Heute vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Mobilmachungen und Kriegserklärungen überschlugen sich. Auf dem Barbyer Bahnhof rollte Zug um Zug mit Soldaten in Richtung Frankreich. Teilweise rund 1000 Bürger jubelten den Feldgrauen zu. Die Barbyer Chronik von Engelmann/Ulrich fasst diese Tage zusammen.

Barby l Wie in ganz Deutschland verfolgten auch die Einwohner Barbys im Sommer 1914 die politische Entwicklung mit zunehmender Sorge.

Am 31. Juli 1914 trat dann ein, was alle befürchtet hatten: Der Kommandierende General des IV. Armeekorps in Magdeburg, General Sixt von Arnim, gab den Befehl des Kaisers über die Ausrufung des Kriegszustandes bekannt.

Am 1. August berichteten die Barbyer und Schönebecker Zeitung mit einem Extra-Blatt über die allgemeine Mobilmachung, fast zur gleichen Zeit erklärte Deutschland Russland den Krieg. Da damit die gegnerischen Bündnissysteme in Kraft traten, war der Weltkrieg zur Tatsache geworden.

Am 3. August erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich, was den Kriegseintritt Englands gegen Deutschland zur Folge hatte. Darüber informierte die Barbyer Zeitung in einem weiteren Extra-Blatt besorgt mit der Feststellung: "Auch noch Krieg mit England!"

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Dieser Krieg veränderte alles bisher Dagewesene und bestimmte die gesamte weitere Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Man nannte ihn später den Ersten Weltkrieg und bezeichnete ihn als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, weil er einen weiteren, noch viel schlimmeren Krieg, den Zweiten Weltkrieg, zeugte.

Die Auswirkungen des Kriegsbeginns wurden in Barby schon sehr bald deutlich, da die Kanonenbahn, die ja für einen möglichen Krieg gegen Frankreich gebaut worden war, in Barby einen Bahnhof hatte. "Schon am ersten Tag der Mobilmachung eilten die Einberufenen mit dem Karton an der Hand nach der Bahn, begleitet von ihren Angehörigen, oder Freundinnen", schilderte der Barbyer Hauskalender von 1916 die Situation. "Schon kommt der Zug mit den Kameraden, die mit Jubel die unseren begrüßen. Ein letzter Händedruck, ein herzliches `Auf Wiedersehen` und das Dampfross führt sie fort, dem Siege oder dem Tode entgegen. Zug auf Zug rollt in diesen Tagen vorbei, jeder mit Hurra und Tücherschwenken empfangen. Die Sperre war von Morgen bis Abend, ja bis in die Nacht, besetzt. Welche Freude, wenn die mit launigen Inschriften versehenen Wagen hier einmal hielten. Dann waren flink Mengen von Liebesgaben da, die mit Jubel von den lieben Feldgrauen in Empfang genommen wurden. Jeder wollte den Kämpen Liebes und Gutes erweisen."

Tatsächlich gab es auch in Barby wie im gesamten Kaiserreich in dieser Zeit eine gewisse Kriegseuphorie, gepaart mit dem Wunschdenken, zu Weihnachten wäre man nach einem kurzen, siegreichen Feldzug wieder zu Hause. Manchmal fanden sich bis zu 1000 Menschen (!) am Barbyer Bahnhof ein, um die in Richtung Westen oder Osten fahrenden Soldaten zu begrüßen. Musikkapellen spielten Militärmärsche und Frauen schmückten die Gewehre der Soldaten mit Blumen. "Großer Jubel herrschte in den Mauern unserer Stadt, wenn ein Sieg durch den Nachrichtendienst der Barbyer Zeitung verkündet wurde. Da fliegen die Fahnen heraus, Glockengeläut verkündet es und die Seminaristen und Präparanden ziehen, patriotische Lieder singend durch die Straßen. Auch die Schuljugend ist begeistert, wissen sie doch, dass am folgenden Tage `frei` ist."

Jeder Stoß - ein Franzos, jeder Tritt - ein Brit

Die negativen Seiten der patriotischen Erziehung begannen zu wirken. Was die launigen Inschriften angeht, so lauteten die harmlosesten noch: "Auf nach Paris!", es konnte aber auch angefügt sein "... zum Witwenball!" Preußische Forsche verbreiteten die Losung "Jeder Stoß - ein Franzos; jeder Tritt - ein Brit; jeder Schuss - ein Russ!"

Dass es auch anders herum gehen konnte, hatte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht verinnerlicht, obwohl in der Ausgabe des Hauskalenders von 1916 auch schon vermerkt werden musste: "Das Gemeinwesen steht... unter dem Zeichen des Krieges, der allen sein schweres Siegel aufgedrückt hat. In so manches Haus ist die Trauer eingekehrt, denn auch aus den Reihen der Einwohner Barbys hat der Krieg seine Opfer gefordert."

An die Gefallenen erinnert heute ein steinernes Kreuz in der St.-Marien-Kirche. Nach dessen Fertigstellung mussten noch weitere Soldaten mit dem Pinsel nachgetragen werden, deren Schicksal sich erst lange nach Kriegsende offenbarte.

 

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