Das Gedeihen einer Stadt sollte nicht dem Zufall überlassen sein. Ob Wohnungsbau hier, Gewerbegebiet dort oder landwirtschaftliche Fläche andernorts kann und muss vorgegeben werden. Flächennutzungsplan nennt sich das Instrument, mit dem eine Kommune die Weichen für die Zukunft stellt. Ein solcher "Stadtplan" liegt derzeit öffentlich aus.

Schönebeck l Im zweiten Obergeschoss des Schönebecker Stadtplanungsamtes hängen derzeit Pläne an der Wand, die maßgeblich die weitere Entwicklung der ostelbischen Gebiete bestimmen werden. Flächennutzungsplan heißt das von der Stadtverwaltung und einem Planungsbüro ausgearbeitete Kartenwerk, es ist ein "Stadtplan" der etwas anderen Art. Mit ihm werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Farblich abgegrenzt wird dargestellt, wo ein reines Wohngebiet ist oder ein Mischgebiet oder ein Gewerbegebiet. Es gibt weitere Unterscheidungen wie Waldgebiet, Industriegebiet (gibt es in Ostelbien gar nicht), Sondergebiet Ferienhaus (gibt es in Ostelbien viel), Sondergebiet Camping, Sondergebiet Mobilheim (weil hier Bauwagen stehen) und Sondergebiet Wochenendhaus. Einen Erholungswald so wie bislang gibt es im Plan für Pretzien nicht mehr. Der Bereich an den Steinbruchseen sei kein Wald, argumentiert der Forst. Daraus werden nun die Sondergebiete Wochenendhaus und Ferienhaus.

Wer sich in Pretzien, Plötzky oder Ranies niederlässt, sollte besser wissen, wo genau sein Häuschen oder seine Wohnung steht oder stehen soll. In einem reinen Dorfgebiet sind höhere Emissionen zulässig als in einem Wohngebiet. Das heißt: Im Wohngebiet ist zum Beispiel keine größere Tierhaltung erlaubt, im Dorfgebiet hingegen dürfen der Hahn noch krähen und die Schweine noch grunzen, um es einmal salopp auszudrücken. In einem Dorfgebiet darf (muss sogar) ein landwirtschaftlicher Betrieb ansässig sein, in einem Wohngebiet ist das nicht vorgesehen. "Gegen zwei Hühner kann aber auch in einem Wohngebiet nichts gesagt werden", wägt Robin Wittrisch ab.

"Wir müssen die Gesamtstadt im Auge haben."

Robin Wittrisch

Der Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes führt seit Monaten Gespräche mit Vertretern aus Ostelbien. Anfangs mit den vor der Kommunalwahl aktiven Lokalpolitikern, seit einigen Wochen mit den neuen Ortsbürgermeistern und Ortschaftsräten. Allesamt hatten und haben sie eigene Vorstellungen, wie sich ihr Ort entwickeln soll. Vor allem die Wohnbebauung liegt ihnen am Herzen. Um so mehr Einwohner, um so mehr Zuzug vor allem von jungen Familien, um so besser steht es um die örtliche Entwicklung. Also sind die Ortsbürgermeister stets bestrebt, möglichst viele Flächen als Wohngebiete auszuweisen. Genau hier liegt ein gewisses Konfliktpotenzial. "Wir müssen die Gesamtstadt im Auge haben", gibt Robin Wittrisch zu bedenken. Die Stadt dürfe nicht unkontrolliert in der Fläche wachsen, das sei ein Grundsatz der Raumplanung. Schließlich habe die Kernstadt eine Versorgungsfunktion, ihre Infrastruktur müsse erhalten bleiben. Deshalb sei im Entwurf ein Bauerwartungsland in Pretzien zurückgefahren worden. Das könnte noch zu Diskussionen führen, argwöhnt Wittrisch angesichts eines festzustellenden Baubooms in Ostelbien. Doch der Stadtplaner sieht die Verwaltung im Rathaus in der Pflicht: "Der Innenstadtbereich darf nicht abgehängt werden. Das würde die Kommunalaufsicht auch gar nicht zulassen", macht er auf die notwendige Genehmigung des Flächennutzungsplanes durch den Salzlandkreis aufmerksam.

"Ortschaftsräte müssen sich einen Überblick verschaffen können."

Klaus Maser

Alle Wünsche könnten nicht erfüllt werden. Ziel sei es immer, einen Kompromiss zu finden. Den kommunalen Stadtplanern liegt eher ein Lückenschluss in den Straßen am Herzen, als immer neue Wohngebiete auszuweisen. Insbesondere in Schönebeck mit seiner defizitären Altstadt: viel Leerstand, viel baulicher Verfall, viele Lücken. Die müssten von Bauwilligen mit mehrgeschossigen Häusern zugebaut werden, die zum Stadtbild passen. Die meisten Häuslebauer wollen freilich lieber ein Einfamilienhaus und bevorzugen deshalb reine Baugebiete. Hier geht eine Schere zwischen persönlichem und kommunalem Bedarf zuweilen auseinander.

Dem ehemaligen Ortsbürgermeister von Ranies, Klaus Maser, gefällt es nicht so recht, dass der Flächennutzungsplan gerade jetzt in der Ferienzeit ausliegt. "Momentan sind auch Ortschaftsräte im Urlaub. Wenn sie den Plan nicht einsehen, können sie sich auch keinen Überblick verschaffen und keine Änderungsvorschläge erarbeiten", hat Maser ein ungutes Gefühl. Er hatte als Ortschef vor Monaten Änderungswünsche geäußert und will sich jetzt davon überzeugen, ob sie eingearbeitet worden sind. Oder nicht. "Ich komme gerade aus dem Urlaub", sagt Maser. Ein Wohngebiet ist in Ranies übrigens nicht ausgewiesen, der Ort ist als reines Dorfgebiet dargestellt.

Fertigstellung frühestens im dritten Quartal 2015

Der jetzt im Stadtplanungsamt am Breiten Weg ausgelegte oder besser gesagt aufgehängte Flächennutzungsplan ist erst einmal nur ein Entwurf. Jetzt werden die Träger öffentlicher Belange gehört, wie es im Amtsdeutsch heißt. Vereine, Verbände, Unternehmen, aber auch Anwohner können ihre Bedenken äußern, Tipps geben. "Diese Hinweise werden zusammengefasst und dann wird abgewogen, ob sie zu berücksichtigen sind", erläutert Wittrisch das folgende Prozedere. Im weiteren Verlauf gibt es einen erneuten Entwurf, der dann schon als vorgezogene Endfassung gilt. Aber auch der wird noch einmal öffentlich ausgelegt. Mit der Fertigstellung des neuen Flächennutzungsplanes für Ostelbien ist, sofern es zu keinen größeren Einsprüchen kommt, im dritten Quartal 2015 zu rechnen.

Der Entwurf liegt noch bis 14. August aus. Er kann auch unter www.schoenebeck.de eingesehen werden, dann unter "Bauen und Wohnen".

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