Die Volksstimme startet heute eine neue Serie: "Was ist geworden aus?" Die Redaktion geht Geschichten nach und fragt, wie der aktuelle Stand ist. Lesen Sie heute: Bei einer Kontrolle wird ein Polizist schwer verletzt.

Schönebeck l "Entweder er oder ich." Das sind die letzten Gedanken, an die sich Axel Mittelstraß vor dem Unfall noch erinnern kann. Der damals 46-jährige Polizist steht am 23. August 2013 mit seiner jüngeren Kollegin in Schönebeck in der Köthener Straße. Beide wollen einen Motorradfahrer anhalten, der ihnen verdächtig vorkommt. Es ist kurz nach 18 Uhr.

Wie das Gericht später herausarbeitet, steht Axel Mittelstraß den Polizeivorschriften entsprechend ordnungsgemäß auf der Straße und hebt die Kelle. Mehr und mehr sieht er den jungen Fahrer auf seiner schwarzen, schweren Maschine auf sich zukommen, ohne aber dass sich die Geschwindigkeit des Zweirades verringert. "Das ist das Letzte, an das ich mich erinnere", berichtet der Polizist heute im Gespräch mit der Volksstimme. Die spätere Rekonstruktion ergibt, dass der Motorradfahrer voll und bewusst auf den stämmigen Polzisten zuhält und ihn überfährt.

Hubschrauber sucht Täter

Axel Mittelstraß wird schwer an Schulter und Bein verletzt. Dass er diesen Unfall überhaupt überlebt, ist nur zwei glücklichen Umständen zu verdanken: "Ich bin nicht ausgewichen, denn wäre ich das, hätte mich das Motorrad eventuell frontal erwicht. Und: Das Klinikum Schönebeck ist in unmittelbarer Nähe. Die Ärzte haben mich sofort versorgen können", so der Polizist, der im Altkreis Schönebeck wohnt.

Bei dem Unfall wird auch der Täter verletzt. Dennoch flüchtet er vom Unfallort, während die Kollegin von Axel Mittelstraß Hilfe alarmiert und die Erstversorgung vornimmt. Ein Schuh des unbekannten Fahrers liegt am Tatort. Ein Fährtensuchhund nimmt die Spur auf. Außerdem wird ein Polizeihubschrauber angefunkt, der die Suche aus der Luft vornimmt. Der Täter stellt sich später in Magdeburg.

Noch am gleichen Abend wird der Polizist operiert. Nicht nur die Kollegin von Axel Mittelstraß, die den Angriff mit ansehen musste, sondern auch die Kollegen des Polizeikommissariates stehen unter Schock. "Ob in Passau, Berlin, Hamburg oder Magdeburg - die Deutsche Polizeigewerkschaft verurteilt auf das schärfste die brutale Gewalt gegen Polizeibeamte, die nicht nur bei Großeinsätzen zunimmt, sondern auch im ganz normalen täglichen Streifendienst", sagt Wolfgang Ladebeck, stellvertretender Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft.

Seinen Informationen nach sind die Angriffe auf Polizeibeamte immer brutale und aggressive Taten und haben eine neue Dimension angenommen: Die Intensität der Übergriffe reicht von starken Schlägen und Tritten bis hin zum Einsatz von Messern, gefährlichen Gegenständen und Schusswaffen. "Die Brutalität, mit der Polizisten heutzutage bei ihrer täglichen Arbeit konfrontiert werden, hat sich dramatisch verschärft", analysiert Wolfgang Ladebeck. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 1290 Fälle registriert, bei denen Polizisten Opfer von Gewalttaten wurden. Im Jahr 2013 wurden weniger Straftaten - 1169 Fälle - gemeldet, aber es gab noch immer 205 verletze Polizeibeamte, davon sechs schwer.

Polizei ist der Prügelknabe

"Die Polizei muss immer mehr als Prügelknabe für den allgemeinen gesellschaftlichen Frust und Zorn herhalten. Sie repräsentiert - äußerlich durch die Uniform erkennbar - den Staat und wird als solcher attackiert. Wir fordern die Politik auf, sich endlich hinter ihre Polizei zu stellen", sagt der Polizeigewerkschafter. Er, seine Kollegen und auch Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht besuchen einige Tage später Axel Mittelstraß am Krankenbett. Es ist nicht nur ein nettes Fotos für die Medien, sondern auch ernst gemeint. Als früherer Staatsanwalt weiß Stahlknecht von der Gewalt gegen Polizeibeamte.

Doch Bekundungen sind das eine, gerechte Urteile der Justiz das andere. So auch in diesem Fall. Vor einigen Monaten sitzen sich Polizist Axel Mittelstraß und der junge Täter vor Gericht gegenüber. Das Urteil: Der Mann wird wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilt - und geht in Berufung. Unklar ist, ob die Fahrerflucht, die der Täter begangen hat, mit in das Komplexurteil einfließen darf. "Ich habe nur den Wunsch, dass das alles bald einen Abschluss findet", fordert der heute 47-Jährige. Er hofft, dass der Richter neu urteilt ohne Verhandlung, dass das Erlebte nicht wieder von Neuem öffentlich aufgerollt werden muss.

Denn seit Anfang des Jahres ist Axel Mittelstraß in den Polizeialltag zurückgekehrt. Zumindest ansatzweise, denn auf Streife gehen kann der Polizist noch nicht. Er ist im Innendienst eingesetzt, für administrative Aufgaben des Kommissariatsleiters. Aber würde er gern wieder Streife fahren? "Ja klar. Und wenn ich wieder vor so einer Situation stünde, würde ich genauso entscheiden. Ich bin Polizist", erklärt Axel Mittelstraß.

   

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