Genauso wie das Kreuz eines der zentralsten Symbole des Christentums ist, nimmt das neue Andachtskreuz in der Kirche in Plötzky eine besondere Rolle im Leben von Dario Malkowski ein. Der Schönebecker Künstler hat es für und mit seiner Frau Regina erstellt. Sie stand im vergangenen Jahr auf der Schwelle des Todes.

Plötzky l Als ich an diesem Nachmittag zur Einweihung des neuen Andachtskreuzes an der Kirche in Plötzky ankomme, erwarten mich Anna-Maria Meussling und ihr Mann Rüdiger Gottlieb schon. "Wir sind heute hier", ruft mir Frau Meussling zu und führt mich in den Andachtsraum der Kirche. Fast alle Stühle an den in U-Form aufgebauten Tischen sind besetzt. Ganz vorne sitzt Dario Malkowski. Auch, wenn ich ihm noch nie begegnet bin, erkenne ich ihn gleich. Ich habe den Künstler schon auf zahlreichen Fotos gesehen. Seine Blindheit versteckt er hinter einer dunklen Sonnenbrille.

Ich nehme Platz und bald darauf beginnt der Gemeindegottesdienst. "Es soll ein Kurzgottesdienst werden", hat mir Anna-Maria Meussling vorher verraten.

"Ein Andachtskreuz weiht man am besten mit einer Andacht ein."

Michael Seils, Pfarrer

"Eine neue Orgel nimmt man in den Dienst, indem man darauf spielt. Eine Glocke nimmt man in Dienst, indem man sie läutet. Und bei einem Andachtskreuz ist es dann wohl eine Andacht", sagt Pfarrer Michael Seils. Nach einigen Liedern, die wir ohne musikalische Begleitung singen, beginnt die Predigt. Pfarrer Seils erklärt, wie er das neue Kreuz wahrnimmt. Die Farbe Blau steht für den Himmel und Wasser, das Rot für die Liebe, aber auch das Blut, den Tod und die Hingabe. "Die beiden Korn-Ähren ermöglichen alles Leben auf der Erde", erklärt er. Die Dornenkrone ist braun wie die Erde. Und die weiße Krone steht für die göttliche Herrlichkeit.

Später erklärt mir Dario Malkowski, dass der Pfarrer mit seiner Deutung gar nicht mal so falsch lag. Er ergänzt: "In dem Kreuz steckt viel Symbolik. Es gibt sieben Ähren, die auf die sieben Tage hinweisen, in denen die Welt geschaffen wurde." Auch die Farben wurden nach ihrer Symbolik ausgewählt.

Als die Gemeinde das Vaterunser gesprochen hat und wir im gegenseitigen Dank auseinandergehen, spreche ich Dario Malkowski an. Er findet meine Hand, nimmt sie, steht auf und begrüßt mich. Ich habe vorher eine Broschüre gesehen, in der das Kreuz, das nun an der Wand hängt, abgebildet war. Welchen Weg es genommen hat, wenn er es schon gegen Ende der 1970er Jahre gefertigt hat, möchte ich von ihm wissen. Da war ich wohl auf einem falschen Dampfer. Denn das Kreuz ist nagelneu. Nur die Form gäbe es schon so lange. "Und die Entstehungsgeschichte dieses besonderen Kreuzes ist ein bisschen kitschig", sagt mir der Schönebecker Künst-ler.

Mit seiner warmen Stimme fängt er an zu erzählen. Seine Frau Regina war im vergangenen Jahr schwer krank. "Es stand lange Zeit nicht fest, ob sie überlebt", sagt der 87-Jährige. Die Angst merkt man ihm an, fast bricht ihm die Stimme, als er die Geschichte erzählt. Auch in meinem Hals bildet sich ein Kloß.

"Wie durch ein Wunder hat meine Frau überlebt."

Dario Malkowski, Künstler

Früher habe seine Frau immer seine Keramiken glasiert. "Ich wollte nach der Amputation wieder fit werden, damit ich ihm helfen kann", sagt Regina Malkowski. Sie sitzt im Rollstuhl, ein Bein musste ihr abgenommen werden. Während sie im Krankenhaus lag, hat ihr Mann die Form des Kreuzes, die im Laufe der Jahre zerbrochen ist, wieder repariert und das Kreuz erneut hergestellt.

"Wie durch ein Wunder hat meine Frau überlebt und als sie aus der Reha-Klinik wieder da war, war das Kreuz ihre erste Arbeit", sagt Dario Malkowski. Das Andachtskreuz begleitete die Eheleute durch die Erholungsphase. Dann stand für beide aber fest, dass das es weitergegeben werden muss. Bei den Erzählungen ist die Liebe zwischen den Eheleuten spürbar. Die Art, wie sie seine Hand nimmt, während er erzählt, zeigt mir, wie schwierig die Zeit für die Malkowskis gewesen sein muss.

Die Kirche in Plötzky ist den Eheleuten eingefallen, als sich Dario Malkowski erinnerte, wie das vorige Kreuz ausgesehen hat. "Das war nur ein Holzkreuz aus Leisten und hat eigentlich gar nicht hergepasst", sagt er mir. Ich bin erstaunt darüber, wie er die Energie des Raumes aufgenommen hat, um mit seinen Händen zu fühlen, dass es so ist.

Der Andachtsraum besteht aus Kunst aus 600 Jahren, erklärt mir Rüdiger Gottlieb Meussling. Die verschiedenen Wände sind unterschiedlich alt, aber auch die Kunst an den Wänden stammt aus den unterschiedlichsten Epochen. "Wir kennen Herrn Malkowski schon seit DDR-Zeiten", sagt er. Umso größer war die Freude, als er das Kreuz für den Raum angeboten hat. "Frau Meussling hätte es am liebsten direkt mitgenommen", erzählt mir Dario Malkowski lachend. Dabei hat er es sich nicht nehmen lassen, die genauen Maße mit einem Zollstock für Blinde zu bestimmen.

"Der Raum wird erst lebendig, wenn die Gemeinde da ist."

Rüdiger Meussling, Pfarrer i. R.

Als das Kreuz schließlich in Plötzky angekommen war, hatte Rüdiger Meussling eine Befürchtung: "Hoffentlich fällt es mir nicht runter." Das ist es nicht und schmückt nun den Andachtsraum. Den treffenden Schlusssatz, bevor ich wieder fahre, sagt Rüdiger Meussling: "Der Raum hier wird erst lebendig, wenn ihr alle da seid."

Er meint damit seine Gemeindemitglieder, die im Anschluss noch beim Gemeindenachmittag Volkslieder singen wollen. Dafür habe ich leider keine Zeit, ich muss zurück in die Redaktion. Aber das gute Gefühl und die Achtung vor so viel gegenseitiger Liebe und Respekt nehme ich mit mir.