Oschersleben l Fachwerkhäuser geben einer Stadt einen ganz besonderen Flair und verraten viel über die Geschichte der Stadt und ihre ehemaligen Besitzer - zumindest so lange sie in Stand gehalten werden. Eine Sanierung solcher Gebäude ist jedoch oftmals kein leichtes Unterfangen. Viel muss beachtet und investiert werden, neben Geld natürlich auch Zeit, Geduld und Fachwissen über die baulichen Besonderheiten. Oft zeigt sich auch erst während der Sanierungsarbeiten der eigentliche Zustand der alten Häuser.

In der Kornstraße 17/Ecke Mittelstraße steht ein solches Gebäude seit Jahren leer. Was damit passieren soll, liegt im Dunkeln. So geht es auch Gerd Ludwig. "Wir kennen natürlich alle unsere Sorgenkinder", sagt der Oschersleber Ordnungsamtsleiter, will aber den Eigentümer nicht nennen. Er verweist auf Christian Reimann, der als Stadtplanungsleiter vielleicht mehr Informationen geben könne.

"Dazu kann ich leider auch keine weiteren Auskünfte geben", sagt Reimann und verweist wiederum an die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises. "Bauordnungsrechtlich gibt es keinen Handlungsbedarf, auch wenn das Gebäude unter Denkmalschutz steht", betont die zuständige Sachgebietsleiterin Birgit Schulze. Weitere Recherchen bringen nur Vermutungen und Spekulationen zutage, demnach der Eigentümer des Hauses gerade Angebote für eine Sanierung einhole.

Der ehemalige Architekt und passionierte Historiker Günther Blume hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Fachwerkhaus vermutlich um das älteste Gebäude in Oschersleben handeln könnte. Dies kann Birgit Schulze zwar nicht bestätigen, verweist jedoch auf ein Denkmalverzeichnis für die Stadt Oschersleben. In diesem ist vermerkt, dass es sich bei der Kornstraße 17 um "eines der wenigen erhaltenen älteren Gebäude in der Stadt" und ein Einzeldenkmal handelt.

"Es gibt verschiedene Hinweise bezüglich der Bauweise, dass das Gebäude vermutlich viel älteren Datums ist." Chronist Günther Blume

Laut Blumes Recherchen zufolge hat das Haus 1688 den großen Stadtbrand, bei dem mehr als 70 Prozent der Häuser in Oschersleben abbrannten, überstanden. Auf dem Türsturz aus Sandstein ist die Inschrift `Andreas Brands und Margareta Stolten Anno 1701` vermerkt. "Das lässt aber nicht auf das Alter des Hauses schließen. Es gibt verschiedene Hinweise bezüglich der Bauweise, dass das Gebäude vermutlich viel älteren Datums ist", erklärt der ehemalige Architekt. Er nimmt an, dass die besagte Eingangstür samt Sturz mit Treppenstufen nachträglich eingebaut worden seien. Auch die Fenster des Erdgeschosses seien nachträglich hinzugefügt worden. Mittlerweile existieren aber auch die später angebrachten Treppenstufen nicht mehr, da die Straße auf Grund von verschiedenen Baumaßnahmen nun etwa 1,30 Meter höher liegt als ursprünglich. Dies hatte Blume persönlich nachgemessen, als die Straße vor wenigen Jahren erneuert worden war.

Bei dem obersten Geschoss ist das Fachwerk von Innen und Außen mit Lehm verputzt worden. Die Etage darunter weist ein Holzgefache mit ausgemauerten Lehmziegeln auf. Das Erdgeschoss hingegen besteht aus Bruchsteinen, abgesehen von den Fenstern und dem Türsturz, deren Gewände jeweils aus Sandsteinblöcken bestehen. "Die Balkenköpfe der oberen zwei Etagen verweisen aber auf ein älteres Erbauungsdatum des Hauses, nämlich eher das 16. Jahrhundert", sagt Blume weiter, der sich schon seit Jahren für die Geschichte der Stadt und deren Umgebung interessiert und einen ersten Band einer Chronik veröffentlichte.

Das Besondere an diesem Fachwerk ist neben der prägnanten Ecklage des Hauses vor allem seine Größe. "Typisch waren zu jener Zeit eher Zweigeschosser. Ein dreistöckiges Haus lässt daher auf eine eher wohlhabende Familie schließen, die es errichten ließ", schätzt der Historiker ein. Seinen Worten zufolge hätte die stufenweise hervorragenden Fachwerkgeschosse neben einem ästhetischen Aspekt vor allem einen pragmatischen Grund: "Durch diese versetzte Bauweise konnten die Hausbesitzer Wohnraum dazugewinnen, denn die Grundstücke in der Stadt waren nur sehr klein und teuer. In diesem Fall sprechen wir hier von etwa 50 Zentimetern pro Hausseite", erklärt Blume.

Er hat bei seinen Nachforschungen zu diesem Fachwerk ebenfalls herausgefunden, dass die heutige Kornstraße 17 ehemals "An der Kornstraße 313" hieß. Ferner weiß der Chronist, dass gegen Ende der DDR-Zeit der damalige Kreisarchitekt Winfried Sternberg ein Notdach zum Schutz installieren ließ. Ohne dies wäre das Haus wohl heute nicht mehr vorhanden oder in einem schlimmeren Zustand.

"Ausgewählte Objekte sollten für nachfolgenden Generationen bewahrt werden."

"Es kann natürlich nicht alles erhalten werden. Aber ausgewählte Objekte wie etwa das in der Kornstraße sollten für nachfolgenden Generationen bewahrt werden", so Blume.