ohne Pause und schliefen in ihrem Auto. "Der Lada war unser Wohnzimmer", sagte der Rostocker. Die meteorologischen Geräte mussten sie nach Russland schmuggeln, eines deklarierten sie gar als Wäschetruhe.

Als die Temperaturen die Minus-30-Grad-Marke unterschritten, musste der Motor des Lada wochenlang durchlaufen - sonst wäre das Öl eingefroren, der Motor hätte mit Feuer aufgetaut werden müssen.

Unterwegs lernte Prokein eine junge, aber etwas korpulente Kellnerin kennen. "Nach drei Stunden wollte sie mich heiraten", berichtete der Weltenbummler. "Weil das nicht klappte, behielt sie wenigstens mein Handy, habe ich später bemerkt."

Bei den Jakuten lernte er gastfreundliche Menschen kennen. Er ließ sich Pferdeschaschlik schmecken, nippte aber nur an der gegorenen Stutenmilch. "Sonst kriegt man Durchfall ohne Ende", so der Rostocker.

Inzwischen waren am Lada von der Kälte und dem ständigen Ruckeln die Rücklichter abgefallen. Manchmal gab es 1000 Kilometer keine Tankstelle. Als ihnen mal das Benzin ausging, zog sie ein Laster ins nächste Dorf, wo ihnen geholfen wurde. "Ohne einen Cent zu bezahlen", freute sich Prokein, für den die Russen ohnehin "die gastfreundlichsten Menschen der Welt sind".

Unterwegs sahen sie das größte Diamantenloch der Welt, zogen sich lieber zurück, als ein betrunkener Jakute mit der Axt auf ihr Auto losging und fuhren über die zugefrorene Lena, die an dieser Stelle 14 Kilometer breit war.

Schockierend war für ihn das Treffen mit seinem Freund Polikari: Diesem mussten beide Hände amputiert werden, weil er allein zur Jagd gegangen war, durch das Eis brach und erst spät Hilfe fand. Um ihm zu helfen, starteten die Abenteurer eine Promi-Malaktion: Sie ließen von Udo Lindenberg und anderen Rentiere malen und versteigerten die Bilder. 100000 Euro kamen zusammen und Polikari erhielt hochwertige Prothesen.

Ronald Prokein und Andy Winter gruben die Messgeräte einen halben Meter tief in den Permafrostboden ein - drei Tage dauerte das. Es stellte sich heraus, Jutschugej und nicht Oimjakon, wie bisher angenommen, ist der kälteste bewohnte Ort der Erde.

Für Prokein und Winter war die Reise damit aber nicht beendet. Sie fuhren gen Süden durch die Mongolei, China, Singapur bis Marble Bar, dem heißesten Ort Australiens.