Der Altmärker soll stur sein, Lucile Thoyer hat es so oft gehört und den ominösen Stoffel doch nicht getroffen. Vor allem neugierige und nette Menschen kreuzen ihren Weg. In den Wischedörfern wie auch in Werben, wo sich die bei Paris Aufgewachsene mit der Restauration eines Fachwerkhauses ihren Lebenstraum erfüllt.

Werben l Es traf sie wie ein Schlag. An einem Februartag vor vier Jahren, da hat Lucile Thoyer das erste Mal mit der Räbeler Fähre über die Elbe gesetzt. Die Sonne schien und die Wiesen waren vereist. "Von dieser Schönheit war ich wie geblendet." Alles, was Lucile Thoyer sagt, sagt sie mit diesem charmanten französischen Akzent. Und sie sagt es mit Nachdruck, denn Werben, die Elbe, die Landschaft, ihre genau genommen zwei Häuschen, das alles ist längst zur Herzensangelegenheit der 53-Jährigen geworden. Sie brennt dafür, engagiert sich. Und sie spürt Aufwind auch bei den anderen, die Wische, "sie kann das Elsass des Nordostens werden". Der Zufall oder die Bestimmung, irgendetwas hat sie hierhergetrieben.

"Ich habe mich hier sofort wohl gefühlt"

Aufgewachsen ist Lucile Thoyer auf dem Lande im Westen von Paris. Zum Studium geht sie an die Musikhochschule in Versailles, wird Konzertgitarristin, immer auch mit dem Wunsch, ins Ausland zu reisen. Das wird für sie zunächst das Rhein-Main-Gebiet, wo Lucile Thoyer an verschiedenen Musikschulen arbeitet, um schließlich in Mainz noch ein Studium aufzunehmen: Musikgeschichte, Romanistik und Germanistik. Lucile Thoyer lernt ihren Mann Dominik Geißler kennen und bekommt ihren Sohn. Sie wird Geschäftsführerin der deutsch-französischen Kulturstiftung und organisiert in Mainz die Fête de la musique. Die Familie geht nach Berlin, Lucile Thoyer gibt Französisch- und Musikunterricht, mag die Stadt, aber spürt bald, dass sie mehr Grünes braucht. Einen Schrebergarten, mindestens. Sie fährt im Umland von Berlin umher und sucht. Was eigentlich? Ein Projekt, ein Gefühl von Das-ist-es.

Schließlich macht sie der Klavierlehrer ihres Sohnes neugierig. Er habe sich ein Traumhaus in einer Traumstadt gekauft, in Werben an der Elbe. Etwas weiter weg von Berlin, aber er wolle sie doch einladen. Bald kommt es zu besagtem, strahlendem Februartag und was auf der Fähre beginnt, setzt sich in Werben fort. "Ich habe mich hier sofort wohl gefühlt." Die kleine Stadt erinnert sie an das Elsass, woher ihre Mutter stammt. Lucile Thoyer knüpft Kontakte und hat ein halbes Jahr später ihr erstes, ein weiteres halbes Jahr danach ihr zweites Haus genau daneben gekauft. Eines davon ist mittlerweile saniert, Wände sind verschwunden. "Es war wirklich viel zu tun." Das Haus, durch das der Bauer einst morgens und abends seine Kühe trieb, ist zu einer Kulisse für "Schöner Wohnen" geworden, angelehnt an den Biedermeier-Stil. Hinter den Häusern sind teilweise die Stallungen einer großen Freifläche gewichen, 2000 Quadratmeter groß ist das Grundstück, das von der schmalen Langen Straße aus niemand erwartet. Schon gar nicht diesen Blick auf die St. Johanniskirche.

"Als wir das sahen, war es um uns geschehen"

"Als wir das gesehen haben, war es um uns geschehen", erinnert sich Lucile Thoyer. Ihr Mann macht mit, ist aber in Berlin stellvertretender Büroleiter von Peter Altmaier und so beruflich viel eingespannt. Ohnehin ist Werben in erster Linie Lucile Thoyers Mission. Das fertige Haus soll bald an Touristen vermietet werden. Nicht durchgehend, aber doch immer wieder. Wenn irgendwann das zweite, größere Haus, das sogar einen Gewölbekeller hat, saniert ist, will sich Lucile Thoyer in der kleinen Hansestadt ein zweites berufliches Standbein aufbauen. Wie dies aussieht, ist noch offen. Auf jeden Fall möchte sie musikalisch etwas auf die Beine stellen, dann gibt es da außerdem diese Idee von einem Café. "Das braucht alles noch Zeit zum Reifen." Indes setzt sich die Pendlerin zwischen Berlin und Werben bereits mit voller Kraft für den Erhalt des Landschaftsschutzgebietes Altmärkische Wische ein. Außerdem wirkt sie im Arbeitskreis Werbener Altstadt mit. Sie lerne mehr und mehr nette Menschen kennen, die etwas bewegen wollen. Wehte am Anfang ihrer Zeit in der Wische noch vielfach ein Wind des Pessimismus, sei nun ein gewisser Auftrieb zu spüren. Es knüpfen sich Bande nicht nur zwischen den Zugezogenen, sondern auch mit Alteingesessenen. Die meisten von diesen seien ohnehin neugierig im positiven Sinne. Und Lucile Thoyer habe da einen Vorteil. Sie wird von niemandem in die Wessi-Schublade gesteckt. "Das hilft." Die Leute fragen sich, was macht die denn hier? Eine Frau aus Paris in Werben. So entstehen Gespräche, schon einige davon endeten mit leckerem Apfelkuchen. Wie am ersten Tag.

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