Volksstimme: Herr Gysi, Sie kommen am Montag zu einem Gesprächsabend über Jenny Marx nach Salzwedel. Was verbinden Sie mit Jenny Marx?

Gregor Gysi: Ich glaube, dass das eine ziemlich unterschätzte Frau ist, und dass ihr Leben bisher auch wenig erforscht ist. Ich glaube, dass sie intelligent war, dass sie gebildet war und auf Karl Marx mehr Einfluss hatte, als man das vielleicht bisher angenommen hat.

Volksstimme: Was ist Ihnen wichtig beim Gespräch am Montagabend über Jenny Marx zu sagen?

Gregor Gysi: Mir ist wichtig, dass sie eine Frau nicht aus dem ursprünglichen Adel, sondern aus dem Dienstadel war, ihre Vorfahren sind vom König in den Adelsstand versetzt worden. Dass sie mal verlobt war mit einem Offizier, was schnell aufgelöst wurde. Und dann hat sie sich mit Karl Marx verlobt und das war natürlich in ihrer Familie sehr, sehr problematisch. Aber sie hat durchgehalten.

"Aber für ihre Zeit ist sie schon relativ weit gegangen."

Übrigens waren sie auch gegenseitig eifersüchtig, also es gab auch Normalitäten. Ich finde ihr Leben spannend, sie hatte viele Kinder, sie hat immer für sie gesorgt. Karl Marx hatte bekanntlich immer wenig Geld. Er war philosophisch und ökonomisch tätig. Und sie musste sich um alles kümmern. Ich habe ein schönes Bild zu Hause, da sieht man Lilienthal hinterm Fenster fliegen mit Flügeln und drinnen steht eine Frau mit fünf Kindern und darunter steht die Überschrift "Wer war eigentlich Frau Lilienthal?". Darum geht es mir ein bisschen, das auch für Frau Marx mal zu klären. Dann hatte sie aber aber auch ein paar komische Züge, also zum Beispiel wenn die Frau eines Freundes nicht besonders gebildet war, dann mochte sie sie nicht.

Volksstimme: Jenny Marx hat ein für die Frauenrolle des 19.Jahrhunderts außergewöhnliches Leben geführt. Sie war nicht nur siebenfache Mutter, sondern hat sich an wissenschaftlichen Debatten beteiligt und ist mit ihrem Mann mehrfach emigriert. Welche Bedeutung hat Jenny Marx heute noch für Frauen und für die Gesellschaft insgesamt?

Gregor Gysi: Zunächst mal hat sie auch an Versammlungen mit Arbeiterinnen und Arbeitern teilgenommen, was ja für eine Adlige nicht selbstverständlich war. Und sie wusste natürlich, dass sie ungebildet waren, weil sie keine Chance zur Bildung hatten. Sie selbst durfte ja auch kein Abitur machen, sie hat nur eine Schule für höhere Töchter besucht. Ihre Bedeutung ist, dass sie eine eigenständige, tapfere Rolle gespielt hat, natürlich für einen wichtigen Mann. Und damit war sie eine Vorläuferin von späteren, wirklichen politischen Persönlichkeiten wie Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin, die ja die Gleichstellung schon ganz anders auf die Tagesordnung gesetzt haben. Das konnte sie in ihrer Zeit noch nicht, aber für ihre Zeit ist sie schon relativ weit gegangen.

Volksstimme: Ihre Reise nach Salzwedel ist auch eine Fahrt aus dem schnelllebigen Berlin in eine ruhigere Kreisstadt. Waren Sie schon einmal in Salzwedel und haben Sie Zeit, sich die Stadt anzuschauen?

"Ich habe im Studium in Salzwedel mal Urlaub gemacht."

Gregor Gysi: Also ich hoffe, dass ich die Zeit habe, vielleicht am nächsten Morgen. Ich habe in Salzwedel mal Urlaub gemacht. Aber da war ich Student, ich glaube im ersten oder zweiten Studienjahr. Das war eine sehr schöne Gegend, man konnte sehr schön spazieren gehen.

Volksstimme: Kanzlerin Angela Merkel hat bei einer Wahlkampfveranstaltung einmal gesagt, Salzwedel habe zwar einen Bahnhof, aber den Anschluss verpasst. Was würden Sie ihr entgegnen?

Gregor Gysi: Ich würde zu Frau Merkel sagen, da muss sie mal dafür sorgen, dass auch für Salzwedel und für andere kleine Städte innere Wirtschaftskreisläufe organisiert werden. Wenn Sie einen Auftrag vergeben, müssen Sie ausschreiben, und wenn Sie ausschreiben müssen, müssen Sie eine Firma aus Niedersachsen nehmen, weil die angeblich billiger ist. Dass sie nachher teurer wird, ist etwas anderes. Ich habe immer gesagt, bis zu zehn Prozent darf es teurer sein, wenn man ein Unternehmen aus der heimischen Region nimmt. Das ist erstens ökologischer, man spart sich Verunreinigungen und Transportkosten. Und zweitens kann man damit die eigene Wirtschaft fördern. Natürlich nicht grenzenlos, aber bis zu einer bestimmten Grenze, von etwa zehn Prozent, müsste dies geschehen. All das hat Frau Merkel nicht gemacht, das hätte ich ihr erwidert.