Das kleine Binnenschifffahrtsmuseum der Familie Grötschel in Breitenhagen wird ständig um neue Ausstellungsstücke erweitert. Gegenwärtig baut der ehemalige Kapitän einen Schraubenschleppdampfer der tschechischen Oderschifffahrt.

Breitenhagen. "Das ist wohl das letzte Modell, das ich baue", winkt Theo Grötschel ab. Der 82-jährige Schiffsführer und Kapitän a.D. hat in der Wohnküche des Hauses seinen Arbeitsplatz bezogen. Hier werkelt er täglich mit großer Geduld und sagenhafter Fingerfertigkeit. Grötschels Schiffe sind für ihre Detailtreue bekannt.

"Wenn ich eine Weile nichts gemacht habe, werde ich unruhig. Es ist wie Fieber, das immer wiederkommt", gesteht der alte Kapitän, der noch immer mit ruhiger Hand und gutem Auge gesegnet ist.

"Den Windenbau schiebt man beim Basteln immer nach hinten"

Das sieht man am Beispiel der Ankerwinden, die durch ihren Detailreichtum bestechen. Man braucht fast eine Lupe, um alle zwölf Segmente zu erkennen. "Wie lange man daran arbeitet? Kann ich nicht sagen", zuckt der 82-Jährige mit den Schultern. Für ihn spielt die Zeit eine untergeordnete Rolle. Das Ergebnis zählt. Nach weiterem Bohren des Reporters rechnet er schließlich doch die Stunden aus: 32! Allein für eines der vielen Schiffsmodule. Da traut man sich gar nicht zu fragen, wie lange er für den gesamten Schraubenschlepper brauchen wird.

"Den Windenbau schiebt man beim Basteln immer nach hinten", gesteht Theo Grötschel. "Der Fummelei wegen. Es gibt Dinge, die gehen flotter von der Hand. Bei Rumpf, Aufbauten oder Schornsteinen sieht man abends, was man am Tage gemacht hat."

Grötschels aktueller Schlepper – man darf hoffentlich bezweifeln, dass es wirklich sein letztes Modell ist – wurde 1942 in Auftrag geben, infolge Kriegseinwirkung aber erst 1948 als "Prerov" in Dienst gestellt. Erst mit einer Dampfmaschine ausgestattet wurde er später auf Diesel umgerüstet.

Im kleinen Breitenhagener Privat-Museum werden "rund 40 Modelle" gezeigt. Die genaue Anzahl weiß der Kapitän nicht auf Anhieb. Darunter der Seitenradschlepper "Praha", der 1907 als "König Friedrich August" in Roßlau gebaut wurde. Für Theo Grötschel ist dieser Raddampfer etwas ganz Besonderes: Sein Vater Theodor fuhr darauf als Kapitän; er selbst begann auf den Planken dieses Schiffes seine Laufbahn.

Der 1907 gebaute Seitenradschlepper wurde nach dem Ersten Weltkrieg von den Tschechen übernommen, die ihn in "Praha" umtauften. Als die Tschechei während nationalsozialischer Zeit zum "Protektorat Böhmen und Mähren" wurde, wechselte der Schiffsname erneut. Der 1000-PS-starke Stolz der Elbe hieß 1941 nach dem Gauleiter des Protektorats Conrad Henlein. Am 13. Januar 1945 durch Fliegerbomben im Magdeburger Industriehafen versenkt, wurde er 1947 wieder in Dienst gestellt.

Während seiner Fahrenszeit war Theo Grötschel von dem Schiff schon so fasziniert, dass er mit der Fuß-vor-Fuß-Methode (Schuhgröße 45) seine Maße abnahm. Außerdem fertigte er Skizzen an, wohl ahnend, eines Tages ein Modell zu bauen. Später besorgte sich der leidenschaftliche Binnen-Kapitän originale Typenbauzeichnungen aus dem Binnenschiffsregister im Staatsarchiv Hamburg. Außerdem halfen dem Bastler zahlreiche Fotos in der Totale und im Detail.

Theo Grötschel baut im Maßstab von 1:60; die Bastler-Masse bevorzugt 1:100. Sein erstes Modell entsprach dem Original sogar im Verhältnis von 1:55.

Aber wie kam diese "exotische Größe" zustande?

Der Grund ist ein entzaubernd praktischer: Theo Grötschel hatte in jungen Jahren eine Kahnbodendiele gefunden, die er "frei Schnauze" zum Schiffsmodell veredelte. Erst bei Nachfolgebauten stellte er den ungewöhnlichen Maßstab fest: "Eins zu hundert war zu klein, eins zu fünfzig zu groß. Also habe ich auf eins zu sechszig aufgerundet." Dabei blieb es.

Sein Berufsleben lang lernte Theo Grötschel die Elbe in- und auswendig kennen. Da kam es vor, dass er elf Kähne hinter seinem Raddampfer zog. Wobei er das Ende der "Schlange" nicht immer sah, die bis zu einen Kilometer lang werden konnte. Eine Meisterleistung in Sachen Kommunikation ohne Funk und Radar.

Grötschel stammt aus der Böhmischen Schweiz. Nach dem Krieg blieb er in Breitenhagen "hängen", als am Ufer ein "blondes Gift" lächelte, das später seine Ehefrau wurde.

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