Seit 20 Jahren ist die Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden (IGG) Calbe eine starke Gemeinschaft. Mit zahlreichen Aktionen ist sie aus dem Stadtleben nicht mehr wegzudenken. Doch in Zeiten von Einwohnerschwund, Einkaufstempeln größerer Städte und Online-Handel wird es für die Mitglieder zunehmend schwieriger, Kunden in die Saalestadt zu locken.

Calbe l Es war das Jahr 1993, als sich in der Saalestadt eine Handvoll Calbenser Geschäftsleute und Händler zusammenfanden. Sie wollten der Idee eines Zusammenschlusses Leben einhauchen. Am 7. Juni wurde schließlich in der "Handwerkerstube" von Uwe Dietrich zur Gründungsversammlung eingeladen, zu der damals 30 Händler erschienen. Es war die Geburtsstunde der IGG Calbe.

"Ich erinnere mich an diese erste Zusammenkunft noch recht gut", sagt Calbes Bürgermeister und IGG-Vorsitzender Dieter Tischmeyer. Vor 20 Jahren habe es weder konkrete Vorstellungen über die Aufgaben, Rechte und Pflichten gegeben, noch wussten die Beteiligten, ob sie eine Interessengemeinschaft oder ein eingetragener Verein werden sollten.

Rolandfest und Weihnachtsmarkt locken in Innenstadt

Eines sei laut Tischmeyer zu diesem Zeitpunkt aber allen klar gewesen: "Wir können nur etwas erreichen, wenn wir in irgendeiner Form zusammenarbeiten und unsere gemeinsamen Interessen als Gewerbetreibende dieser Stadt ordnen und in gemeinschaftlicher Arbeit bündeln." Kurzum: Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Handel, Handwerk und Dienstleistungsgewerbe untereinander als auch gegenüber Mitbewerbern sollte gestärkt werden. Durch eine Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung stärkte die IGG dem städtischen Mittelstand zusätzlich den Rücken, indem sie auf stadtplanerische Aufgaben Einfluss nahm. "Eine nicht unwesentliche Aufgabe besteht darin, unsere Werbeaktivitäten zu koordinieren", erklärt Tischmeyer weiter.

1995 nutzte die IGG die Einweihung der neu gestalteten Schloßstraße, um ein erstes Straßenfest zu organisieren. Die daraus erzielten Gewinne spendeten die teilnehmenden Händler für die Eigenherstellung von insgesamt rund 400 Meter Weihnachtsgirlanden, deren unzählige Leuchten bis heute die Innenstadt zur Vorweihnachtszeit in ein warmes Licht tauchen.

Damit nicht genug. Eine anfangs belächelte "Schnapsidee" wurde weit jenseits des Erzgebirges dank zahlreicher Calbenser Handwerker, Künstler und Mittelständler in die Tat umgesetzt. "Heute können wir mit Recht behaupten, das es in Calbe eine der schönsten Weihnachtspyramiden weit und breit gibt", ist nicht nur Tischmeyer stolz.

Gegenpol zu "Einkaufsfabriken" auf der grünen Wiese

Zwei Jahre später entstand das große Wotanstor auf dem Wartenberg. Im Jahr 2003 errichte eine Handwerkergruppe unter der Bauleitung von Oskar-Heinz Werner in Anlehnung an die mehr als 400-jährige Tradition des örtlichen Zwiebelanbaus die sogenannte Bärenbolle. Die eiserne Zwiebel überspannt bis heute das Freigehege der Braunbärin. 2004 errichteten die Saalestädter in unmittelbarer Nähe ein großes Blockhaus und werteten das Areal des Wartenberges zusätzlich auf. In den Jahren 2005 und 2006 wurden für den jährlichen Weihnachtsmarkt zwölf Verkaufsbuden in Eigenregie gebaut. Ein Jahr darauf unterstützten die IGG-Mitglieder die evangelische Kirchgemeinde bei einer Aktion, durch die der Nordturm der St.-Stephani-Kirche saniert werden konnte.

Neben den baulichen Errungenschaften sind es bis heute vor allem die Organisation und Durchführung großer Stadtfeste, mit der die IGG zahlreiche Besucher aus nah und fern in die Innenstadt lockt. Das Rolandfest im Juni und der Weihnachtsmarkt in der Adventszeit haben sich dank ihres Engagements einen festen Platz im Veranstaltungskalender der Stadt ergattert. Mit viel Herzblut bereiten die derzeit rund 50 IGG-Mitglieder Jahr für Jahr die Veranstaltungen vor, organisieren Auftritte von Künstlern sowie Kita- und Schulgrupppen, stellen Gewinnspiele auf die Beine, gewinnen Markthändler der Region.

Einkaufsverhalten hat sich grundlegend geändert

"Damit wollen wir einen Gegenpol zu den Einkaufsfabriken auf der grünen Wiese bilden", sagt Tischmeyer und verweist auf das IGG-Motto "Gut einkaufen in Calbe."

Doch wer durch die Saalestadt schlendert, erkennt angesichts vieler verwaister Geschäftsräume in der Stadt, dass dieses Motto zunehmend schwieriger wird. Ursachen dafür gibt es viele. Seit längerem bekommen die Mitglieder den sich fortsetzenden Einwohnerrückgang ihrer Stadt zu spüren. "Außerdem hat sich das Einkaufsverhalten grundlegend geändert", sagt Olaf Kriebel, Inhaber eines Geschäftes für Baby- und Kleinkindausstattung. "Heute im Internet bestellt, morgen an die Haustür geliefert." Dabei seien es oft Dinge, die bei einem Gang durch die lokalen Geschäfte auch zu bekommen oder zu bestellen seien. "Das muss nicht teurer sein", so Kriebel, der mit den IGG-Mitgliedern weiter für eine Einkaufskultur und damit für Leben in der Saalestadt eintreten will.

   

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