In allem ist eine Zahl und Hans-Peter Bodenstein macht das keine Angst. Dem Physik- und Mathematiklehrer im Ruhestand sind Zahlen ein Wohlgefühl. Das prädestiniert ihn geradezu für das Projekt "Nebenstraßen der Romanik", in dem der Seehäuser seit gut zehn Jahren mit Gleichgesinnten romanische Kirchen in der Altmark und dem Elbe-Havel-Winkel erforscht. Ziemlich erfolgreich sogar, oder wer hätte gedacht, dass die heilige Zahl Acht im Chorraum vieler Gotteshäuser unhörbar als Oktave erklingt? Jawohl. Es müssen ja nur die richtigen Fragen gestellt werden.

Seehausen/Giesenslage l Eigentlich wollte Hans-Peter Bodenstein sich im Rentenalter mit der Chaostheorie beschäftigen. Was man so macht als Denker. Aber dann haben ihn die romanischen Kirchen gefesselt. Die Initialzündung gibt 1987 der einstige Gladigauer Pfarrer Hellmut Müller. Er lädt Bodenstein ein, für den Bildband "Denkmale des Kreises Osterburg" die Fotos zu machen. Bodenstein leitet seinerzeit den Seehäuser Fotoclub Focus und sagt zu.

Die beiden besuchen die Denkmäler und Müller berichtet von der Idee, die Maße im Bauplan romanischer Kirchen zu untersuchen. Das hat mit Zahlen zu tun und trifft bei Bodenstein, der am Seehäuser Winckelmann-Gymnasium lehrte und zuletzt Schulleiter war, auf fruchtbaren Boden. Als er später eine Führung in der Klosterkirche Arendsee mitmacht, sind die Weichen gestellt. "Ich wusste, wenn du Zeit hast, befasst du dich damit." Zumal ihm dank Müller gewahr wird, wie groß die Dichte an romanischen Kirchen in Sachsen-Anhalt und vor allem in der Altmark und dem Elbe-Havel-Winkel ist. Wie groß die Dichte ist und wie vergleichsweise wenig dieser Schatz bis dato erforscht war. In der Altmark steht durchschnittlich alle sieben Kilometer eine romanische Kirche - Bodenstein hat das mal ausgerechnet.

Ein Laie, der die richtigen Fragen stellen kann

Als Bodenstein Rentner wird, tastet er sich also "Schrittchen für Schrittchen" an die Romanik heran. Er besucht Kirchen und erstellt die Internetseite www.ndrom.de. Wenn er der Romanik auch als Laie begegnet, trägt er für seine Fragestellung doch genau das richtige Wissen mit sich: Die Bauleiter von einst waren unter anderem gebildet in der Zahlentheorie, Musiktheorie, in Geometrie und Astronomie - so wie Bodenstein, der nach seinem Mathematik- und Physikstudium auch noch ein Fernstudium der Astronomie und Informatik absolvierte und obendrein gute Kenntnis von Noten hat. Sein Großvater lehrte ihn das Geige- und Klavierspielen. So muss er, denn das fragt er sich, "nur" noch herausfinden, wie und wo die hoch gebildeten Bauleiter von einst Gottes Wort in die Kirche implantiert haben. Wie haben sie den Bildungskanon benutzt, um Gottes Anwesenheit in Stein zu meißeln? Das wollten sie, davon geht Bodenstein aus: "Ich erahne, was ich suchen muss, was ich finden kann."

Unterwegs mit Zollstock und Laserdistanzmeter

Zum Beispiel in der Giesenslager Kirche. An ihr und anderen Gotteshäusern der Gegend hat Bodenstein durch seine Vermessungen mittels Zollstock und Laserdistanzmeter festgestellt, dass die Seitenlängen des Chorraumes im Verhältnis von Neun zu Neun und Acht zu Neun stehen, was eine "kleine, aber signifikante Abweichung vom Quadrat" bedeutet.

Die Antwort für dieses Rätsel findet der Seehäuser in der Musiktheorie: Die Chorseiten verhalten sich genau wie die Quinte zur Quarte. "Und die ergeben gemeinsam eine Oktave." Die Oktave wiederum, so steht es am Kapitell der Abteikirche Cluny "lehrt alle Heiligen glückselig zu sein". Christus ist am achten Tage auferstanden. Auch wenn wir es heute merkwürdig fänden: "Die Leute damals haben gedacht, wenn wir die Acht in die Architektur einfließen lassen, ist Gott anwesend", sagt Bodenstein. Die Oktave erklinge so unhörbar - auch in der Kirche Giesenslage. "Sie ist eine steingewordene Oktave." Wie leicht nachvollziehbar dagegen, dass der Kirchenturm in Hämerten schlicht acht Ecken hat. Oder dass in einigen Osterfenstern, etwa in Staffelde und Klein Schwechten, das Fensterbrett auf der achten Steinschicht ruht.

Interessant überdies sei der Grundriss der Kirche in Hämerten, er ist dem Goldenen Schnitt nachempfunden, basiert demnach auf dem Zahlenverhältnis Acht zu Fünf. Und auch das sei kein Zufall. "Wir finden den Goldenen Schnitt viel in der Natur, an Pflanzen, auf Blüten." Und was sind Pflanzen? "Ein Teil der Schöpfung."

Die Kirche in Möllenbeck hat den Forschern - Bodenstein tauscht sich mit einem Kreis von Fachleuten aus - ein Rätsel in ganz anderer Hinsicht aufgetragen. An der Außenmauer befindet sich ein unspektakulär aussehender Kreis im Gemäuer. Die Messungen haben ergeben, dass sich das beim Bau der Kirche verwandte Fußmaß von 32,3 Zentimetern darin wiederfindet, dass also der Kreis in Stein gemeißelter Maßstab ist. Aber um welches Fußmaß handelt es sich dabei? Darüber herrschte zunächst große Ratlosigkeit. Der so genannte römische Fuß misst 29,6 Zentimeter, auch der karolingische oder staufische ist von anderem Maß. Bodenstein findet schließlich eine Antwort in der Literatur. Er liest von einem Professor, der am Niederrhein einen Knochengriffel ausgegraben hat, der an der einen Seite 29,6 und an der anderen exakt 32,3 Zentimeter ausweist - eine Umrechnungshilfe zwischen römischem und niederrheinischem Fuß. Bingo! Damit belege Bodenstein, dass Markgraf Albrecht der Bär und Anselm Bischoff von Havelberg für die Besiedlung der Altmark nicht nur Niederländer, sondern auch Menschen vom Niederrhein hierher lockten. Sie bauten hier mit denselben Maßen wie in ihrer - damals weitläufig überfluteten - Heimat. So ist etwa auch die Kirche in Königsmark und Schönhausen mit dem Fußmaß vom Niederrhein erbaut. Da freut sich Bodensteins Forscherherz. In Giesenslage vermutet es im Kreuzbogenfries gar "eine Sprache, die wir nicht mehr verstehen". Die Bögen stehen auf Konsolen verschiedener Gestalt. Manche gleichen einer Kugel, andere einer Tonne, wieder andere sehen aus wie tierische Masken. Bodenstein stellt die These auf, dass jede Konsole einem Buchstaben entspricht und dass die Buchstaben hintereinander einen Sinn ergeben. Wie er darauf kommt? "Durch meine Studien über formelle Sprachen in der theoretischen Informatik." Belegen kann er das noch nicht. Er lehnt sich zurück und wartet "auf den Doktoranden, der diese These interessant findet".

Sein physisches Ende ist ihm "schnurzpipe"

Immerhin zählt Bodenstein 77 Menschenjahre. Und ja, auch er als analytischer Kopf sei nicht frei davon, "im Alter mehr und mehr über das Transzendente nachzudenken". Gott sei dank aber habe er ja mit seinem eigenen Tod nichts zu tun. "Jetzt lebe ich und wenn ich tot bin, gibt´s mich nicht mehr". Sein physisches Ende sei ihm deswegen "schnurzpipe".

So lange er lebt, beschäftigt er sich mit den Dingen zwischen Himmel und Erde, die er begreifen kann. Umso besser, wenn sie mit Zahlen zu tun haben. Von den 230 romanischen Kirchen in der Altmark hat er bisher übrigens etwa 50 besucht und 30 ernsthaft bearbeitet. Das ist auch schon honoriert worden. Hans-Peter Bodenstein wurde 2014 mit dem Romanikpreis des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.

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