Wie hat sich Nazi-Zeit angefühlt? Dieser Frage sind drei Schülerinnen aus Calbe nachgegangen, die sich mit dem Schicksal des Mädchens Ruth Lipolz befassten. Ruth Lipolz gehört zu den Opfern des nationalsozialistischen Terrors. Am Beispiel einer Freundschaft entstand eine 25-seitige Arbeit, mit der sich die Jugendlichen um den Urman-Preis bewerben.

Schönebeck l Übersichtlich ist die Zahl der Bewerber um den diesjährigen Urman-Preis. Nur eine kleine Gruppe von drei Schülerinnen aus Calbe hat eine Arbeit als Bewerbung eingereicht. Britta Meldau gehört zur Jury, die den 1991 initiierten Preis vergibt. Sie kommentiert die dieses Mal eher verhaltene Resonanz gelassen, sieht sogar einen Vorteil: "Weil es nur eine Arbeit gibt, ist für die Vorstellung mehr Zeit."

"Eine Freundschaft im Dritten Reich." So haben Bettina Komar, Vanessa Steller und Luisa Leuschner ihre 25-seitige Arbeit überschrieben. Beschrieben werden darin Ruth Lipolz und Erika Bauermeister. In den 1930er Jahren gingen beide Mädchen in die Goetheschule in Calbe. Sie waren befreundet, so wie zwei Schülerinnen in der Grundschulzeit nur befreundet sein können. Alles wäre gut gewesen, wenn, ja wenn die verheerendste Episode deutscher Geschichte mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht seinen Lauf genommen hätte.

"Über den Holocaust und das Dritte Reich ist viel geschrieben worden", vermerken die drei Elftklässlerinnen in ihrer Arbeit und führen weiter aus: "Doch können wir uns wirklich, gerade als Heranwachsende, vorstellen, wie grausam jene Epoche für Juden war?"

Mit den im Geschichtsunterricht vermittelten trockenen Fakten wollten sich die drei Jugendlichen nicht zufrieden geben, sie wollten wissen, wie sich jene Zeit anfühlte. Mehr oder minder durch Zufall erfuhren sie von einer älteren Dame, die in ihrer Schulzeit mit einem Mädchen aus einer jüdischen Familie befreundet war: Erika Bauermeister. Die heute 85-Jährige erinnerte sich für die Schülerinnen an ihre eigene Schulzeit und vor allem an Ruth Lipolz. Nach der sogenannten Reichskristallnacht vom 11. November 1938 erfuhr auch Erika Bauermeister, was Ideologie im Leben anrichten kann. Die Freundschaft zu Ruth führte zu einem Verhalten von Lehrern und Schülern an ihrer Schule ihr gegenüber, das heute als Mobbing bezeichnet werden würde.

"Ich finde es ergreifend, was Bettina Komar, Vanessa Steller und Luisa Leuschner herausgearbeitet haben. Die eine der drei Schülerinnen hat den Text geschrieben, die andere geschichtliche Recherchen betrieben, die Dritte im Bunde hat ein Bild gemalt", zeigt Britta Meldau Details aus der Arbeit auf. Zusammen haben die drei Mädchen Zeitzeugen befragt, die damals in der Altstadt von Calbe gewohnt haben. Es sei spürbar, dass das Thema die Schülerinnen berührt hat, meint Britta Meldau.

Die Freundschaft in Zeiten des Terrors soll am 10. April im Schalomhaus präsentiert werden, Beginn ist um 19 Uhr.