Eigentlich versteht Jörg Tietz die kleine Aufregung nicht. Er macht das ja schon jahrelang: Sitzsäcke nähen, mittlerweile viele Stunden täglich im Container auf dem Lichterfelder Grundstück. Wen soll das interessieren? Und dann fängt er doch an zu erzählen.

Lichterfelde l Der Weg zur Arbeit ist kurz, vielleicht 30 Meter. Aus der Haustür heraus, einmal rechts um die Kurve und dann noch ein paar Schritte zum Bunker. So nennt Jörg Tietz seinen Container, den er erst kürzlich verkleidete. Jetzt hat er beinahe etwas Laubenhaftes. Drinnen aber wartet die Arbeit.

Das Licht knipst der Lichterfelder kurz nach vier Uhr morgens an. Dann rattert auch schon die Nähmaschine. Für einen Sitzsack braucht Tietz eine Stunde, das Radio bleibt aus. "Da hauen sie dir ständig die Zeit um die Ohren." Und Druck spürt der 52-Jährige schon genug. Er verkauft 90 Prozent seiner Säcke über den Online-Versandhändler Amazon. "Da muss die Ware zwei Tage nach Bestellung draußen sein, sonst gibt´s was auf die Mütze." Nähen? Daran war nicht zu denken. Tietz wollte Elektriker werden, "aber da waren andere besser". Er geht als Instandhaltungsmechaniker in die Lehre und danach gleich zur Fahne. In seinem erlernten Beruf arbeitet er nie, heuert stattdessen in der Gastronomie an. Er hat Anstellungen in seiner Heimatstadt Schwerin, in Perleberg und auf dem Prignitzer Land.

Tietz macht sich nach der Wende als Gaststättenleiter selbstständig. Die Geschäfte laufen und sie laufen nicht. Die Stelle als "Möbelrestaurator" im Sozialtherapeutischen Zentrum Gut Priemern steht im Lebenslauf des Jörg Tietz, eine Umschulung zum Kraftfahrer und der Job als Nachtwache in Salzwedel. Noch etwas? Mit dem Internethandel, den er 2004 als Ich-AG gründet, kommt Tietz seinen Sitzsäcken schon näher. Zu der Zeit wohnt er bereits in Lichterfelde, die Liebe hat ihn dorthin gebracht. Katrin Tietz-Döring hat viel Verständnis für die berufliche Experimentierfreudigkeit ihres Mannes, aber als dann diese ganzen Fahrräder und Kaffeemaschinen in der Stube stehen...

Tietz kauft und verkauft wieder, aber es gelingt ihm nicht, bei Großhändlern richtig gute Konditionen abzufassen. Seine Stückzahlen sind zu gering. Tietz hat weder das Geld, noch die Lagermöglichkeit, um sich einen Namen in der Branche zu machen.

Erster Arbeitsplatz war in der Stube

Und dann will einer der Großhändler diese Sitzsäcke loswerden. Tietz kauft sie auf und ist erstaunt, wie schnell und gut er sie wieder los wird. Seine Spürnase besagt: Einen der Säcke behältst du. Tietz weiß, er muss Geld verdienen. "Ich hab mich dann gefragt, was brauche ich, um die Dinger selbst herzustellen." Er schneidet also den Sack auseinander und stellt aus Pappe Schablonen her. Er leiht sich eine Nähmaschine aus und näht das erste Mal in seinem Leben. Er schaut im Internet nach, wie das mit dem Reißverschluss funktioniert und bestellt sich seine ersten EPS-Perlen für die Füllung. Er näht und verschenkt seine Säcke solange, bis sie so gut sind, dass er sie zum Verkauf anbieten kann.

Den ersten stellt er bei der Internetplattform Ebay ein. "Und der war sofort weg." Tietz näht zunächst in der Stube, sodass keiner mehr Fernsehen gucken kann, dann geht er in die obere Etage des Hauses. Die EPS-Perlen nerven ihn. "Das Zeug lädt sich auf und du hast es überall." Trotz Staubsaugers ohne Beutel. Tietz entwirft ein Inlett für seine Säcke. Damit ist obendrein der Bezug waschbar. Bingo! Das ist es. Tietz verkauft seine Ware unter dem Label Altmark-Design, erstellt sich eine eigene Homepage. Und er geht einen Vertrag mit Amazon ein. Seither läuft´s.

Stoffriesen gehen auch in das Ausland

Etwa 6000 Sitzsäcke hat Tietz schon genäht. "Du musst es wollen und konsequent durchziehen." Erst war es ein Nebengewerbe gemeinsam mit seiner Frau, mittlerweile ist es Tietz alleinige Selbstständigkeit. Die Stoffriesen gehen vor allem in die alten Bundesländer, darüber hinaus nach England, Spanien, viel nach Österreich, auch in die Schweiz. Tietz´ Frau hilft noch nach ihrer Arbeit beim Stoffe zuschneiden, Sohn Jonah recycelt Tüten für den Versand. Tietz kann von den Sitzsäcken leben. Aber Freizeit? "Es gibt kein Wochenende." Wenn der Lichterfelder seine Seite bei Amazon abstellt, fällt er im Ranking und wird schlechter gefunden. Deswegen geht das nur für maximal 24 Stunden. Die sozialen Kontakte leiden unter dem Job. Das ist so. Punkt. "Viele können sich das hier nicht vorstellen, ich arbeite selbst und ständig." Wo ist Jörg? Katrin Tietz-Döring kann die Antwort schon aus dem Effeff: "Der näht."

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