Kirchen sind alte und ortsbildprägende Gebäude im Ort, die immer öfter durch Konzerte, Theater oder Ausstellungen und andere weltliche Aktivitäten in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Mit einer Bücherkirche hat sich die Deutscher Glaubensgemeinde Neuland mit Alleinstellungsmerkmal erschlossen.

Deutsch l Zum vierten Mal haben sich in diesen Tagen die Türen des Backsteinbaus, der 1885 als Ersatz für eine alte Feldsteinkirche fertiggestellt wurde, im Dienst des gedruckten Wortes während der Sommerferien geöffnet. Sechs Wochen lang können alle, die das analoge Lesen noch bevorzugen, nach Herzenslust tagsüber in dem umfangreichem Bestand stöbern, vor Ort die fast meditative Atmosphäre zum Lesen nutzen oder Bücher im wahrsten Sinn des Wortes völlig legal und ohne einen Obolus mitgehen lassen.

Die Auswahl ist erheblich. Reichlich 1000 Werke von christlichen Schriften bis zu Abenteuerromanen und Sachbüchern aller Couleur sind in den Kirchenbänken fein säuberlich aufgereiht, sodass die Titel schon von weitem zu erkennen sind. In der Regel sorgt Karlheinz Mewes dafür, dass sich die Lücken schnell schließen und dass die Kirchentür morgens (gegen 8 Uhr) auf- und abends (18 Uhr oder auch später) wieder zugesperrt wird.

Bestand zählt derzeit über 1000 Bände

Etwa 300 Bücher lachen den Besucher des Gotteshauses beim Betreten des Kirchenschiffes an. Der Rest befindet sich zum Nachsetzen und Austauschen in Kisten gleich im Pastorenstuhl neben den Sitzreihen oder auf der Orgelempore.

Dass dem Projekt auch im vierten Jahr nicht die Bücher und damit die Puste ausgehen, dafür sorgt die "Geschäftsidee", die Tochter Marita hatte und die bei ihrem inzwischen 70-jährigen Vater, der vielen noch als letzter Landrat des Landkreises Osterburg ein Begriff ist, aber auch bei der früheren Pastorin und der Gemeindepädagogin (um nur einige zu nennen) auf Gegenliebe und auf die ersten Bücherspenden stieß.

Der Grundgedanke ist, dass ausgelesene Bücher in den eigenen vier Wänden zwar schick im Regal aussehen, aber sonst eigentlich ungelesen und damit ungenutzt herumstehen. Nicht so in der Bücherkirche Deutsch, wo die zum Teil hochwertig gebundenen Werke neue Liebhaber finden, die im Idealfall wiederum Gedrucktes aus ihrem eigenen Fundus spendieren. Der Idealfall ist inzwischen Normalität geworden, was auch die kontinuierlich Zunahme des Bücherbestandes erklärt, obwohl die Mitnahme kostenlos ist.

Obwohl Mewes auch als ordinierter Prädikant, also quasi ein ehrenamtlicher Pfarrer, ein ganz besonderes Verhältnis zu Kirche und Glauben pflegt, stehen allein die Bücher und das Animieren zum Lesen im Vordergrund. Und weil man damit nicht früh genug beginnen kann, sind zum Beispiel die Groß Garzer Hortkinder in jedem Jahr zum Auftakt der offenen Bücherkirche im Deutscher Gotteshaus zu Gast. Der Nachwuchs bekommt Poesie und Prosa allerdings unter anderem mit Gebäck und Erfrischungen versüßt, auf die Otto-Normal-Leser in den Ferienwochen verzichten müssen.

Besucher- und Leserschar gleichermaßen gemixt

Für die Erwachsenen gibt es eine andere Aktion, die ebenfalls schon Tradition hat. Einige Bücherspender stellen an den ersten vier Sonnabenden ihre Lieblingslektüre öffentlich vor. Das nächste Mal am heutigen Sonnabend und das letzte Mal für diesen Sommer am Sonnabend, 9. August. Die jeweils rund 30-minütigen Veranstaltungen bestreiten übrigens nicht nur Einheimische. Die Vorleser sind ebenso bunt gemixt wie die Schar der Kirchenbesucher, die durch die Schilder an der Einfriedung ins Gotteshaus gelockt werden.

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