Erst nach der Gründung des Deutschen Reichs bekam Calbe ein modernes Hospital. Nach seiner Errichtung vor 136 Jahren bekam auch die Straße den zugehörigen Namen, wie ein neuer Teil der Volksstimme-Serie berichtet.

Calbe l Unter dem Eindruck mehrerer Cholera-Wellen, die Europa 1832 bis 1873 fünfmal heimsuchten und auch in Calbe schlimm mit insgesamt 1185 Toten grassierten, begann man sich über neue Hygiene-Standards Gedanken zu machen. In der Kreisstadt Calbe wurden die Kranken immer noch wie im Mittelalter in den armseligen Häuschen an der Heilig-Geist-Hospitalkirche (heute Neuapostolische Kirche) mehr schlecht als recht medizinisch versorgt. Fortschrittlich denkende Männer wie Pfarrer Moritz Rocke und einige Stadtverordnete setzten sich deshalb vehement dafür ein, dass Calbe ein zeitgemäß modernes Krankenhaus erhielt. Außerdem war ihnen klar geworden, dass solche Seuchen-Katastrophen in Calbe nur vermieden werden konnten, wenn die Stadt mit sauberem Tiefenwasser aus Wasserleitungen statt mit fauligem Brunnenwasser versorgt und die offenen stinkenden Abwasser-Gräben durch eine unterirdische Kanalisation ersetzt würden. Das geschah aber erst in den 1890er und 1900er Jahren. Die fatale Ironie dieser Geschichte war, dass Pfarrer Rocke selbst von der fünften Cholera-Welle 1873 dahingerafft wurde. Die Verwirklichung des anderen Vorsatzes konnte er jedoch noch miterleben: Die Errichtung eines städtischen Krankenhauses. Seit 1856 hatte man dieses geplant und Geld aus den über 20 Stiftungs-"Töpfen" Calbes genommen, zu denen auch die Stiftung unserer Anna Margaretha Wrangel gehörte. Mit zusätzlichem Geld aus der Stadtkasse und von testamentarischen Verfügungen waren 8800 Taler zusammengekommen.

Ein günstiger Platz für das neue Krankenhaus war bald gefunden. Er sollte in der Gegend vor dem ehemaligen Brumbyer Tor liegen, also in der Nähe der Alten und der Neuen Sorge und der im Jahrzehnt darauf entstehenden Bahnhofstraße. Hier stand an dem freien Gelände, das zuerst Magazin-, später Adolf-Hitler- und danach Friedens-Platz genannt wurde, ein 1792 errichtetes schlichtes Gebäude, das Wollmagazin. In Erinnerung an diesen inzwischen abgerissenen Bau heißt der dort in nordwestlicher Richtung entlang führende Weg "Magazinstraße". An der Nordost-Ecke des Platzes hatte der Kaufmann und Gastwirt Franz Stubbenhagen sein schönes Haus im Historismus-Baustil errichtet, in dem in den 1880/90er Jahren bis zu seinem Tode 1896 auch der alte Adolph Nicolai wohnte, einst ein großer Liberaler der Revolutions- und Nachrevolutions-Zeit.

Unmittelbar neben diesem Platz also, an einem Weg in Richtung Brumby sollte das Krankenhaus errichtet werden. Der Bau konnte 1867 innerhalb eines halben Jahres im Neorenaissancestil aus rotem Backstein errichtet werden. Das neue Krankenhaus bestand aus einem Hauptgebäude und einem West-Anbau an der Hinterfront. Es enthielt ein Kellergeschoss, zwei Etagen mit Korridoren und einen Bodenraum. In dem Anbau auf der Westseite befanden sich ein Quarantäne-Zimmer für Patienten mit ansteckenden Krankheiten, ein Raum für "Wahnsinnige", wie man damals psychisch schwer Gestörte nannte, und ein Zimmer für den Krankenwärter. Außer diesem männlichen Pfleger waren noch zwei Diakonissinnen aus dem Bethanien-Haus in Berlin und ein Dienstmädchen angestellt. Die Schwestern wohnten auch mit im Haus. Da man in einem Krankenhaus nicht nur mit einem Pfleger und zwei Schwestern auskommt, hatten 1905 weitere Diakonissinnen ihr Schwestern-Haus in der Magdeburger Straße 105, heute Dr.-Loewe-Apotheke, erhalten. In den 1920er Jahren wohnten im Krankenhaus dann zwölf Schwestern und ein Krankenwärter.

In dieser Heilanstalt konnten aber nicht die hilfsbedürftigen alten Bürger Calbes, die keine Verwandten mehr hatten, ihren Lebensabend verbringen. Auch nach dem Eintritt Calbes ins Deutsche Kaiserreich standen immer noch die mittelalterlichen Hospital-Hütten an der Heilig-Geist-Kirche. Da war dringend Abhilfe geboten, und man entschloss sich, unmittelbar neben dem städtischen Krankenhaus ein zeitgemäßes Hospital zu erbauen. Das geschah 1878. Das Geld kam aus einem Fond der 1875 gegründeten "Vereinigten Stiftungen" Calbes, unter deren Leitung das Krankenhaus und das neue Hospital standen. In dem Hospital-Gebäude befanden sich 46 Zimmer für ebenso viele alte Betreuungsbedürftige, von denen dort in der Mehrzahl Frauen, meist Witwen, anzutreffen waren. Da nun für Gottesdienste keine Kirche mehr in der Nähe lag, wurde ein Bet-Raum im neuen Hospital eingerichtet, in den auch der spätmittelalterliche Altar mit der zentralen Abbildung von Anna, Maria und dem Jesuskind aus der Heilig-Geist-Kirche überführt wurde. Dieser Altarschrein stammte ursprünglich aus der St.-Stephani-Kirche und war der Bilderstürmerei entgangen. Bald darauf wurden die armseligen Hütten des alten Hospitals abgerissen. Heute sind das Hospital- und das Krankenhaus-Gebäude durch einen eingefügten Teil miteinander verbunden und gehören zum selben Krankenhaus. Die hilfsbedürftigen Senioren werden heutzutage in anderen Einrichtungen betreut.

Nach dem 1878 eingeweihten Gebäude ist die "Hospitalstraße" benannt. Diese Straße, die nicht aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit herrührte, zeigt folgerichtig, ähnlich wie die Bahnhofstraße, einige schöne Häuser der Gründer- und Weimarer Zeit. Die dort ansässigen Bürger gehörten offensichtlich zum Mittelstand. In der Nummer 1, also in unmittelbarer Nachbarschaft des Krankenhauses, wohnte Otto Miller ("Kupfer-Miller"), der dort seine metallverarbeitende Fabrik betrieb. Die Villa gegenüber dem Krankenhaus gehörte einem Arzt, der sicherlich zum Fachpersonal, vielleicht sogar zur medizinischen Leitung des Krankenhauses gehörte. In den anderen Häusern lebten Ingenieure, Landwirte, Kaufleute und Lehrer, so auch der Schwiegersohn von Max Dietrich, der dessen Schulchronik bis 1936 fortführte. In der Nr. 7 bis 9, unmittelbar neben dem Hospital, lud um die vorige Jahrhundertwende der Kriebel`sche "Wilhelmsgarten", zu dem ein Eiskeller zum Kühlen der Lebensmittel und Getränke gehörte, zum Verweilen im Biergarten ein.