Michael Ziebke ist als junger Mann aus der DDR geflohen. Bei einer Tour auf der Queen Arendsee mit SPDlern aus Niedersachsen und der Altmark erzählte er seine Geschichte.

Arendsee l Es war nur ein unbedachter Satz beim Skatspielen, der plötzlich das ganze Leben von Michael Ziebke verändern sollte. "Dann hau` ich halt ab!" Das war Anfang der 1980er Jahre, mitten in der DDR. Damals war der Oebisfelder 22 Jahre. Es dauerte nicht lange, da fand er sich im Gefängnis in Stendal wieder. Kollegen, von denen er dachte, sie seien seine Freunde, sagten gegen ihn aus.

Nach sechs Monaten in U-Haft kam er ins Arbeitslager nach Bitterfeld in den Tagebau. 3.30 Uhr aufstehen, harte Arbeit, schlechte Versorgung. "Jeder Tag hat mich wütend gemacht. Ich habe mich immer gefragt, wie es wäre, wenn ich geflohen wäre", sagt der 50-Jährige, der heute in Zethlingen lebt. Ein paar Jahre später setzt er seinen Wunsch in die Tat um. Er flieht.

"Sobald der Strahl des Suchscheinwerfers kam, ging ich in Deckung."

Auf dem Raddampfer Queen Arendsee erzählte Ziebke am Donnerstag Sozialdemokraten aus der Altmark und Niedersachsen seine Geschichte: Sein Nachbar hatte ihm damals eine Leiter gezimmert. Niemandem sagte Ziebke etwas von den Plänen - weder seiner Freundin noch seiner Familie.

Nachts fuhr er mit dem Trabi los ins Sperrgebiet. Er lief mit der Leiter sieben Kilometer durch die Feldmark bei Oebisfelde. "Sobald der Strahl des Suchscheinwerfers kam, musste ich in Deckung gehen." Er überwand den 500 Meter Streifen, den ersten Zaun und zuletzt die Mauer. Frühmorgens kam er in der Freiheit an.

Im ersten Dorf klingelte er an einer Tür. Doch als die Bewohner seine Geschichte hörten, machten sie ihre Tür schnell wieder zu.

Ein Autofahrer nahm ihn schließlich mit. Doch die Rettung entpuppte sich als nicht ungefährlich. "Der hatte ganz schön was getrunken", erinnert sich Ziebke. Er fuhr ihn trotzdem wohlbehalten nach Wolfsburg zur Polizeiwache. Die Beamten staunten nicht schlecht als der junge Mann aus Oebisfelde vor ihnen stand.

Von Niedersachsen zog es ihn bald darauf nach Bayern. Ganz einfach war es für ihn im Westen nicht. "Ich habe viele herzliche gute Leute kennengelernt, aber auch viele, die Vorurteile hatten", sagt er rückblickend.

Mit zahlreichen Gelegenheitsjobs hielt Ziebke sich über Wasser. Und dann machte er kurz vor der Wende einen Schritt zurück, bei dem viele den Kopf geschüttelt haben müssen.

Ziebke ging zurück in die damalige DDR. Die Grenzer waren völlig überfordert, als er vor ihnen stand. Sie verfrachteten ihn für vier Wochen in den Stasi-Knast nach Berlin.

"Alles andere nützt nichts, wenn man nicht frei ist."

Was ihn dazu getrieben hatte? Für ihn sei schon klar gewesen, dass die DDR bald zusammenbrechen werde. Er habe Sehnsucht nach der Heimat und seiner Lebensgefährtin gehabt und er hatte seine Genugtuung. Bald darauf fiel die Mauer.

25 Jahre nach dem Mauerfall findet Ziebke, dass das Regime der DDR nicht in Vergessenheit geraten darf. Der Mauerfall ist für ihn immer ein Grund zum Feiern. "Es gibt zwar Reibereien, aber wir können wenigstens darüber reden", so Ziebke.

Und dann fällt ein Satz, den man ihm wie keinem anderen Menschen abnimmt. "Alles andere nützt nichts, wenn man nicht frei ist", sagt er.

Beeindruckt hörten ihm die gut 60 Sozialdemokraten aus Ost und West zu. Die beiden Bundestagsabgeordneten Marina Kermer (Altmark) und Hiltrud Lotze (Lüneburg) hatten die Veranstaltung initiiert. Der Anlass war 25 Jahre Mauerfall. Mit den Genossen aus dem benachbarten Niedersachsen wurde nach der Dampferfahrt gegrillt und die Zeit für Gespräche genutzt.

Der Journalist Henning Lehmann hat die Geschichte von Michael Ziebke verewigt. Diese ist Teil des neuen Buches "Weshalb wir kamen - weshalb wir blieben", das zum 20-jährigen Bestehen des Altmarkkreises erschienen ist.

Das Buch ist in vielen regionalen Buchhandlungen erhältlich und kostet 18,99 Euro.

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