Salzwedel (jsc). Manche Irrtümer sind langlebig. "Geh‘ niemals mit einem Fremden mit!" Ganze Generationen wuchsen mit diesem Ratschlag auf und haben ihn an die eigenen Kinder weiter gegeben. Mit fatalen Folgen, weiß Steffen Claus. "Im Umkehrschluss bedeutet der Satz, dass mit Bekannten immer mitgegangen werden darf. Straftaten an Minderjährigen werden jedoch in 95 Prozent aller Fälle von Personen verübt, die den Kindern aus ihrem näheren Umfeld bekannt sind", weiß der Polizeihauptkommissar. Kinder sollten daher ohne Erlaubnis der Eltern niemals mitgehen, mitfahren oder eine Wohnung betreten.

Mit seinem Polizeiraben Rudi besuchte Claus die Kindertagesstätte Rappelkiste. In eigenen Veranstaltungen gab er vor Eltern und Erziehern sowie vor den Kindern Tipps zum Vermeiden und Meistern von gefährlichen Situationen. Den Märchen kam dabei eine besondere Bedeutung zu. "Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Märchenfiguren sind ihnen vertraut, die Verhaltensweisen geläufig. Das begünstigt den Lerneffekt", so der Polizist. Und zu lernen gibt es im Märchenland einiges. Zum Beispiel bei Hänsel und Gretel: Zur Abwendung einer Gefahr schob Gretel die Hexe in den Ofen und erhielt dafür den Beifall des Ordnungshüters. Seine Einschätzung des Geschehens: ein klassischer Fall von Notwehr, in dem ausnahmsweise auch Kratzen, Schlagen, Beißen oder eben In-den-Ofen-schieben erlaubt ist.

Ganz anders verhält es sich mit "Schneewittchen". Hier zeigt sich, dass Schönheit nicht vor Verbrechen schützt und jeder aus Fehlern lernen sollte. Natürlich hat Steffen Claus auch eine Lieblingsmärchenfigur: das "Tapfere Schneiderlein". Es ist nicht besonders groß und stark. Dennoch kann es sich durch Klugheit in Gefahrensituationen behaupten.

Den Eltern legte er das Märchen vom Dornröschen ans Herz. 15 Jahre lang haben sie dem Kind verboten, in den Turm zu gehen. Kaum sind sie einen Abend nicht im Schloss, tut das Mädchen das Verbotene. "Neugier ist ein typisch kindliches Verhalten", sagte Claus. Ein gutes Mittel, Straftaten schon im Vorfeld zu verhindern, sieht er in der Erziehung. So werden selbstbewusste Kinder deutlich seltener ein Opfer krimineller Machenschaften. "Täter wollen keine Pippi Langstrumpf und scheuen Gewalt in der Öffentlichkeit", so sein Resümee. Wichtig ist zudem die Kommunikation in der Familie.

Insgesamt sieht der ehrenamtliche Mitarbeiter der "Agentur Schutzengel" zwar durchaus Grund zur Aufklärung und Aufmerksamkeit, jedoch nicht zur Panik. Gut vorbereitete Kinder können zudem die Sicherheit weiter erhöhen und potenziellen Straftätern das Handwerk erschweren. Entsprechende Kurse bietet die vom Land und der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung geförderte "Agentur Schutzengel" in ganz Sachsen-Anhalt an.