Am Ende des Zweiten Weltkrieges führte ein Todesmarsch mit über 100 KZ-Häftlingen auch an Arendsee vorbei. Nur ganz wenige Zeitzeugen erinnerten sich. Auf dem Genziener Friedhof erinnert ein Grab mit Gedenkstein an zwei der am 12. April 1945 Ermordeten.

Arendsee l Zu den schrecklichsten Ereignissen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten die Todesmärsche von KZ-Häftlingen durch Deutschland. Ein Todesmarsch führte vor nunmehr 70 Jahren vom 9. bis 12. April 1945 entlang der heutigen Bundesstraße B 190 durch die nördliche Altmark. Dieser Zug bestand aus Teilen der Häftlinge des dritten Evakuierungszuges aus dem Osteroder Außenlager des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau sowie Häftlingen aus dem Raum Gifhorn.

Dieser traurige Marsch erreichte spätestens am Abend des 9. April 1945 Salzwedel. Am Morgen des 10. April 1945 setzte sich der Marschblock aus etwa 160 Häftlingen und ihrer Wachmannschaft bestehend aus 6 Mann, 3 deutschen Landsern in Luftwaffenuniformen sowie 3 Ukrainern, in Richtung Wittenberge in Bewegung.

Polizist erschießt Flüchtige am Bahnübergang

In den frühen Nachmittagsstunden erreichte der Zug Pretzier. Erbarmungslos wurden schwache, kranke und flüchtende Häftlinge erschossen und liegengelassen. In Pretzier wurden drei tote beziehungsweise sterbende Männer in den Chausseegraben gelegt. Sie wurden auf dem Friedhof in der Südwestecke beigesetzt. Kurz hinter Pretzier an der B190, schräg gegenüber dem Chausseestein, lag ein weiterer toter Mann. Er wurde später von Einwohnern auf dem Acker daneben beigesetzt.

Am Abend erreichte der Zug Ritzleben und am darauffolgenden Tag Kläden. Hier erfolgte die Einquartierung in der Stapenbeckschen Scheune. Die Wachmannschaft wurde im Haus untergebracht und musste beköstigt werden. Die Häftlinge erhielten lediglich Wasser und den einen oder anderen Brotkanten, den ihnen die Frauen zusteckten.

In den Morgenstunden muss es zu einem Fluchtversuch von mehreren Häftlingen gekommen sein. Einer der Flüchtenden wurde dabei erschossen und später mit anderen Kameraden auf dem Klädener Friedhof beigesetzt.

Am frühen Morgen des 12. April ging der Transport weiter entlang der B 190. Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich in Genzien. Hier klopften zwei entlaufene Häftlinge des Zuges an eine Tür und baten um Essen und Trinken, welches sie auch bereitwillig bekamen. Nach kurzer Zeit verließen sie Genzien und gingen in Richtung Leppin.

Gleich darauf kam ein Polizist mit seinem Fahrrad und etwa 300 Meter hinter dem Bahnübergang stellte er die beiden Männer. Wahrscheinlich wurden sie kaltblütig erschossen.

Der Mithäftling Karl Kötsch- ler, der später in Arendsee wohnte, berichtete im Rathaus nach Kriegsende über die Ereignisse im Bereich der Leppiner Berge. "Als wir auf dem Wege zwischen Arendsee und Seehausen waren, hörte ich wiederum zwei Schüsse fallen. Als ich mich umsah, lagen im Chausseegraben wiederum die Leichen von zwei Kameraden, die im Zuge zurückgeblieben waren."

Es ist nicht bekannt, ob es die erschossenen Häftlinge sind, die später in einem Grab auf dem Friedhof in Genzien beigesetzt wurden. Dieses Grab ist noch erhalten und wird gepflegt. Anders ist es mit den ehemaligen Häftlingsgräbern in Kläden. Sie wurden vor wenigen Jahren eingeebnet.

Doch es gelang immer wieder Häftlingen, in die Wälder rings um Leppin und Zehren zu flüchten. Die Wachmannschaften schossen den Flüchtenden zwar hinterher, konnten sie jedoch nicht verfolgen, da sie zu wenige waren und sie natürlich Angst hatten, dass sich der Zug, der gleichzeitig ihre menschliche Deckung vor Tieffliegern und den amerikanischen Truppen war, auflöste.

Einigen gelang die Flucht mit Hilfe der Bevölkerung

Ilse Lausch aus Zehren berichtete einmal über diese Flüchtlinge und deren bedauernswerten Zustand, "(...) kam ein geflohener Häftling zu uns und bat um Essen. Er trug total zerlumpte Kleidung und war zum Skelett abgemagert".

Karl Kötschler schreibt in seinem Bericht unter anderem: "In Arendsee waren wir noch 128 Mann, es sind mithin 32 Mann von den Mannschaften im Laufe des Marsches bis zur Auflösung des Zuges erschossen worden." Was er nicht wissen konnte, ist, dass es einigen seiner Kameraden, oft mit Hilfe der Bevölkerung, gelungen war zu fliehen.

In den Nachmittagsstunden des 12. April 1945 erreichte am Tannenkrug eine Panzerspitze der 5. US Panzerdivision, die sehr schnell über Thielbeer und Lückstedt nach Losse vorgedrungen war, den Häftlingszug. Das Herannahen der Amerikaner aus Richtung Losse müssen die Wachleute erkannt haben und waren selbst in den Wäldern verschwunden.

Diese erste Panzerspitze hielt sich nicht lange bei den Häftlingen auf und fuhr über Groß Garz weiter in Richtung Wittenberge. Da die Wehrmacht den Nachschub auf der B 190 erschweren wollte, wurde die Straße bei Tannenkrug mit wenig Erfolg mit Granaten beschossen.

Die Häftlinge wurden deshalb von Tannenkrug in Richtung Losse auf einer Wiese in Sicherheit gebracht. Zuvor wurden nach übereinstimmenden Berichten zweier Zeugen noch Fotos von einer Gruppe von etwa 10 bis 15 entkleideten Häftlingen von amerikanischen Kriegsberichterstattern gemacht, die die Verbrechen dokumentieren wollten.

Karl Kötschler berichtet über seine Befreiung nur: "Vor Seehausen verließen uns die Wachmannschaften, wir gingen auseinander."

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