Im April 1945 lag der Zweite Weltkrieg in Europa in den letzten Zügen. Während viele ihrer Einwohner im Osten und Westen des zusammenbrechenden Reiches noch verzweifelt um ihr Überleben kämpften, endete das Kriegsgeschehen für die Stadt Osterburg selbst am 13. April 1945. Ilse Wohlfahrt erinnert sich an diese Zeit vor 70 Jahren.

Osterburg l Ilse Wohlfart, heute 94 Jahre alt, ist in Osterburg in der Neuen Straße geboren. Als 24-Jährige erlebte sie den Einmarsch der Amerikaner in Osterburg am 13. April 1945.

"Am 11. April war durchgesickert" berichtet sie, "dass die Amerikaner wohl nur noch 60 Kilometer vor der Stadt stehen würden. Und langsam rückten sie aus Richtung Bismark heran. Am 13. April übergab unser Bürgermeister Dr. Meiforth die Stadt an sie, ohne dass ein Schuss gefallen war. Alle waren zunächst erst einmal erleichtert. Aber man fragte sich auch: Wie wird wohl die Zukunft aussehen?"

Sie hätten damals schon in der Neuen Straße Nr. 2 gelebt, so Ilse Wohlfart weiter. "Mit im Haus wohnte auch mein Verlobter Adolf Wohlfart; wir haben im September 1945 geheiratet. Meine Eltern hatten eine Schirrmacherei und stellten Pferdegeschirre her. Vater beschäftigte während des Krieges einen Ukrainer und einen Litauer. Ich hatte noch eine jüngere Schwester, Elsbeth. Sie ist inzwischen verstorben."

Dem Wohlfart`schen Haus schräg gegenüber, in der Nummer 12, hatte sich in jener Zeit die Osterburger Polizeiwache befunden. Im oberen Geschoss wohnte der Polizist Leder mit seiner Familie. "Die Amerikaner haben sie kurzerhand aus dem Haus geworfen, das Gebäude beschlagnahmt, und Leders stellten ihre Möbel bei uns unter", erzählt die betagte Osterburgerin. "Die Amis nahmen auch das Feuerwehrgebäude an der Ecke bei uns, das jetzt eine Wassertechnik-Firma nutzt, in Beschlag. Auf dem Platz davor hatten sie ein riesengroßes Bassin aufgestellt, es mit Wasser gefüllt, dass sie dann filterten. Sie verwendeten und tranken nur gefiltertes Wasser.

Zielschießen auf ein Hoftor

Dann fielen aber doch Schüsse. Gekämpft wurde allerdings nicht mehr. Die Amerikaner veranstalteten Zielschießen auf das Hoftor gegenüber, auf der anderen Straßenseite.

Wir durften die Haustüren am Tag nicht abschließen. Das Haus musste für die Amis immer zugänglich sein. Sie haben sich bei uns wie zu Hause gefühlt, kamen herein, wann sie wollten, sind in der Wohnung herumgegangen, hatten immer Wein haben wollen. Doch wir hatten ja keinen. Sie schenkten uns Schokoriegel. Sie haben zwar viel Unruhe mitgebracht, uns aber nichts weiter getan. An die Unruhe haben wir uns gewöhnen müssen." Die Amerikaner hatten auch den "Goldenen Löwen", dessen Räumlichkeiten von der Wehrmacht als Lazarett genutzt worden war, besetzt, erinnert sich Ilse Wohlfahrt: "Unter den amerikanischen Soldaten waren auch Schwarze, von den Osterburgern teils neugierig, teils mit mulmigen Gefühl beäugt. Die saßen oft in den offenen Fenstern, ließen die Beine herausbaumeln, lachten, sangen viel und warfen den Vorübergehenden manchmal auch Schokolade zu. Die Kinder balgten sich um die Schokolade, und das schien ihnen besonders Vergnügen zu bereiten."

Die Amerikaner blieben wohl ein halbes Jahr in Osterburg. "Ich glaube, für eine ganz kurze Zeit waren auch Engländer in der Stadt. An sie kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Jedenfalls kamen im Herbst, als mein Adolf und ich geheiratet hatten, die Russen nach Osterburg. Wir empfanden sie als nicht so angenehm wie ihre Vorgänger."

Im Herbst kamen die Panjewagen

Die ersten Trupps zogen mit ihren von zottligen Pferden gezogenen Panjewagen durch die Straßen und sangen nicht, sondern grölten ihre Lieder, erinnert sich Ilse Wohlfahrt. "Es waren einfache Soldaten. Die hatten es auch nicht leicht gehabt, was man im Laufe der Zeit so hörte. Mein Schwager war lange im Krieg und hatte die russische Sprache gelernt. Die russischen Offizier holten ihn als Dolmetscher. Mein Vater und seine Leute mussten für die Offiziere und deren Frauen Stiefel machen, das war der große Renner. Das Leder hatten die Russen mitgebracht."

Die Osterburgerin erzählt, dass die Offiziere oft in der Küche saßen. "Das fanden sie anscheinend gemütlich. Sie brachten Lebensmittel mit: Speck, Brot und vor allem Wodka. Uns Frauen gegenüber sind sie nicht besonders zudringlich geworden." Allerdings waren der Ukrainer und der Litauer eines Tages nicht mehr da. "Die Russen nahmen sie mit. Was aus ihnen geworden ist? Wir haben es nie erfahren."

Ilse Wohlfahrt weiß aber noch, dass die russischen Offiziersfamilien für eine Zeit in den ersten Neubaublöcken in der August-Bebel-Straße wohnten. Und dass die russische Kirschenernte eher ungewöhnlich ablief: "Das normale Pflücken der Kirschen vom aufrecht stehenden Baum war ihnen wohl zu langwierig. Sie sägten in der Plantage kurzerhand die Bäume ab und pflückten dann die besonders reifen Kirschen aus den Kronen."

Während die Seniorin spricht, kommen aber auch noch andere Erinnerungen hoch. "Nie wieder Krieg, darüber waren wir uns damals alle einig. Diese Jahre waren auch für uns in Osterburg eine schreckliche Zeit. Abends und nachts musste alles verdunkelt werden, kein Lichtschein durfte zu sehen sein, wenn die Bomber über uns hinweg nach Berlin flogen."

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