An der Ecke Ernst-Thälmann-/Erzberger Straße befindet sich ein markanter Gebäudekomplex. Dort hatte zu DDR-Zeiten einer der größten Osterburger Arbeitgeber seinen Sitz: der VEB Dienstleistungsbetrieb. Ursprünglich war das Areal Standort der Osterburger Konservenfabrik.

Osterburg l Die Konservenfabrik war im Jahr 1900 in das Handelsregister als Genossenschaft mit beschränkter Haftung eingetragen worden. Die Unternehmensgründer trugen damit einerseits dem sich ständig entwickelnden Anbau von Gemüse, insbesondere Spargel, und andererseits den damit verbundenen Verarbeitungsnotwendigkeiten Rechnung. Außerdem erhoffte man sich Arbeitsplätze, an denen vor allem Frauen, zum großen Teil als Spargelschälerinnen, beschäftigt werden konnten und höhere Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft. Im Durchschnitt waren bis zu 150, im Laufe einer Arbeitskampagne etwa 230 Arbeitskräfte in Lohn und Brot.

So waren an der Gründung auch viele Osterburger Geschäftsleute und besonders Landwirte beteiligt, die natürlich an dem Zweck des Unternehmens Interesse hatten. Bis 1930 konnte die Produktion auf zirka eine Million Ein-Kilogramm-Dosen - die Behälter lieferte die ebenfalls damals in der Werbener Straße ansässige Blechwarenfabrik Otto Rungwerth - gesteigert werden (Quelle: "Industrie, Handel und Gewerbe in der Altmark", Hermann-Geisler-Verlag Stendal 1930).

Damit sei aber noch lange nicht die maximale Leistungsgrenze erreicht worden, heißt es dort weiter. "Im Gegenteil ist die Leistungsfähigkeit des Unternehmens eine viel höhere, da die zur Verfügung stehenden Maschinen und Räume doppelte Leistung der ... Fabrikation zulassen."

Komplex wurde 1965/66 umgebaut

Aufzeichnungen von Werner Heisel, damals Syndikus des Arbeitgeber-Verbandes Altmark, ist zu entnehmen: "Beim Gemüse nimmt der Spargel einen verhältnismäßig bedeutenden Teil des Fabrikationsquantums ein. Daß die Konservierung von Spargel einen derartig erheblichen Anteil an der Gesamtfabrikation innehat, ist darauf zurückzuführen, daß gerade die Altmark als eines der größten Spargelversorgungsgebiete des deutschen Reiches angesehen werden kann." (Quelle: ebenda)

Reinhard Seelig belegt dies im Band 1 der "Beiträge zur Osterburger Stadtgeschichte": "Die größten (Spargel-)Anbaugebiete in Preußen (vor dem Zweiten Weltkrieg) waren Braunschweig mit 2125 Hektar und die Altmark mit 1901 Hektar, letztere waren 14,3 Prozent des deutschen Anbaus. Von dieser Fläche wurden allein 250 Hektar in der Stadt Osterburg angebaut. Die Konservierung des Spargels war zu dieser Zeit notwendig, weil es noch keine Einfuhren von Spargel aus anderen Ländern gab."

1965 und 1966 wurde der Gebäudekomplex der Konservenfabrik so um- und ausgebaut, dass der Dienstleistungsbetrieb (DLB) Osterburg mit seinen inzwischen 28 Gewerken aus der Ackerstraße, wo er 1953 unter Leitung von Werner Moritz als Dampfwäscherei gegründet worden war, in eine völlig neue Betriebsstätte umziehen konnte. Vom Bestattungswesen bis zu Waschleistungen konnte der DLB Versorgungsaufgaben auch über den damaligen Kreis Osterburg hinaus lösen.

Mit der Vereinigung der Kreise Osterburg und Seehausen im Jahr 1970 erfolgte auch eine Zusammenlegung der Dienstleistungsbetriebe in beiden Bereichen. Damit kamen auch im DLB Osterburg zwölf Dienstleistungsarten und -einrichtungen hinzu. Es gab inzwischen 28 Gewerke mit 250 Beschäftigten und 40 Lehrlingen. Der DLB verfügte über ein Netz von 120 Annahmestellen in den Kreisen Osterburg, Stendal, Kalbe/Milde und in Magdeburg-Neustadt. Angesichts des geplanten Kernkraftwerks Niedergörne und den damit erwarteten höheren Versorgungsaufgaben wurde der DLB mit Investitionen in Höhe von mehr als sieben Millionen DDR-Mark aufgewertet. Das Kernkraftwerk wurde nicht gebaut, zur Auslastung des DLB wurden aber Leistungen bis in Wohnbezirke in Leipzig und Berlin ausgedehnt.

1984 standen der Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, Komplexannahmestellen für 46 verschiedene Dienstleistungsarten zur Verfügung. Der DLB. Der zu den größten Arbeitgebern des Kreises Osterburg zählende Betrieb rechnete im gleichen Jahr Leistungen - Wäscherei, Chemische Reinigung, Heißmangel einschließlich Mietwäscherei für Krankenhäuser und Gaststätten, Reparaturen von Elektro-, Rundfunk-, Fernseh- und anderen Haushaltsgeräten, Damenmaßschneiderei, Strumpfreparaturen, Schuhmacherei, Schlosserei, Glas- und Gebäudereinigung, Müll- und Fäkalienabfuhr, Stadtreinigung und anderes - mit einem Wert von 8,2 Millionen Mark ab.

Privatisierung schlug fehl

Nach der Wende wollte man unter der Firmierung "Tip-Top-Service" ein neues Unternehmen aufbauen. Die Privatisierung schlug fehl. Der DLB arbeitete unter seiner alten Bezeichnung weiter. Unrentable Dienstleistungen wurden abgebaut, man reduzierte das Personal, doch letztendlich wurde 1993 der Schlussstrich unter das zu DDR-Zeiten erfolgreiche Unternehmen gezogen.

Nun nagt der Zahn der Zeit an den Gebäuden. Für den 24. Mai 2007 war es zur Versteigerung ausgeschrieben worden. Der vergilbte Zettel mit dieser Information hängt noch immer im Fenster, auch das Firmenschild eines Bildungswerkes, das dort seinen Sitz hatte. Bislang hat sich kein Käufer gefunden. Der traditionsreiche Gebäudekomplex dämmert weiter einer ungewissen Zukunft entgegen.

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