105 000 Kilometer - so viele Kilometer hat Alfred Bethge zwischen 1975 und 2008 zurückgelegt. Nicht etwa mit dem Auto. Nein, er ist diese Strecke gelaufen. Die Laufschuhe hat er zwar an den sprichwörtlichen Nagel gehängt. Doch wenn er von der Zeit erzählt, kommt er immer noch ins Schwärmen.

Zens l Schulsport. 20 Minuten Laufen. Einfach durchhalten. "Alle, die dabei waren, sind sonst viel besser als ich gewesen", erinnert sich Alfred Bethge an den entscheidenden Moment in seiner Kindheit, "aber ich habe durchgehalten. Und ich habe gemerkt, dass das Laufen Spaß macht." Seitdem ist der Zenser ein leidenschaftlicher Läufer. Umso mehr bedauert der heute 62-Jährige es, dass die Gesundheit ihn vor einigen Jahren ausgebremst hat. Doch diese gehe vor.

Vom Schulsport so fasziniert, ist Alfred Bethge auch nach dem Unterricht losgelaufen. Einfach aus seinem Heimatort hinaus in die Feldmark. Er ist gelaufen und gelaufen ... Ohne anzuhalten. Seitenstiche? Atemnot? Fehlanzeige. Aus dem Stehgreif legte er gut sechs Kilometer zurück. Und er wurde süchtig nach den Laufeinheiten.

"Aus Quatsch wollte ich dann einmal 500 Kniebeugen machen. Und habe sie auch geschafft."

Doch der Zenser räumt ein, dass er schon immer sehr sportlich gewesen sei. Passend dazu erzählt er die Episode, dass er als Heranwachsender mal angefangen habe, daheim täglich 20 Liegestütze und 20 Kniebeugen zu absolvieren. "Aus Quatsch wollte ich dann einmal 500 Kniebeugen machen. - Und habe sie auch geschafft", sagt er schmunzelnd.

Was ist die Motivation gewesen? "Ich wollte der stärkste sein, wollte den Jungs was vormachen", gibt er ehrlich zu, wie man als Jugendlicher halt gedacht hat. Seine 6-Kilometer-Laufrunde um Zens wurde ihm schnell zu kurz. "Bis zu vier Mal hintereinander bin ich die Strecke gelaufen", erzählt Alfred Bethge.

Sportlich ging es dann während der Armeezeit weiter. "Als jüngster bin ich zum stärksten Mann der Armee gekürt worden", erinnert er sich. Und er hat dort sein Faible fürs Tauchen entdeckt. Staudamm, Ostsee - vieles hat er während diese Zeit durch die Taucherbrille gesehen.

Schnell war klar, mit einer Sportart kann und will Alfred Bethge sich nicht zufrieden geben. Er scheint ein Tausendsassa zu sein: Tischtennis, Kraftsport, Handball, Fußball, Tauchen, Fallschirmspringen - und natürlich Laufen. Als er das so aufzählt, muss er selbst den Kopf schütteln. "Ich habe in meinem Leben eigentlich fast alles gemacht. Ich weiß gar nicht, wie das bei dem vielen Sport noch alles geklappt hat - am Haus gebaut und die Familie sollte ja auch nicht zu kurz kommen." Seine Frau Hildegard lächelt und sagt: "Wenn er nicht laufen konnte, war er krank."

Zwischen 250 und 400 Kilometer pro Monat laufend zurücklegen - das sei normal gewesen, aufgeteilt auf acht bis zehn Mal in der Woche. "Montags, mittwochs und freitags war ich als Kindererzieher in Damaschkeplan tätig. Da bin ich dann von Zens aus immer hin- und zurückgelaufen", erzählt er und fügt an: "Das größte Pensum habe ich aber immer am Wochenende gehabt. Da bin ich um halb acht aufgestanden und losgelaufen - zum Beispiel zum Wartenberg oder nach Nienburg oder war bei Wettbewerben." Vier Marathons (42,195 Kilometer) pro Jahr waren Standard. Seinen ersten ist er in Berlin in 3:17 Stunden gelaufen.

Nach seinen schönsten sportlichen Erlebnissen gefragt, zählt er die dreimalige Teilnahme an DDR-Meisterschaften auf, aber ebenso seine Marathonbestzeit mit 2:54 Stunden. Pokale hat er mehr als genug. Nur ein Deutscher Meistertitel fehlt noch.

"Morgens gegen halb sechs bin ich immer mit den Rad nach Schönebeck unterwegs."

Er freut sich, dass er mit seiner Leidenschaft auch andere angesteckt hat. Unter anderem seine Frau Hildegard. Sie hat zwischen 1984 und 2011 immerhin 21 000 Kilometer laufend zurückgelegt. Beide waren sie in der Laufgruppe Calbe aktiv, haben zig Wettläufe gemeistert wie den Harzgebirgslauf, den Rennsteiglauf, den Magdeburger Stadtparklauf - und zwar erfolgreich. Die Pokale in der Schrankwand zeugen davon.

Und jetzt, nachdem ihm die Gesundheit einen Strich durch die Leidenschaft gemacht hat? Laufen ist nicht mehr möglich. Aber spazierengehen und radeln. Und das macht Alfred Bethge auch noch ausgiebig. "Morgens gegen halb sechs bin ich immer mit dem Rad nach Schönebeck unterwegs. Wenn bei meinem Bäcker Licht an ist, halte ich an und warte auf frische Brötchen", erzählt er. Ein bisschen Wehmut sei da allerdings noch, wenn er Menschen laufen sieht: "Wenn ich einen Start sehe und alle weg sind, dann muss ich schon schlucken. Das tut ein bisschen weh."

Dennoch: Über Langeweile kann Alfred Bethge nicht klagen. Es gibt viel, wo er sich der 62-Jährige einbringt. Familie, Haus und Garten sind gesetzt. Dazu kommen Kirchengemeinde, Heimatverein, Reservisten, Turn- und Sportgemeinschaft Calbe, Feuerwehr ...

Sein Fazit über die vergangenen Lauf-Jahre: "Laufen macht Spaß, Siegen macht auch Spaß. Ich habe insgesamt 174 Mal gewonnen."