Zunehmend finden in den Kirchen Deutschlands nur noch eingeschränkt Gottesdienste statt. Über tausend werden zum Teil seit Jahrhunderten nicht mehr kirchlich genutzt. Dazu gehört auch das höchste Gebäude Döbens, das in Privatbesitz ist. Die 77-jährige Johanna Hamann hat Teile ihres Lebens dem Erhalt dieses spätromanischen Gotteshauses gewidmet.

Gnadau-Döben l Die meisten Zeitgenossen sind froh, wenn sie genug Kraft und Geld aufbringen, um Haus und Hof in Schuss zu halten. Dann geht es durchschnittlich um 120 Quadratmeter Dachfläche, um Fenster, Türen, Fassaden ...

So ist es bei Johanna Hamann auch, die in Gnadaus Ortsteil Döben einen umgebauten Speicher bewohnt. Er ist tipptopp in Schuss.

Doch damit nicht genug. Die 77-Jährige besitzt noch eine weitaus größere Immobilie. Es ist eine ... Kirche.

Die spätromanische Wehrkirche von Döben aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts!

Sie gehört zu jenen tausend Gotteshäusern in Deutschland, in denen nicht mehr getauft, gepredigt und das Abendmahl gereicht wird. Wie lange das schon so ist, lässt sich nicht ermitteln. Es müssen Jahrhunderte sein. Aus der Ursprungszeit sind noch einige kleine Rundbogenfenster erhalten, die typisch für die Romanik sind. Sie stehen im Kontrast zu viereckigen Fensterluken, die in späterer Zeit in das Mauerwerk gebrochen wurden, als die Kirche Speicher, Stall oder Schmiede war.

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Döben wüst. Die Menschen verzogen in die benachbarten Orte, Häuser verfielen, die Felder verwilderten. Nur die Kirche mit ihren dicken Mauern überstand den Sturm jener Zeit. Aber wer brauchte an dieser Stelle und unter diesen Umständen ein Gotteshaus?

Keine Verwendung

Im 17. Jahrhundert wurde rund um den Kirchturm ein Vorwerk eingerichtet. Danach kamen die Herrnhuter Brüder, stampften den Ort Gnadau und eine eigene Kirche aus dem Boden. Sie hatten ganz eigene Vorstellungen, was den Raumzuschnitt eines Gotteshauses betraf. Döben eignete sich nicht.

So ging die Zeit ins Land.

Die Döbener Wehrkirche diente im 19. Jahrhundert als Brauhaus und Gutsschmiede. Obergeschoss und Dachböden nutzte man als Speicher und zur Getreidetrocknung, im Turm wurde ein Wasserbehälter eingebaut. Die stolze Wehrkirche war endgültig zum reinen landwirtschaftlichen Funktionsgebäude umfunktioniert worden.

1952 angekommen

1952 kam die aus Ivenrode (bei Haldensleben) stammende gebürtige Johanna Peine nach Gnadau-Döben. Ihre Eltern waren 1947 im Zuge der sogenannten Bodenreform enteignet worden. (Die Enteigneten wurden aus ihrem Heimatkreis ausgewiesen.) Vater Herrmann - ein Landwirt mit Leib und Seele - gelang es, wieder Fuß zu fassen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Schönebeck bewirtschaftete er nun 30 Hektar Land rund um Döben, erst privat, ab 1952 in der LPG Typ I. Das in die Genossenschaft eingebrachte Land wurde gemeinsam bearbeitet, blieb aber Eigentum der Bauern. Ein Kompromiss, der aber nicht lange halten sollte, bis die Kollektivierung kam.

Schon damals verguckte sich die 15-jährige Johanna in den alten Sattelhof, auf dem die Kirche stand. Hier gab es Schafe, Schweine, Hühner und vor allem die geliebten Pferde. 1954 heiratete sie Ernst Hamann, der ebenfalls in der Landwirtschaft arbeitete und aus Calbe stammte.

In jeder Zeit ging von der alten Kirche nach wie vor eine gewisse Magie aus. Wie viel Freud und Leid vereinte sie vor Jahrhunderten unter ihrem Satteldach: Ehen wurden besiegelt, Kinder getauft, die Verstorbenen auf dem Kirchhof begraben, wo nun die Hühner scharrten. Wo sind ihre Gräber geblieben, die alten Grabsteine?

All diese Fragen hatte Johanna Hamann im Hinterkopf, als die "Wende" alles auf den Kopf stellte. Die LPG wurde aufgelöst, Gebäude und Gutshof nicht mehr gebraucht.

Die romanische Kirche war baulich mehr schlecht als recht durch die DDR-Zeit gekommen.

Der Hof wurde dem Nachbarn rückübertragen, der in Oregon (USA) lebte. Johanna Hamann kannte ihn aus Jugendzeiten.

Nach einigen schlaflosen Nächten entschloss sie sich, ihm das "Grundstück mit Kirche" abzukaufen. Das geschah im Dezember 1992. Ihr Ehemann Ernst erlebte das alles nicht mehr, er war 1981 verstorben.

Gute Nerven erforderlich

Die Sanierung erfolgte 2007 in mehreren Schritten, wobei Johanna Hamann gute Nerven beweisen musste. Gleich zu Beginn hatte ihr der Baufachbetrieb den miserablen Zustand des Ostgiebels bestätigt, der kurz vor dem Zusammenbruch stand.

2012 war die Kirche endlich fertig: die Dächer neu gedeckt, Risse geschlossen, quadratmeterweise Steine ersetzt, die Fassaden verputzt. Über all dem schwebten die Forderungen und Hinweise der Denkmalspflege.

Wenn die Baurechnungen kamen, brauten sich zuweilen Wolken der Verzweiflung über der Auftraggeberin zusammen. Doch Aufgeben kam nicht in Frage. Johanna Hamann hasst halbe Sachen. Wenn sie eine Aufgabe angeht, muss sie hundertprozentig erledigt werden. Und wenn es auch weh tut ...

Fragt man die Wahl-Döbenerin, wie sie dieses Riesenobjekt finanzierte, lobt sie die Zahlungsmoral ihrer Mieter und Ackerpächter, die Hof, Wohnhaus und Felder nutzen. Sämtliche Einnahmen flossen in die Kirchensanierung, auch eine nahe Verwandte steuerte etwas dazu bei. Einen kleinen Teil übernahm das Förderprogramm Leader.

Große Last abgefallen

Mit dem Sanierungsabschluss vor zwei Jahren fiel eine große Last von Johanna Hamanns Schultern. Jetzt geht sie täglich frohen Mutes über ihren Hof, um nach den Pferden zu sehen und sich über die Kirche zu freuen.

Ihre Kirche!

Hin und wieder wird sie sogar im Sinne ihrer romanischen Erbauer genutzt. Wenn die Knirpse der Gnadauer Kita kommen. Dann werden Teelichte neben einem kleinen Holzkreuz angezündet, hinter dem noch Reste von Stroh an der Wand kleben.

   

Bilder