Ganz im Zeichen des Mauerfalls vor 25 Jahren stand am Sonnabend die Kirchen- und Museumsnacht in Osterburg. Mit der Ausstellung "Die Seufzerburg" von Ingrid Bahß eröffnete Museumsleiter Frank Hoche am Nachmittag die Gedenkveranstaltung.

Osterburg l "Ich freue mich, so viele Aktivisten aus dem Jahr 1989 hier zu sehen", begrüßte Frank Hoche die Museumsbesucher. Der musikalische Rahmen fehlte wegen des Bahnstreiks. So stellte Ingrid Bahß sich selbst vor, und zwar in Form eines Interviews mit Margret Zwinzscher. In Werben aufgewachsen, in die BRD ausgebürgert, in Köln gelandet, inzwischen auch wieder in Werben, fand sie in der Fotografie die Form, sich auszudrücken. Ihr erstes Fototagebuch entstand 1983. Ihre aktuelle Ausstellung ist dreiteilig, erinnert mit den weißen Birken an die russischen Soldaten, zeigt Fotos aus einem Gefängnis in Kassel mit Wandmalereien sowie die U-Haftanstalt der Staatssicherheit in Erfurt. Überall fühlte sie das Seufzen, die Frage: "Wie groß muss die Sehnsucht nach Heimat sein?"

Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose war selbst mit dem DDR-Regime aneinandergeraten, verriet er im Museum. Die Verlobung 1973 mit der Handwerkertochter Beate sollte er lösen. Nicht nur Reisen wurden ihm verwehrt, weil er angeblich "die falsche Frau heiratete".

Auch Propst Siegfried Kasparick hatte seine Erfahrungen vor der Wende gemacht, wie er am Abend in der evangelischen Kirche erzählte. Er leitete bis 1992 mit Norbert Kruppke die Pfarrstelle in St. Nicolai und öffnete die Kirchenpforte im Herbst 1989 für Friedensgebete, an die sich Märsche mit Kerzen zur SED-Kreisleitung anschlossen. Die Scheiben waren beschlagen, so voll war das Gotteshaus irgendwann. Ihm galt in dieser Nacht ein besonderer Dank.

Bürgermeister Nico Schulz lud ihn ein, sich in das goldene Buch der Stadt einzutragen. Er aber sagte vor den rund 200 Menschen in St. Nicolai, bevor er zum Schreiben ansetzte: "Das tue ich stellvertretend für Sie alle!" Denn jeder Einzelne habe Zivilcourage gezeigt. Trotz Angst. Wichtig sei, dass die Menschen zusammenkommen.

In seinem Vortrag machte er auf Parallelen von damals zu heute aufmerksam. "Das System ist gut, nur einige Führer waren schlecht", hieß es. Werde nicht genauso über das heutige Finanzsystem gesprochen? Vorsicht vor Schwarz-Weiß-Denken, betonte er. Zu ändern, was wir können, sei das Erbe. Kasparick, dessen Frau Hanna seinerzeit Kreisjugendpfarrerin war, erinnerte außerdem daran, was sie auf den Weg gebracht hatten: die Elbaue zum Schutzgebiet zu erklären zum Beispiel. Rainer Diebel war aktiv beteiligt.

Lesung in St. Josef

Nach dem Marsch durch die Breite Straße zum früheren SED-Gebäude trugen Rainer und Karin Diebel in der St. Josefkirche ihre Erfahrungen vor. Danuta Ahrends und Astrid Mathis nahmen die Zuhörer auf eine Zeitreise zum Mauerfall mit. Vor der Nicolai-Kirche kamen die Wanderer bei einem Nachtmahl des Osterburger Feuerwehr-Fördervereins noch einmal miteinander ins Gespräch, bevor ein letztes Gebet den Abend ausklingen ließ.

   

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