Am Freitag verabschiedete sich Dr. Walter Fiedler nach 40 Jahren aus dem Rettungsdienst. Mit früheren Kollegen und Wegbegleitern feierte er im Seehäuser Waldbad. Wo sonst. Der Vorsitzende des dazugehörigen Fördervereins nahm Geschenke wahlweise für die Fördervereine der Badeanstalt und der St. Petri Kirche an, wo er ebenfalls Mitglied ist.

Seehausen l "Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du ohne kannst", bemerkte der Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie in Perleberg, Dr. Dietmar Förster, der in den 80ern bei Fiedler in die Lehre ging. "Es war eine harte Ausbildung, aber das war gut", verriet er schmunzelnd. "Einfach nur danke!" sagte der Seehäuser Anästhesist Holger Altknecht. Kamerad Peter Brandt behauptete sogar: "Du hast zwei Herzen in der Brust: eins für den Rettungsdienst und eins für die Feuerwehr." 80 geladene Gäste wünschten dem Chirurgen nur das Beste für den Ruhestand. Von Ruhe kann wohl kaum die Rede sein. Im Stadtrat sitzt er nämlich weiterhin noch.

Für Walter Fiedler war 1959 schon klar, dass es für ihn nur die medizinische Richtung gibt. Denn seinerzeit wurde er im Waldbad Rettungsschwimmer. "Damals habe ich mir aber nicht träumen lassen, dass es so eine intensive Tätigkeit wird", gab der 70-Jährige zu. Am 1. September 1963 begann er als Hilfspfleger im Seehäuser Krankenhaus, bevor er sein Studium in Jena aufnehmen durfte. Dort gehörten Gesangseinlagen morgens um vier Uhr zum Studentenleben. Ab 1970 ging es anders lang: Nach dem Staatsexamen in Jena Facharztausbildung in Seehausen. Als 1974 im Kreis Osterburg beschlossen wurde, eine dringliche medizinische Hilfe (DMH) aufzubauen, war Fiedler sofort dafür. Zu dritt, mit zwei Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes, machten sie sich an die Arbeit. "Wir hatten viele Dinge nicht", betonte er. Zahlreiche Anweisungen folgten. Zum Beispiel sollte der Barkas B 1000 zum Rettungsfahrzeug umgebaut werden. Lachgas als prähospitale Schmerzbekämpfung bzw. erste Notfallversorgung im Wagen einzusetzen, war 1974 die Attraktion auf der "Messe der Meister von morgen" und heimste Preise in Magdeburg und Berlin ein. Ab 1980 ging Lachgas in Serie. "Wir mussten eine Leitstelle aufbauen. Nur jeder fünfte hatte Telefon", zählte Dr. Fiedler weiter auf. Mit einem Zentner Spargel ging es nach Berlin, wofür es eine Telefonanlage mit 70 Nebenanschlüssen gab. Außerdem musste Personal ausgebildet werden: für den Krankentransport, Notfallärzte, Medizinstudenten sowie die zweite medizinische Kraft, eine Schwester aus dem OP oder der Anästhesie.

Hebamme fuhr zu Einsätzen mit

Als einzige im Bereich hatten die Seehäuser eine Hebamme im Wagen: Renate Krainz, die Dr. Fiedler auch in der Runde begrüßte. "Die Geburt von zehn bis 15 Kindern jährlich im Rettungswagen war damals normal", erzählte der Chirurg. Am 2. Mai 1975 wurde schließlich der Rettungsdienst im Krankenhaus Seehausen als der erste im Bezirk Magdeburg aus der Taufe gehoben. 1980 kam das Fahrzeug "Schnelle medizinische Hilfe 3" (SMH 3) auf den Markt. Endlich konnten die Einsatzleute im Wagen stehen. 1984 wurden Rettungsstellen an allen Krankenhäusern der DDR eingeführt.

1990 dann der Umbruch, Dr. Walter Fiedler verabschiedete als Abgeordneter der Volkskammer in Berlin für die neuen Bundesländer ein neues Rettungsdienstgesetz. Eine neue Leitstelle wurde in Osterburg aufgebaut, 1992 wurde das Rendezvous-System eingeführt.

"Wir haben heute ein gut funktionierendes Rettungsdienstsystem", stellte der Mediziner fest, "das mit schwierigen Situationen fertig wurde." Allerdings vermisst er die schnellere Einführung neuer Erkenntnisse und amüsiert sich darüber, dass jetzt nach 25 Jahren Pause der dringliche Hausbesuchsdienst zusammen mit dem Rettungssanitäter wieder im Einsatz sein soll wie früher.

Statistik hat Dr. Fiedler schon immer begeistert. "Darum haben wir auch bis zum 30. April 2015 eine Statistik, die wohl einmalig ist in Deutschland", sagte er. In 40 Jahren 38000 Patienten notärztlich versorgt, seit 1992 mit Rettungstransportwagen (RTW) fast 40000 in der nördlichen Altmark. Rund 100 Ärzte wurden in Seehausen zu Notfallmedizinern ausgebildet, 250 zu Sanitätern und Assistenten. Trotz mieser technischer Bedingungen habe die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr stets geklappt, lobte der Mediziner. Superintendent Michael Kleemann war mit seiner Notfallseelsorge am Einsatzort ebenfalls eine wichtige Stütze.

"Auf mindestens noch einmal 40 Jahre!"

Der Gastgeber dankte aber nicht nur all denen, die geholfen haben, sondern auch fürs Ertragen seiner Marotten. Stellvertretend für die Seehäuser Krankenhausmitarbeiter bekam der Verantwortliche der Rettungswacht, Cornelius Exner, von Dr. Walter Fiedler ein Buch, das fit macht für den Rettungsdienst. "Auf mindestens noch mal 40 Jahre!" sagte er abschließend. Jetzt bleibt mehr Zeit für sein Hobby, freut er sich: den FC Bayern. Da ist der Vater von zwei Kindern und Opa von drei Enkeln doch tatsächlich auch Mitglied.