Auf eine große Resonanz stieß am Dienstagabend das Benefizkonzert in der Seehäuser Salzkirche zu Gunsten des Hilfswerkes "Kinder von Tschernobyl". Der Verein hatte anlässlich des 25. Jahrestages der Reaktorkatastrophe zu der Veranstaltung eingeladen. Die zahlreichen Besucher erlebten ein rundum gelungenes Konzert des Liedermachers Rainer Trunk und spendeteten insgesamt etwa 500 Euro für den Verein.

Seehausen. "25 Jahre Tschernobyl sind auch 25 Jahre Leid in Weißrussland und der Ukraine. Wir wollen heute an die Menschen dort, insbesondere an die Kinder, denken. Auch Fukushima hat uns gezeigt, welche Risiken in der Kernkraft liegen und wie gefährlich sie ist. Das Hilfswerk ,Kinder von Tschernobyl\' ist froh und dankbar, mit euch heute diesen Tag zu begehen und auch ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen", so der Hauptorganisator des Benefizkonzerts, der Seehäuer Malermeister Jörg Harthun, in seiner Begrüßungsansprache. Er bedankte sich bei dieser Gelegenheit auch bei allen, die mitgeholfen haben, und vor allem bei Rainer Trunk, der einmal mehr sofort zugesagt hat, den Abend gagefrei musikalisch zu gestalten.

Mit beim Konzert dabei war auch eine sechsköpfige Besuchergruppe aus Narowlja, das in der verstrahlten Region von Tschernobyl liegt. Aus der Gegend um Narowlja kommen jedes Jahr auf Einladung des Vereins "Kinder von Tschernobyl" Kinder zu Erholungsaufenthalten in die Altmark und Prignitz. Die sechsköpfge Frauengruppe war zuvor auch bei einer Veranstaltung im Stendaler Landratsamt und hatte den Besuchern dort von der Situation der Menschen in der Region rund um Tschernobyl direkt berichtet. "Es hat uns sehr berührt, dass die Ereignisse bei uns von den Menschen hier nicht vergessen wurden. Noch gibt es in der ganzen Region große Probleme, obwohl auch bei uns in Weißrussland der Staat viel Geld in die Bewältigung der Folgen der Katastrophe investiert hat. Vor allem die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung sind schlimm. Bestimmte Krankheiten kommen deutlich häufiger vor. Bei uns sterben die Menschen laut Statistik um sieben Jahre früher als im Landesdurchschnitt. Auch die Geburtenzahl ist gesunken", berichtet Tamara Dawidowitsch, die Dolmetscherin der Besuchergruppe aus Weißrussland, gegenüber der Volksstimme.

Und sie fügt hinzu: "Wir sind sehr dankbar, dass in jedem Jahr Kinder aus unserer Heimat nach Deutschland können, um sich hier zu erholen. Dafür gilt dem Verein ,Kinder von Tschernobyl\', aber auch dem Landkreis Stendal und vielen anderen Helfern und Unterstützern ein großer Dank."

Wie Dawidowitsch weiter ausführt, fühlten sich die Menschen in der Region Tschernobyl auch mit den von der aktuellen Reaktorunfall betroffenen Menschen in Japan verbunden. "Solche Katastrophen sollten nicht noch öfter passieren. Der 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl und die aktuelen Ereignisse in Japan sollten Anlass sein, über die Rolle der Atomenergie nachzudenken."

Mit Beifall wurde Rainer Trunk auf der Bühne der Salzkirche begrüßt. Anders als angekündigt spielte der Liedermacher ohne Band. Aber das tat dem Konzert keinen Abbruch. Im Gegenteil. Dem Anlass entsprechend, kamen die überwiegend leisen, nachdenklichen Lieder beim Publikum gut an. "Ihr werdet heute überwiegend eigene Lieder von mir hören. Trotzdem möchte ich mit einem Titel eines bekannten Künstlers beginnen, der leider nicht mehr lebt, der sich aber auch in der Anti-Atomkraftbewegung engagierte. Ich meine Rio Reiser." Von dem berühmten Berliner Musiker spielte Trunk dann eine Bearbeitung des Songs: "Halt dich an meiner Liebe fest". "Geisterfahrt" hieß das zweite Lied des Abends und das erste aus der Feder Rainer Trunks. Darin schildert der Liedermacher eine nächtliche Autofahrt mit einem Freund und die Unterhaltung über Fragen des Glaubens. Die Themen Liebe und Beziehung spielten in dem nachfolgenden, sehr persönlichen Programm Rainer Trunks eine tragende Rolle. Die sehr melodiösen, überwiegend ruhig, ausdrucksstark und virtuos mit Gitarren- und Mundharmonikabegleitung vorgetragen Lieder kamen bei den Zuhörern sehr gut an. Für alle Lieder Trunks gab es kräftigen Beifall.

In einer Konzertpause ergriff Seehausens Bürgermeister Ewald Duffe das Wort. "Ich war früher nie ein ausgeprochener Gegner der Atomkraft. Ich dachte, es sei eine billige Form der Energieerzeugung. Aber das stimmt nicht. Denn der Staat, also letztlich der Steuerzahler, trägt all die versteckten Kosten, zum Beispiel für die Aufarbeitung und Lagerung der Abfälle und so weiter. Ich habe auch meine Bedenken gegenüber einem atomaren Endlager in Gorleben. Wenn dort hochradiaoktiver Müll eingelagert wird, haben wir den strahlenden Müll sozusagen auch fast unter unseren Füßen. Die regenerativen Energien hinterlassen keine derartigen Abfälle", so Duffe. Er bedankte sich bei dieser Gelegenheit für die wichtige Arbeit des Vereins "Kinder von Tschernobyl" und überreichte an die Vorsitzende Veronika Benecke 100 Euro als Spende aus dem ihm als Bürgermeister frei zur Verfügung stehenden Budget der Hansestadt.

Anschließend nahm Rainer Trunk die Zuhörer noch einmal mit auf eine kurze Reise durch sein umfangreiches musikalisches Schaffenswerk. Den Abschluss des gelungenen Abends bildete um 21 Uhr eine Lichterkette. Diese wurde von allen Konzertbesuchern gebildet und zog sich durch das Beustertor bis über die Alandbrücke. Eine Lichterkette wurde am Dienstag anlässlich des Tschernobyl-Jahrestages um 21 Uhr unter anderem auch vor dem Sitz der Weltgesundheitsorganisation in Genf von Menschen aus ganz Europa gebildet.

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