Vor 50 Jahren wurde in Hötensleben ein Kunstkabinett eröffnet. Der damalige Musiklehrer Jörg-Heiko Bruns, der später sein Hobby zum Beruf machte, war der Initiator für diese in einem Dorf der DDR einmalige Initiative. Für die Volksstimme hat der heutige Kunstwissenschaftler, Publizist und Kurator einige Erinnerungen an diese besondere Zeit notiert.

Hötensleben l Knapp ein Jahrzehnt lang bestand das Kunstkabinett im damaligen Dorfklub Hötensleben. Es war - natürlich, wenn man die Zeit und Umstände betrachtet - ein umstrittenes, aber auch ungemein spannendes und erfüllendes Projekt. Die Ausstellungen haben den kleinen Ort weit bekannt gemacht und nicht wenige junge Künstler, die sich später erfolgreich auf internationalem Kunstparkett bewegten, haben in Hötensleben ihre ersten Galerieschritte unternommen. Es gab Rückschläge und Talfahrten. Aber es waren auch immer wieder die Künstler, die neuen Mut machten und die Dorfbewohner, die erwarteten, dass wir nicht aufgeben.

Dieses Kunstkabinett war am 14. März 1964 mit Arbeiten der christlich orientierten Berliner Grafikerin Helena Scigala eröffnet worden und entstand nach dem Vorbild des 1961 gegründeten legendären Kunstkabinetts Berlin-Weißensee. Im streng bewachten 500-Meter-Schutzstreifen zur Staatsgrenze West, für den bei jeder Ein- und Ausreise polizeilich kontrollierte Passierscheine benötigt wurden, bedeutete das schon eine kleine Sensation. Es gab auf dem flachen Lande nichts Vergleichbares, man kannte bestenfalls ein Museum in der entfernten Bezirksstadt, und dieses bürgerliche Gebaren mit bildender Kunst, Musik und Literatur war ängstlichen Naturen einfach suspekt. Doch konnten sich die Macher bei aller politischen Beäugung stur auf die Beschlüsse der Bitterfelder Konferenzen berufen, in denen ja gefordert wurde, dass sich die Künstler zum Volke begeben mögen.

So hatten die Menschen im Dorf Gesprächsstoff, Schüler gingen im Kunstunterricht in die Ausstellung und lernten die Künstler zumeist auch persönlich kennen. Merkwürdig war, dass anfänglich an einer Hauptwand des Ausstellungsraumes ein Bild von Walter Ulbricht hängen musste, es durfte nicht abgenommen werden.

Einflussreiche Gegner legten Steine in den Weg

Hier waren erste harte Kämpfe mit engstirnigen Ortsfunktionären zu führen. Erst als Herbert Sandberg, der Buchenwaldhäftling, Kommunist, Jude und ausgezeichnete Künstler, nach Hötensleben kam, durfte das Porträt einen Platz in einem anderen Raum erhalten. Dass damit ein Heiligtum, quasi ein Altar, aus dem Raum verbannt wurde, war fortan Teil von Auseinandersetzungen im Grenzdorf mit wenigen Gegnern aktiven Kulturlebens, die allerdings über großen Einfluss verfügten.

Dennoch: Hötensleben war zu dieser Zeit ein echtes Kulturdorf, in dem das Kunstkabinett eine weitere Bereicherung darstellte. Hier gab es zwei Volkstanzgruppen, ein Kabarett, ein Jugendblasorchester, einen Literatur- und einen Filmzirkel, ein Tanzorchester, einen Chor und einen Singeklub. Das neue Kunstkabinett war also von Beginn an eingebettet in eine kulturvolle dörfliche Atmosphäre. Altmeister Fritz Cremer sprach in diesem Zusammenhang von der "schon fast idealen Vorstellung des schöpferisch tätigen Künstlers über den Bitterfelder Weg". Die Vertreter der damals schon älteren Generation, die mit ihren Werken nach Hötensleben kamen, stellten einen repräsentativen Querschnitt durch die geliebte und ungeliebte Künstlerschaft in der DDR dar: Herbert Sandberg, Herbert Tucholski, René Graetz, Bruno Beye, Wilhelm Höpfner, Doris Kahane oder Lea Grundig, um nur einige zu nennen.

Aber freilich folgten auch weniger erfreuliche Situationen. Zu dem Zeitpunkt, als Ronald Paris Anfang 1966 in Hötensleben ausstellen sollte und im Herbst davor ein Auftritt von Wolf Biermann vereinbart wurde, kam das unrühmliche 11. Plenum des ZK der SED dazwischen. Künstler wurden mit Schlagworten wie Nihilismus, Skeptizismus und gar Pornographie abgekanzelt. Aus Biermanns Auftritt im Grenzgebiet wurde natürlich nichts mehr. Die Widersacher des Kunstkabinetts hatten nach dem Plenum triumphiert. Partei- und Disziplinarverfahren folgten auf dem Fuße, der Rausschmiss aus Beruf und Partei stand zur Debatte. Hier halfen dann nur Verbündete, deren Wort noch Gewicht hatte.

Der Irrtum der ewig Gestrigen, dass sich das Kunstkabinett in irgendeiner Weise gegen die Kulturpolitik richten würde, ist schon fast tragisch zu nennen. Dazu am Rande diese "haarsträubende" Episode: Die Frisur des Leiters des Kunstkabinetts wurde als nicht für einen sozialistischen Lehrer geeignet moniert. Da half auch nicht der Hinweis, dass sich Bertolt Brecht einst ebenso kämmte. Ironie der Geschichte: Einige Jahre später erhielt die örtliche Schule den Namen "Bertolt Brecht".

Galerie für den kleinen Mann

Alle Mitstreiter hatten nichts anderes vor, als den Bewohnern der 4000-Seelen-Gemeinde am Stacheldraht Kunst aller Sparten näherzubringen und ganz ohne Selbstsucht dem Hobbyerlebnis Kunst zu frönen. Dass diese Rechnung aufging, zeigte nach der aktiven Einbindung der Dorfbevölkerung das Interesse der Medien. Man staunte allerorten, dass die Einwohner tatsächlich teilhatten. Arbeiter, Angestellte, Schüler und Lehrer waren an lebendigen Gesprächen beteiligt und schulten sich in neuen Sichtweisen. Das waren nicht die Snobs, die wir heute all überall auf Vernissagen finden, da steckte echtes Interesse dahinter, ohne dass dies von irgendwoher angeordnet wurde. Und es war eine wahre Bewegung von unten.

Am 22. Januar 1966 schrieb der Maler und Grafiker Ronald Paris in ein Brigade-Tagebuch: " Anlässlich der Eröffnung meiner Ausstellung im Dorfklub Hötensleben möchte ich meine Freude darüber ausdrücken, dass eine Brigade den Willen und die Mühe aufbringt, Freude an der Kunst zu bekommen. Ihre Bereitschaft ist der Dank für meine Arbeit! Pflegen Sie Ihren Dorfklub, auch die Kunst ist der Sinn des Lebens! Es war mir eine Ehre, in Ihr Brigadetagebuch zu schreiben." Dazu zeichnete er einen kleinen Blumenstrauß mit sich begegnenden Händen.

Knapp zwei Jahre später äußerte sich Arnold Golla, ein Brigadier aus dem Armaturenwerk, in einer Sendung des Deutschlandsenders folgendermaßen: "Ich bin der Meinung, dass gerade das Kunstkabinett uns das bietet, was wir als Einwohner einer ländlichen Gemeinde vermissten. Es ist eine Einrichtung, die Kunst zu uns aufs Land bringt."

Das Kunstkabinett Hötensleben war Teil einer Entwicklung von unten nach oben ohne jede behördliche Verordnung. Die ursprüngliche Initiative Lothar Langs trug ihre Früchte von Berlin-Weißensee in die DDR hinaus, denn weitere Studenten hatten nach Bad Dürrenberg und Hötensleben in der DDR Kunstkabinette gegründet. Lang verkündete 1968 stolz, dass 11 (später waren es noch mehr) seiner ehemaligen Studenten am Institut für Lehrerweiterbildung seine Idee aufgegriffen hatten und bildende Kunst unter die Leute brachten. Ehrenamtlich, wohlbemerkt.

Das Beste aus den widrigen Bedingungen herausgeholt

Der staatlichen Abschottung geschuldet, kannten wir keinen der traditionellen Kunstvereine hinter dem Stacheldraht in der Bundesrepublik. Dass hier in vielen Fällen das Sammeln von Kunst auch gepaart war mit guter Veräußerungsdividende, haben wir erst viel später, nach zaghaften Öffnungen und beginnendem Kulturaustausch erfahren, auch als der Staatliche Kunsthandel der DDR Fahrt aufnahm. Immerhin hat das Kunstkabinett ohne jeden staatlichen Auftrag, natürlich innerhalb des Dorfklubs, in den ersten sechs Jahren seines Bestehens 163 Graphiken für insgesamt 14243,30 Mark der DDR verkauft - 111 an private Käufer und 52 an Betriebe, Institutionen und Schulen. Originale Kunst für alle zu günstigen Preisen war eben auch das fast utopische Ziel der Enthusiasten in Hötensleben.

Achim Walther schreibt in seinen Betrachtungen zum Kunstkabinett: "So war in diesem Jahrzehnt Kultur in das Dorf unmittelbar am Klassenfeind gekommen. Es ist zwar nicht der frische Wind gewesen, der da hereinwehen durfte, aber eine frische Brise war schon zu spüren, als man die Käseglocke ein wenig anhob - und schon dazu gehörte Mut." Viele Werke haben die Menschen berührt und manchem überhaupt erst den Schlüssel zum Kunstverständnis jenseits der Parteipropaganda in die Hand gegeben. Das war viel wert und das Beste, was unter den gegebenen Bedingungen erreicht werden konnte. So segelte der Dorfklub zwar auf dem Schiff der Staatspartei, aber etwas neben dem von ihr vorgegebenen Kurs.

 

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