Die altehrwürdige Stephani-Kirche, das Calbenser Wahrzeichen, liegt Susanne Giest besonders am Herzen. Mit weiteren Mitstreitern schiebt die 41-Jährige zahlreiche Kulturprojekte an, um den Sakralbau wieder zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt zu machen. Die Volksstimme meint: "Das ist spitze".

Calbe l "Vision ist die Kunst, Unsichtbares zu sehen". Das soll vor langer Zeit einmal ein irischer Theologe gesagt haben. Demnach verfügt Susanne Giest zweifellos über eine Vision. Denn wenn Besucher eine der größten Kirchen des Salzlandkreises mit ihren markanten Doppeltürmen besuchen, dann fehlt etwas Elementares: Eine bespielbare Orgel. Seit den 1960er Jahren sucht man in Calbes imposanten Gotteshaus vergebens eine "Königin der Instrumente". Doch Susanne Giest kann sie bereits sehen.

"Die Kirche für nachfolgende Generationen mit neuen Nutzungsideen erhalten."

Die 41-Jährige leitet innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde die Orgelprojektgruppe. Mit ihren 20 Mitstreitern verfolgt die Calbenserin konsequent den Weg, die gemeinsame Vision einer "Königin für St. Stephani" Wirklichkeit werden zu lassen. Ausgangspunkt war vor vier Jahren die Schenkung einer denkmalgeschützten und restaurierungsbedürftigen Orgel aus der Halberstädter Martini-Kirche. Nach zahlreichen Sondierungen und Vorgesprächen zog 2012 die dreimanualige und 44 Register große Orgel in Einzelteilen in St. Stephani ein, wo sie in einem abgetrennten Bereich des Kirchenschiffs lagern. Ein besonderes Instrument mit romantischer Klangpracht, typisch für die Entstehungszeit.

"Unser Ziel ist es, die Röver-Orgel in St. Stephani wieder zum Klingen zu bringen", sagt Susanne Giest. Als Mitglied des Gemeindekirchenrates weiß sie nur zu genau, dass es bis dahin noch ein weiter Weg sein wird, auf dem es viele Hürden zu überwinden gilt.

Eine große Hürde ist das liebe Geld. Auch das weiß die diplomierte Finanzwirtin nur zu genau. Vorsichtige Schätzungen gehen für die Sanierung von einem sechsstelligen Eurobetrag aus. "Nur mit breiter Unterstützung schaffen wir das", sagt die zweifache Mutter, die bisher an vielen Türen von Politikern aus Stadt und Land klopfte und auf das Projekt aufmerksam macht. Unermüdlich wirbt sie für Spenden. "Jeder Euro bringt uns dem Orgelklang ein Stück näher." Anfangs für das Vorhaben oft belächelt, hat sie mittlerweile viele Unterstützer finden können. Ihr beherzter Einsatz überzeugt, nicht nur bei der Organisation von Familiengottesdiensten, Krippenspielen, Kirchenkaffee, Turmführungen und Ausstellungen.

"Sie lässt sich auch bei Widerspruch nicht entmutigen, zieht uns mit ihrem Elan mit und macht sich mit ihrem Engagement auch nicht immer Freunde", sagte Bürgermeister Dieter Tischmeyer in seiner Laudatio vor einer Woche, als Susanne Giest für ihr Wirken mit der Auszeichnung als Salzlandfrau 2014 geehrt wurde. "Das gemeinsame Ziel kann nicht an einer Person festgemacht werden. Es wird von vielen Schultern getragen", sagt Susanne Giest. Zusammenarbeit und Kommunikation sind ihr Credo.

Wenn sie über weitere Schritte in diesem Jahr spricht, klingt Klarheit und Zielstrebigkeit aus ihrer Stimme. Die Röver-Orgel soll als Kulturgut nicht nur für die Gemeinde sondern für die gesamte Öffentlichkeit erhalten werden. "Das Ertönen der Orgelklänge muss einhergehen mit dem stetigen Bemühungen, den Kirchenbau für nachfolgende Generationen zu erhalten und neuen Nutzungsideen Raum zu geben", sagt Giest.

"Zwei Planungsentwürfe zum Orgelaufbau liegen vor, die nun auf Umsetzbarkeit geprüft werden."

Das vergangene Veranstaltungsjahr hat eindrucksvoll bewiesen, wie das funktionieren kann. So lockten Calbes Schulchöre mit einem großen Weihnachtskonzert zahlreiche Gäste in die Kirche, Gymnasiasten entwarfen und fertigten Sitzkissen für die Kirchenbänke und luden mit Konzert und Ausstellung zum Kulturherbst in St. Stephani ein. Calbenser Kitas und Sekundarschule organisierten ein Benefizkonzert zu Gunsten der hochwassergeschädigten Kita in Groß Rosenburg. Eine nächtliche Taschenlampenführung durch die historischen Gemäuer begeisterte junge Besucher ebenso wie ein Kirchenkino für Schulklassen im frisch sanierten Patensaal. In diesem Jahr warten neben zwei Auftritten des Vokalensembles "Con Gusto" mit dem Magdeburger Kabarett der Hengstmann-Brüder am 10. Mai neue Höhepunkte im Veranstaltungskalender.

Mittlerweile liegen zwei Planungsentwürfe zum Orgelaufbau vor. "Diese sollen in absehbarer Zeit auch in Bezug auf eine tatsächliche Umsetzung weiter bearbeitet werden", sagt Giest. Allerdings hängen alle weiteren Schritte in Bezug auf den Innenausbau der Kirche und den Orgeleinbau an der dringend notwendigen Sanierung des Hauptschiffdaches ab. "Ohne eine intakte Gebäudehülle ist ein Einbau der Orgel nicht umsetzbar", sagt Giest. Die entsprechenden Fördermittelanträge seien in Zusammenarbeit mit der Stadt gestellt. Nun könne nur gehofft werden, dass die Mittel bewilligt werden.

Dagegen ist sicher, dass in wenigen Wochen ein erster Bauabschnitt am Südturm eingeläutet wird. Dort wird ein Dreiergeläut aus der vorhandenen Altglocke, die in einer schwäbischen Glockenschweißerei restauriert wird, sowie zwei neu zu gießenden Glocken installiert. Eine weitere Baustelle also, die der großen Bedeutung von St. Stephani für die Saalestadt und die Region Rechnung trägt.