Die ehemalige Maizena-Werkssiedlung, die vor 86 Jahren in der Hansa- und Teilen der Bahnhofstraße aus dem Boden gestampft wurde, ist ein bemerkenswertes Flächendenkmal. Der US-amerikanische Traubenzuckerhersteller ließ in einem Schrebergartengelände zwischen Gethsemanestraße und dem damaligen Colphuser Damm zwölf Doppelhäuser und zwei "Direktorenvillen" errichten.

Barby. "Damals waren wir überhaupt nicht darüber begeistert, dass wir die Laube stehen lassen sollten. Die Denkmalspflege wollte es aber so", gesteht Ursula Friedrich, die seit 1966 in einem der Doppelhäuser wohnt. Jetzt freut sie sich jedoch über die schmucke Holzkonstruktion, die heute als einzige übrig geblieben ist. Als die kleinen Villen 1924 gebaut wurden, hatte jeder Eingang solche Aufbauten, die stilbildend waren.

"Wir sind innerhalb des Viertels viermal umgezogen"

Auch Elke Ratzka hat eine besondere Beziehung zu diesem Viertel, das sie 1950 mit ihren Eltern bezog. Ihr Vater arbeitete als Installateur, später als Sicherheitsinspektor in der Maizena. Der Umzug von der innerstädtischen Altbauwohnung in die "Villa" war eine deutliche Komfortsteigerung. Elke Ratzka kann sich noch erinnern, wie ihr Vater beim Einzug über "Hinterlassenschaften der Russen" schimpfte, die die Häuser nach dem Krieg requiriert hatten. "Da krabbelten so kleine Lausetierchen rum", weiß die 65-Jährige noch. Vor den Offizieren der Roten Armee hatten die Amerikaner im April 1945 im Hansaviertel Quartier bezogen. Auf so manchem Boden blieben Ausrüstungsteile zurück, die die GIs zum "Andenken" der Wehrmacht abgenommen hatten.

Elke Ratzkas Familie ist ein Beispiel dafür, wie begehrt die Wohnungen waren: "Ich bin hier in mein Leben nicht raus gekommen. Wir sind innerhalb des Viertels viermal umgezogen", berichtet sie. Zu diesen Stationen zählte eines der beiden "Direktorenhäuser", die in der Bahnhofstraße stehen. Hier wohnten überwiegend leitende Mitarbeiter: Börner, Altendorf, Hut-Müller, Dr. Meyer und andere.

Weil es sich um Betriebswohnungen handelte, lag die Instandhaltung in Händen der Maizena, die 1969 von der Aktiengesellschaft zum VEB Maisan umfirmierte. Sie schickte im Bedarfsfall ihre Betriebshandwerker zu Reparaturen. "Wir haben 24 Mark Miete bezahlt. Wenn wir Eigenleistungen erbracht haben, wurden sie uns auch bezahlt", so Elke Ratzka. Das führte zum Erhalt einer relativ guten Bausubstanz. Als die Häuser 1997 privatisiert wurden, gab es freilich einen Sanierungsschub, der sie zu Schmuckkästchen machte.

Die Geschichte der Siedlung wird von Dieter Engelmann in der Barbyer Chronik von 2008 ausführlich beschrieben: "1924 entstanden im Hansaviertel zwölf Doppelhäuser, davon drei auf der nördlichen Seite des Colphuser Damms und neun weitere in der völlig neu geschaffenen Hansastraße." (Colphuser Damm hieß zum damaligen Zeitpunkt die heutige Bahnhofstraße.)

In der Chronik heißt es weiter: "Errichtet vom Baumeister Otto aus Halle im modernen Stil der 20er Jahre entsprachen die Häuser in ihrer Zweckmäßigkeit als Werkswohnungen höchsten ästhetischen Ansprüchen. Nur beim genauen Hinsehen erkennt man, dass sie trotz des einheitlichen Stils in zwei leicht voneinander abweichenden Varianten gebaut wurden.

Das Hansaviertel unterschied sich deutlich von den Massenquartieren der Arbeiter in Großstädten und machte eher den Eindruck eines kleinen Villenviertels. Durch die Art seiner Entstehung und Zweckbestimmung kann es auch als Musterbeispiel eines sozialen Wohnungsbaus angesehen werden.

Die Stadt Barby leistete dazu ihren Beitrag, indem sie sich erfolgreich bemühte, der Maizena billiges Bauland zur Verfügung zu stellen.

Die Herren der Maizena Gesellschaft hatten (…) an alles gedacht. Aus einem Brief an Bürgermeister Ohlen vom 11. Juli 1923 geht hervor, dass sie ‘noch zwei bessere kleine Villen für einen Chemiker und einen hohen Beamten’ bauen lassen wollten.

Diese sollten aber nicht in der ‘Kolonie’ der Arbeiter- und Angestellten-Häuser stehen, sondern getrennt von diesen. So errichtete sie Baumeister Otto schließlich auf der südlichen Seite des Colphuser Damms und schloss damit das gesamte Ensemble des neuen Wohngebiets auf harmonische Weise ab."

Alle Maizena-Häuser hatten im Nebengelass Ställe zur Kleintierhaltung und Hausgärten. Besonders in den kargen 20er Jahren setzte man auf Selbstversorgung.

Wie sich die Zeiten wandeln: Heute sind diese Gebäudeteile zu Wohn- oder Partyräumen umgestaltet.

 

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