Stemmern l Beatrice Noczynski hält am Montagabend im Gerätehaus der Feuerwehr Stemmern ein Plakat in die Höhe. Auf diesem hat die Frau von der Bürgerinitiative gegen die Mastanlage anschaulich dargestellt, in welcher Enge die Tiere in den Ställen der gelanten Anlage eingepfercht sein sollen. "21 bis 23 Tiere sollen auf einem Quadratmeter gemästet werden", verdeutlicht sie vor den etwa 30 Besuchern der Infoveranstaltung. Die Agrar- und Milchhof Stemmern GmbH plant, in der Nähe des Ortsteils eine Hähnchenmastanlage für 350000 Tiere zu bauen. Hinter der GmbH steht der holländische Investor Gerrit Tonkens.

Gegen diese Massentierhaltung in Stemmern laufen die Bürger seit Wochen Sturm. An der Spitze des Protestes steht die Bürgerinitiative. Neben Beatrice Noczynski aus Osterweddingen sind Gabriele Siegel und Sabine Hoppe aus Stemmern die Frauen an der Spitze des Bürgerprotestes. "Eines steht fest: Wenn die Anlage wirklich nach Stemmern kommt, dann wohne ich nicht mehr hier", sagte Zahnärztin Siegel beim Stammtisch der Bürgerinitiative im Feuerwehrgerätehaus des Ortsteils. Das Wohnhaus der Medizinerin liegt etwa 800 Meter entfernt vom Standort der geplanten Hähnchenmastanlage. Für sie stehe fest, diese Anlage bedrohe ernsthaft die Gesundheit der Menschen.

Besonders seien es die multiresistenten Keime, deren Austreten der Betrieb einer derartigen Anlage mit sich bringe, die die Gesundheit der Menschen bedrohen würden, verdeutlichte Siegel. Nach ihren Informationen wolle der Investor die Anlage ohne Filter bauen, so dass die Keime ohne Schutz in die Umwelt entweichen könnten. Besonders Kinder und ältere Menschen, deren Immunsystem noch nicht so stark oder geschwächt sei, könnten erkranken.

Diese Keime würden entstehen, wenn die Tiere während ihrer 35 Tage dauernden Mast in den sieben Ställen mehrfach mit Antibiotika behandelt würden. Die Behandlung sei notwendig, damit das Federvieh die Mast überhaupt überlebe. Ebenso würden von Nitraten und Ammoniak, die in einer Mischung der Ausscheidungen der Tiere und Desinfektionsmitteln enthalten seien, erhebliche Gesundheitsgefahren ausgehen. Diese Mischung falle in der Mastanlage an und solle auf die Äcker rund um Stemmern ausgebracht werden. "Wir werden hier vergiftet, das Krebsrisiko steigt enorm an", befürchtete Mastgegnerin Gabriele Siegel.

Bis zum 23. Juni lagen die Antragsunterlagen des Investors zum Bau der Hähnchenmastanlage zur Einsicht durch Jedermann im Bauamt des Rathauses der Einheitsgemeinde Sülzetal in Osterweddingen aus. Da es sich um ein Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz handelt und wegen der enormen Dimensionen führt das Landsverwaltungsamt das Verfahren. In diesem Verwaltungsverfahren haben die Bürger der Einheitsgemeinde noch bis zum Montag, 7. Juli, 24 Uhr, Zeit, ihre Einwendungen dagegen schriftlich einzureichen. "Wir müssen möglichst viele Einwohner mobilisieren, ihre Einwendungen innerhalb des Verfahrens einzureichen", bekundete Gabriele Siegel. Sie selbst habe ihre 70 Seiten umfassende Einwendungen bereits an das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt nach Halle geschickt. Sie schätzte, dass in der Behörde bereits etwa 500 Einwendungen von Bürgern eingetroffen seien. Siegel hoffe, es kommen bis zu 1000 Einwendungen zustande. Nicht nur Einwohner des Sülzetals können sich zum Genehmigungsverfahren äußern. Dieses sei bundesweit möglich.

In dem Verwaltungsverfahren kommt es dann vom 12. bis 14. August von 10 bis 16 Uhr in der Festhalle Altenweddingen zu einem so genannten Erörterungstermin. Dabei diskutieren Vertreter des Landesverwaltungsamtes, der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt, die den Investor Gerrit Tonkens vertritt, und die Bürger, die sich in dem Verfahren äußerten, die Einwendungen.

Mehr Unterstützung bei ihrem Protest wünscht sich die Bürgerinitiative von der Politik. Wenn sich der neu gewählte Gemeinderat des Sülzetals am Donnerstag, 10. Juli, um 19 Uhr in der Festhalle Altenweddingen zu seiner konstituierenden Sitzung trifft, sollen sich die Volksvertreter nach Meinung der Bürgerinitiative klar gegen den Bau der Hähnchenmastanlage aussprechen. Und Einsicht in den Bauantrag anstreben, den der Investor bereits 2008 für die Hähnchenmastanlage Stemmern einreichte. Nach Darstellung des Bauunternehmers Dietrich Brauckmann, der in Stemmern wohnt, habe es ab 2013 Veränderungen bei den Genehmigungen von so genannten privilegierten Vorhaben von Landwirten im Außenbereich gegeben. Nach dem heutigen Recht müsse zunächst ein Bebauungsplan aufgestellt werden, den es jedoch nicht gebe. Es gelte rechtlich zu prüfen, ob die Baugenehmigung noch gültig sei.

Nächste Einwohnerversammlung zur Hähnchenmastanlage in Stemmern morgen um 18 Uhr in der Sporthalle Osterweddingen, www.maststallstoppen.promut.net