Plötzky/Pretzien l Großes steht den ostelbischen Ortsteilen Plötzky und Pretzien bevor. Während bundesweit gerade dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht wird, soll in Ostelbien eine Mauer gebaut werden. Oder aber ein neuer Deich. Aus Gründen des Hochwasserschutzes. Auf jeden Fall sei der Aufwand in Pretzien vergleichbar mit dem, der beim Bau des Wehres im 19. Jahrhundert nötig war, gebrauchte Erhard Wetzel während der jüngsten Sitzung des Pretziener Ortschaftsrates ein Beispiel. Der Ingenieur und zugleich Ortschaftsrat aus Plötzky erstellte im Auftrag des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) Pläne, wie Plötzky und Pretzien künftig vor Hochwasser geschützt werden können. Nach der größten Flut seit Menschengedenken im Juni 2013 gehen Experten inzwischen davon aus, dass sich diese Hochwasserscheitel wiederholen können (das Maximum trat am 9. Juni 2013 am Pegel Barby mit bislang unbekannten 7,62 Meter ein).

"Das Wehr ist 2013 an seine Kapazitätsgrenzen gekommen."

Um menschliche Bebauungen zu schützen, schlagen die Fachleute zur Sicherheit noch etwas auf das Maximum drauf und nennen es, einfach ausgedrückt, das höchste anzunehmende Hochwasser. Allein in der Schönebecker Region sind bis zum Jahr 2020 65 neue Maßnahmen für den Hochwasserschutz geplant, die mit 183 Millionen Euro veranschlagt sind; Geld, das das Land Sachsen-Anhalt bereitstellen will.

Allerdings hat die Flut 2013 auch gezeigt, dass der Umflutkanal und auch das Pretziener Wehr solchen Wassermassen kaum noch Herr werden können. Der Durchfluss von Wehr und Kanal ist nun einmal begrenzt. "Das Wehr ist 2013 an seine Kapazitätsgrenzen gelangt. Mehr geht nicht durch", sagte Wetzel im Ortschaftsrat und gibt eine Aussage des Landeshochwasserbetriebes wieder. Plötzky und Pretzien sind nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr ausreichend geschützt, sollte sich eine Flut wie 2013 wiederholen. Eine neue Schutzmaßnahme ist deshalb der erwähnte Deich oder aber eine Schutzmauer in Pretzien. Beide Maßnahmen könnten Wassermassen vom Dorf fernhalten, die sogar noch einen halben Meter höher wären als 2013. Um das Projekt konkret zu planen, waren in den vergangenen Wochen Vermesser in Pretzien und Plötzky unterwegs. Zwei Grundstückseigentümer in Pretzien ließen die Herrschaften aber erst gar nicht auf ihre Flächen, wie Wetzel und der Schönebecker Flussbereichsleiter des LHW, Christian Jung, in der jüngsten Sitzung des Pretziener Ortschaftsrates sagten.

Zwei Szenarien sind nach ihren Worten also möglich: Ein Deich, sprich eine Aufschüttung würde sich auf der Elbauenseite an den Zäunen der Gärten der Grundstücke orientieren. Dort, wo aus Platzgründen kein Deich aufgeschüttet werden kann, soll ihn eine Spundwand aus Stahl ersetzen, stellenweise eine mobile, um nicht die gesamte Ortschaft zu verbauen.

Die andere Variante ist das Errichten einer durchgehenden Spundwand, die dann aber in höherer Lage realisiert würde, sprich: direkt hinter den Häusern - mit Türen, um in die Gärten zu gelangen. Mit dem Blick auf die Elbauenlandschaft wäre es dann für die Anwohner freilich vorbei. "Eine Veränderung des Anblicks des Ortes von außen und innen wird die Folge sein", wie Wetzel feststellte.

"Die Gelegenheit kommt nicht wieder. Der Bürger bezahlt keinen Cent."

"Wann sollen wir den Plan den Bürgern vorstellen", fragte Ortsbürgermeister Gundhelm Franke. Christian Jung: "Sofort." Franke will in der Tat nicht lange warten und in nächster Zeit eine Bürgerversammlung einberufen.

Was aber, wenn die beiden erwähnten Grundstückeigentümer stur bleiben? "Dann können wir nichts machen. Das Wasser fließt nicht um die Ecke", gab Wetzel zu verstehen. Er sagte auch: "Diese Gelegenheit kommt nicht wieder. Der Bürger bezahlt keinen Cent." Ließe sich das Projekt auch gegen den Widerstand von Anwohnern durchsetzen, wollte der Ortschaftsrat wissen? Christian Jung ist sich sicher, dass die Maßnahme auch dann erfolgen könnte. Aber der Klageweg über die Gerichte könne Jahre dauern. "Und ob dann noch das Geld da ist, weiß ich nicht", fügte er hinzu. Und weiter hinein in die Elbaue gehen? "Das gibt Ärger mit dem Naturschutz", argwöhnte Wetzel.

Eine letzte Frage stellte an diesem Abend Ortschaftsrat Ralf Schneckenhaus. Er wollte wissen, wie sich der Bau einer Mauer aus Spundwänden beziehungsweise eine Aufschüttung auf das Grundwasser in Pretzien auswirkt. "Wir wollen hier keine Felgeleber Verhältnisse", hob er hervor. Diesbezüglich konnte ihn Christian Jung beruhigen: "Am Grundwasserverhalten wird sich nichts ändern."

Während Pretzien noch diskutiert, sind die Plötzkyer Ortsvertreter nicht grundsätzlich gegen die im Landeshochwasserbetrieb erdachten Pläne. Zumindest gab es im Rat keine Anzeichen von Protest. Doch ohne Skepsis begegnet man dem angedachten Flutschutz nicht. Ortsbürgermeister Martin Kütz sagte: "Ein nicht unerhebliches Bauvorhaben, das im wahrsten Wortsinn seine Schatten werfen wird." Denn auch in Plötzky geht es um eine Spundwand und einen kleinen Deich. Bei der Jahrhundertflut im vergangenen Jahr ist vor allem die Umflutflanke des Dorfes betroffen gewesen. Zwar gibt es hier Verwallungen. Aber das Wasser kam über Gärten und Grundstücke bis auf die Gartenstraße.

Um das künftig ausschließen zu können, soll genau dieser Part Plötzkys dicht gemacht werden. Geplant ist jetzt, dass es am Ortsausgang Richtung Haberlandbrücke auf der rechten Seite, Straße am Buhnenkopf, eine Spundwand geben soll. Die Ortsausfahrt Magdeburger Straße bekommt ein elf Meter breites Tor. Mit Aluminiumbohlen soll es im Hochwasserfall verschlossen werden können. Ortsauswärts links daneben befindet sich eine Pumpstation. Sie bekommt eine eigene, deichartige Verwallung.

"Eine optische Katastrophe. Der Blick in die Umflut ist Geschichte."

Parallel zur Gartenstraße, das sieht der Landeshochwasserbetrieb momentan so vor, wird eine Spundwand gesetzt. Ein Deich sei, so Wetzel, aufgrund der nahen Wohnbebauung nicht möglich, man würde mit den Gefällen nicht hinkommen. Stattdessen die Wand, bis zu 3,50 Meter an den höchsten Stellen hoch. Der Planer beschreibt sie als ein Mammutbauwerk. Wenn ein Meter Mauer über der Erde liegt, müssten zwei darunter für Standsicherheit sorgen. "Der Blick in die Umflut ist damit Geschichte", sagt Wetzel und spricht von einer "optischen Katastrophe". Doch in dem Fall gehe für das Land die Sicherheit vor. Und: "Das sind Varianten, die vom Land schnell und im Kostenrahmen umgesetzt werden können." Konkret sei für Plötzky bei dieser großen Lösung von Vorteil, dass die Pumpstationen und Elektrokästen im Ort gesichert seien und im Katastrophenfall nicht extra verbaut werden müssten.

Grundsätzlich gilt für beide Orte: Der Landesbetrieb legt mit den Plänen erste Ideen vor, setzt auf Öffentlichkeit und Akzeptanz vor Ort. Es soll Bürgerinforunden geben. Details würden bei der Ausführungsplanung geklärt, sagt Wetzel. Dann geht es auch darum, dass Regenwasserablässe oder Türen in die Spundwände kommen.