Es sind die kleinen Dinge am Rande des Alltags, die warmherzige Erinnerungen wecken. So gibt es in einer Calbenser Kinderarztpraxis eine Baby-Waage, auf der nahezu alle dort untersuchten Kinder der vergangenen fünf Jahrzehnte gewogen wurden.

Calbe l Beginnen wir mit einer kleinen Episode: Oma verlässt mit ihrem Enkelchen die Kinderarzt-Praxis in der Schloßstraße. Der Knabe ist acht Wochen alt. Oma muss mit ihm zum Arzt, weil Mama verhindert ist.

"Ich glaube, auf der Waage, die da drinne steht, hast du auch schon gelegen."

Draußen wartet Opa. Der ist mit seinen Ende 40 für heutige Verhältnisse ein junger Opa. Als die (ebenso junge) Oma zu ihm ins Auto steigt, grinst sie: "Ich glaube, auf der Waage, die da drinne steht, hast du auch schon gelegen." Opa ist heute 110 Kilogramm schwer ...

Die Calbenser können sich darüber freuen, dass sich eine junge Kinderärztin nieder ließ. Dr. Konstanze Reinhardt übernahm die Praxis von Dr. Christa-Maria Ziegeler, die sich in den Ruhestand verabschiedete (die Volksstimme berichtete).

Dr. Christa-Maria Ziegeler nahm auch Abschied von einer betagten Kinderwaage aus DDR-Tagen, auf der in den vergangenen fünf Jahrzehnten vermutlich tausende Babys gewogen wurden.

Heute werden im Quartal in der Calbenser Kinderarztpraxis etwa 700 Kinder untersucht, vor der Wende waren es doppelt so viele.

Zugeben: Das oben stehende Fotos ist gestellt. Christa-Maria Ziegeler folgte der Bitte des Fotografen, um das Motiv der Waage ein bisschen interessanter zu machen. Weil in Kinderarztpraxen immer Spielzeug zu finden ist, um die kleinen Geister bei mehr oder weniger unangenehmen Untersuchungen zu beruhigen, musste ein Teddy als Baby-Ersatz herhalten.

Mit dessen Hilfe wurde dann die alte Wartburg-Waage fotografisch aufgewertet.

Dieses Modell aus dem VEB Wartburg-Schnellwaage-Werk fehlte mit anderem Aufsatz früher in kaum einem Lebensmittelgeschäft. Es gilt als sehr robust und zuverlässig.

Waagen wie diese fand man früher auch in jedem Lebensmittel-Konsum. Allerdings nicht mit dem Schalenaufsatz für Babys. Im Handel reichte eine flache Keramik- oder Kunststoffplatte, um Lebensmittel bis 10 Kilogramm abzuwiegen.

Noch in den 1960er Jahren geschah das bei kleinen Privathändlern sehr individuell. Da wurden beispielsweise Mehl oder Zucker aus großen Zentnersäcken entnommen und in 1000-Gramm-Tüten konfektioniert. Es war eine Prozedur, wie man sie heute noch an Fleischständen erlebt: grob gefüllte Tüte auf die Waage, mit der Schaufel so lange Mehl nachfüllen, bis die Verkaufsmenge stimmte, offenes Ende geschickt zusammen falten.

Doch zurück zum Kinderarzt. Heute gibt es überwiegend elektronische Baby-Waagen in Arztpraxen.

Aber die guten, alten aus den Wartburg-Werken tun es auch immer noch.