Der Salzwedeler Hauptausschuss kann morgen mit einem zustimmenden Votum zum Bebauungsplan "Gewerbegebiet Magdeburger Straße" die Voraussetzung für die Errichtung einer Biogasanlage auf dem Gelände des ehemaligen Chemiewerks schaffen. Wolfgang Gries, einer der Investoren, warb gestern bei Anliegern um Vertrauen. Die Anlage bringe der Stadt nicht nur Steuereinnahmen, sondern biete die Chance, das stark mit Giften verseuchte Areal zu dekontaminieren.

Salzwedel. Seit 20 Jahren liegt das fast flächendeckend mit giftigen Rückständen durchsetzte Chemiewerksareal am Südrand der Hansestadt brach. Mehrere Anläufe, das Gebiet einer neuen Nutzung zuzuführen, unter anderem eine Photovoltaikanlage, waren gescheitert. Vor allem aufgrund der Altlasten. Diese Sachlage hat sich jetzt geändert. Das Landesamt für Altlastenfreistellung hat Geld für eine Bodensanierung im Bereich der früheren Schwefelkies-Abbrandfläche bereitgestellt. Ende Mai soll es dort losgehen, die arsenhaltige Erde auf der anderen Seite der Jeetze - sicher vor Umwelteinflüssen - endgelagert werden. In Vorbereitung des Vorhabens ist der Baumbewuchs in den vergangenen Wochen bereits entfernt worden. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten bietet sich die entstandene Halde für eine Photovoltaikanlage an, sagte Wolfgang Gries. Dies gelte auch für den Bereich zwischen Bergstraße und Betonwerk-Zufahrt. Erste Gespräche mit Investoren hätten dazu bereits stattgefunden.

Betreiberfirma hat ihren Sitz in Büssen

Die Biogasanlage soll zunächst eine Leistung von 1,6 Megawatt haben, sagte Gries während eines Treffens mit Anliegern am gestrigen Vormittag. Der Landwirt aus dem wendländischen Lübbow ist einer der Gesellschafter der im Vorjahr gegründeten Arvum GmbH & Co. KG mit Sitz in Büssen, die die Biogasanlage betreiben will. Das Unternehmen sei ein Zusammenschluss landwirtschaftlicher Betriebe, die über entsprechende Kenntnisse in dem Bereich verfügen würden.

Direkt auf dem Gelände soll ein 540-Kilowatt-Blockheizkraftwerk (BHKW) errichtet werden, dessen erzeugter Strom ins Netz der E.ON-Avacon eingespeist werden soll. Ein Großteil der Wärme werde für die Biogasanlage selbst benötigt, um die Temperatur auf ein bakterienfreundliches Niveau zu bringen. Mit der überschüssigen Wärme könnten Wohn- und Geschäftsräume in der Nähe versorgt werden. Ein BHKW mit gleicher Leistung soll an der Kerzenfabrik entstehen, um den Betrieb rund um die Uhr mit Strom und Wärme zu beliefern. Dafür müsse eine Gasleitung zum Fuchsberg gebaut werden. Ein drittes BHKW, ebenfalls durch eine noch zu bauende Gasleitung anzuschließen, ist laut Gries im nordöstlichen Bereich der Pappelallee geplant. Und zwar in einem zurzeit nicht genutzten Gebäude der E.ON-Avacon. Der Helmstedter Konzern wolle dieses BHKW selbst betreiben und die Wärme in sein Fernwärmenetz einspeisen.

Jahrzehntelang Realität: Trinkwasser neben Gift

Die Biogasanlage ist bewusst so konzipiert worden, dass sie nicht nur Mais und Gülle verwerten kann, erklärte Gries. Austauschbare Module würden kurzfristige Anpassungen und damit beispielsweise die Verwertung von Grassilage oder Zuckerrüben ermöglichen. Schlachtabfälle schloss er auf Nachfrage von Anlieger Uwe Stichowski kategorisch aus. Die Anlage würde pro Jahr mit 49000 Tonnen Substrat beschickt, in der Regel von Flächen im Umkreis von 15 Kilometern. Ein Schwerpunkt des Verkehrsaufkommens wäre während der Maisernte im Herbst zu erwarten. Gries räumte ein, dass die Einmündung auf die B 71 ein neuralgischer Punkt sei, an dieser Stelle durch ein vom Landesbetrieb Bau geplanter Kreisel jedoch "in naher Zukunft" Abhilfe geschaffen werden könnte. "Entgegen vieler Befürchtungen wird die Umsetzung des B-Planes primär zu einer Entlastung der Bergstraße führen", ist der Investor überzeugt. Denn benachbarte Betriebe wie die Deba oder die Raiffeisengenossenschaft könnten dann ihre Transporte über das Chemiewerksareal führen. Das Projekt sei eine einmalige Chance, eines der "am schlimmsten verseuchtesten Gebiete Sachsen-Anhalts" zu sanieren, so Gries. Dass die Einwohner Salzwedels bis vor wenigen Jahren aus dem nur 500 Meter entfernten Wasserwerk ihr Trinkwasser bezogen hatten, sei kaum zu glauben.

Laut Gries seien die Bauanträge für die Biogasanlage gestellt. Genehmigungsbehörde ist das Landesverwaltungsamt in Halle. Der Betrieb solle möglichst noch in diesem Jahr aufgenommen werden, da zu befürchten stehe, dass ab 2012 das Erneuerbare-Energien-Gesetz zum Nachteil der Investoren geändert wird.

Fernwärmepreis 75 Prozent günstiger

Jürgen Kupfer begrüßte die Investition: "So kann dieses verfluchte Gebiet endlich dekontaminiert werden. Und für uns Anlieger ist es die Chance, Fernwärme zu vernünftigen Preisen zu beziehen." Nach Volksstimme-Informationen sollen die Preise bei einem Viertel der E.ON-Avacon-Fernwärmekonditionen liegen. Die Hansestadt kann davon indes vorerst nicht profitieren. Sie hat mit E.ON-Avacon bis 2014 laufende Lieferverträge abgeschlossen.