Schönebeck l Gewissermaßen Partei für den ehemaligen Schönebecker Bürgermeister Kurt Bauer hat der Künstler Dario Malkowski ergriffen. Mit einem Anruf in der Lokalredaktion reagierte der 88-Jährige auf einen Artikel zum Heimaträtsel in der vergangenen Woche. Da war ein Haus gesucht, das heutige Montessori-Kinderhaus an der Elbbrücke. Bürgermeister Kurt Bauer hat hier gewohnt. Darum ist der einstige Stadtchef im Text erwähnt worden mit dem Hinweis, dass er NSDAP-Mitglied war. Diese Information allein sei zu wenig, um ihm gerecht zu werden, hebt Malkowski hervor. "Es wäre wichtig zu erwähnen, dass Bauer der Retter von Schönebeck ist", findet er.

Der studierte Jurist Dr. Kurt Bauer ist nur 45 Jahre alt geworden. Im November 1945 starb er in einem sowjetischen Internierungslager bei Fürstenwalde an Diphtherie. Bauer war Mitglied der NSDAP, also der Nazi-Partei. Da hat es doch den Richtigen erwischt, mögen junge Generationen sagen, doch genau das wäre viel zu kurz gegriffen, meint Dario Malkowski. Was er der Volksstimme erzählt, ist der interessante Bericht eines Zeitzeugen:

"Mitte April 1945 zogen amerikanische Panzer die Friedrichstraße hinunter in Richtung Bahnbrückental. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Paul Hollop, hatte sich mit Resten von Wehrmachtsverbänden in der Altstadt verschanzt, um Schönebeck zu verteidigen", blickt Malkowski fast 70 Jahre zurück. Hollop habe zuvor vor allem Jugendliche aufgefordert, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich anzuschließen. "Ein mir damals gegenüber wohnender Freund kam dieser Aufforderung nach. Er bezahlte seine Entscheidung mit dem Leben. Auch mein 14-jähriger Bruder wollte sich der Gruppe anschließen. Ich habe ihn nicht gehen lassen", berichtet Malkowski, der zum damaligen Zeitpunkt aufgrund einer Kriegsverletzung bereits erblindet war.

"Als der erste Panzer durch das Bahnbrückental fahren wollte, ist er mit einer Panzerfaust lahmgelegt worden. Der amerikanische Befehlshaber stellte darum ein Ultimatum: Widerstand aufgeben, oder aber Bomber machen Schönebecks Altstadt dem Erdboden gleich. Als Zeichen der Kapitulation sollten die Anwohner weiße Fahnen hissen", erinnert sich Malkowski weiter.

Bürgermeister Kurt Bauer und der katholische Vikar Jäker seien daraufhin von Haus zu Haus gegangen und hätten die Menschen über das Ultimatum informiert. Sie sammelten zugleich Unterschriften, die belegen sollten, dass die Schönebecker für die Einstellung aller Kampfhandlungen waren. Über Felgeleben begaben sich Bauer und der Geistliche zum amerikanischen Kommandanten, um ihm die Unterschriften zu übergeben. Als Hollop die vielen weißen Fahnen sah, zog er sich mit seiner Gruppe auf die Grünewalder Seite zurück.

Sohn muss für Vater büßen

Als die Panzer auf die Schönebecker Elbebrücke zurollten, ist sie von deutschen Soldaten gesprengt worden. Von Grünewalder Seite schossen deutsche Verbände mit Artilleriegeschützen über die Elbe. Als sich sowjetische Truppen von Osten her näherten, löste sich die Gruppe Hollop auf. Paul Hollop selbst überlebte die Kriegshandlungen, die er kurz vor Kriegsende noch forciert hatte. Im Westen Deutschlands lebte er noch viele Jahre und ging seinem Beruf als Lehrer nach.

Für ihn musste sein ahnungsloser Sohn büßen. Als der aus Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, haben ihn sowjetische Soldaten inhaftiert. Sie brachten ihn in eines der Konzentrationslager der Nazis, in dem die Rote Armee nach Kriegsende nun Nationalsozialisten und andere ihnen unliebsame Personen festsetzte. Dort ist der junge Mann gestorben. "Er war ein kleiner Hitlerjugend-Führer, ja, aber sonst ein anständiger Kerl. Und ähnlich verhält es sich mit Kurt Bauer. Er ist in die NSDAP eingetreten, um weiter als Bürgermeister arbeiten zu können. In der DDR waren viele Menschen SED-Mitglieder, um beruflich weiterzukommen. Ich weiß nicht, was man heute dafür machen muss, aber darüber möchte ich jetzt auch nicht sprechen", fügt Malkowski trocken ein. Bauer jedenfalls sei auf gar keinen Fall ein abstoßender Nazi gewesen. Er habe mit seinem damals für ihn gefährlichen Einsatz Schönebeck gerettet, er hätte darum ein Denkmal verdient.

Für den Ex-Bürgermeister spricht nach Malkowskis Dafürhalten auch, dass er trotz der allgemeinen Hetze gegen Juden in den 1930er Jahren selbst weiterhin in jüdischen Geschäften eingekauft hat und deshalb von den Scharfmachern angegriffen worden ist. "Vor seinem Haus hatte man mit Kreide geschrieben, dass er zu denen gehöre, die bei Juden kaufen", weiß Malkowski. Er bedauert das tragische Schicksal des einstigen Stadtchefs. Die Amerikaner hätten ihn aufgefordert, vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen Schönebeck in Richtung Westdeutschland zu verlassen, doch Bauer blieb. Er war wohl der Meinung, dass ihm nichts Schlimmes geschehen könne, weil er selbst auch nichts Schlimmes getan habe. "Es sind damals aber viele von den Russen abgeholt worden. Es genügte schon, einen persönlichen Feind zu haben, um inhaftiert zu werden", schätzt Malkowski ein.