Schönebeck l Es ist Dienstagabend, 19.45 Uhr. Ich sitze noch immer an der Zeitung für morgen. Es dauert halt, so lange es dauert. Trotzdem geht mein Blick verärgert immer wieder zur Uhr, die unbarmherzig vor sich hin tickt. Seit einer viertel Stunde wollte ich im großen Saal des IGZ Inno-Life sitzen und dem Silvesterkonzert der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie lauschen. Doch das Einzige was ich höre, sind die Klicks der Maus und mein inneres Gebrumme. Mein lieber Kollege Daniel Wrüske nimmt mir dankenswerter Weise die Checkliste ab, wie wir in der Redaktion die Aufgaben nennen, die der Spätdienst abzuarbeiten hat, damit es am nächsten Tag keine Misstöne gibt. Dann aber schnell zum Auto und vorm Schwanenteich geparkt.

Was ist denn das da vor dem Eingang zum alten Kurhaus für ein Mann im feinen schwarzen Zwirn, denke ich, als ich schnellen Schrittes durch die Schneereste stapfe. Ist er Empfangspersonal oder Security? Ach, den kenn ich, der ist von der Kammerphilharmonie. "N´abend." Im Foyer läuft mir mit Jerzy Bojanowski gleich ein weiterer Musiker über die Füße. "Jetzt sind die Streicher dran", begründet er sein Verweilen weit außerhalb des Saales. Ob es ein Programm gibt, frage ich. Nein, gibt es nicht. Jedenfalls nicht ausgedruckt. "Das ist heute eine musikalische Zusammenfassung des vergangenen Jahres", klärt Bojanowski auf.

So leise ich kann, öffne ich die große Tür zum Saal. Es wäre schön, wenn Chefdirigent Gerard Oskamp jetzt die Peterburger Schlittenfahrt gespielt hätte, aber nein, die Cellistin Elena Tkachenko spielt leise, ganz leise ein Solo. Natürlich stört das Hereinkommen, so unscheinbar kann ich mich denn doch nicht machen.

Hans-Jörg Simon, der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie, kann mindestens zwei Dinge auf einmal, nämlich die Augen verdrehen und mir mit einem kurzen Kopfzucken zur Seite zu verstehen geben, mich ruckzuck und leise neben ihn zu setzen. Na, endlich angekommen im Silvesterkonzert. Die Cellistin bekommt viel herzlichen Applaus. Was ich noch mitkriege von ihrem Spiel ist schöne, innigste Tonmalerei - welches Stück das jetzt auch immer war - vielleicht Bach? Simon schüttelt den Kopf. Schon interpretieren die Philharmoniker Tangos. Diese Kompositionen müssen neueren Datums sein, sie haben so was in sich Problematisches. Es folgen, das sagt jetzt Gerard Oskamp an, Serenaden über schwedische Volkslieder von Max Bruch. Und Pause.

"Ich hole mal Anne Ströhler her", sagt Simon und meint die neue Marketingfrau der Kammerphilharmonie. "Guten Abend Herr Meinhard, ich freue mich, Sie zu sehen. Noch viel lieber hätte ich sie am Ende des Satzes gesehen", begrüßt mich die junge Frau. Ähm, Ende des Satzes? Was meint sie? Habe ich sie irgendwie irgendwann nicht ausreden lassen? Ach klar, sie spielt auf mein - aus künstlerischer Sicht - unvermitteltes Hereinplatzen mitten im Satz des Musikstückes an. Ja, das tut mir leid. Bei einer ACDC-Tribut-Mucke hätte eine sich öffnende Tür wohl niemand auch nur bemerkt. Aber Klassik ist die Mimose unter den Musikgenres, es sei denn, es wird die Petersburger Schlittenfahrt gespielt.

Anne Ströhler klärt mich auf. Der Tango war von Gallo, sagt sie. Ah ja. "Das ist heute ein philharmonischer Rückblick, wir lassen das Jahr 2014 Revue passieren, angefangen beim Neujahrskonzert 2014. Wir spielen Stücke aus den verschiedenen Programmen. Sehr erfolgreich war zum Beispiel `Frisch gestrichen`. Damit waren die Musiker auch auf Konzertreise in Holland", sagt Anne Ströhler. "Adé 2014", so das Motto des Silvesterkonzertes, sei wie eine Besinnung. Eine Besinnung auf zwei halbe Spielzeiten. Denn der Rhythmus der Musiker taktet sich in Spielzeiten ein, die im Sommer beginnen und im Sommer aufhören. Otto Normalbürger rechnet in Kalenderjahren. Aber das nur nebenbei.

Nein, Melodien vom diesjährigen Operettensommer finden im Konzert keinen Niederschlag. Ja, es wird mit der Aufführung des "Weißen Rössl am Wolfgangsee" eine Fortsetzung der Schönebecker Operettensommer-Serie geben, versichert Anne Ströhler und weist schon einmal auf ein Konzert mit Operettenmelodien hin, das im Frühling erklingen soll, sozusagen als Appetitmacher.

Ich spreche mit ihr über eine zu beobachtende Renaissance der Operette als solche. Immerhin ist kürzlich vom ZDF die "Czardasfürstin" zu einer höchst attraktiven Sendezeit aus der Semperoper gesendet worden. Vielleicht war Schönebeck ja ein Wegbereiter für das Wiederentdecken und wieder Ernstnehmen der Operette, wage ich eine These.

Dann wird meine charmante Gesprächspartnerin von Hans-Jörg Simon weggerufen. Sie habe auch noch andere Aufgaben, sagt er. Ich glaub`, der kann mich nicht leiden ...

Nach der Pause bringen Oskamp und die Seinen Melodien aus vertonten Märchen zu Gehör, etwa "Die Schöne und das Biest". "Sie werden bestimmt hören, wenn das Biest kommt", sagt Oskamp. Hört man.

In den Interpretationen der Philharmoniker schwingt viel Getragenheit mit, sogar bei Hava nagila, diesem hebräischen Volkslied, das übersetzt "Lasst uns glücklich sein" bedeutet. Auch hier hätte ich die Tür nicht unbemerkt öffnen können. Der Schluss ist dann aber furios. Das Stück gehört zum Klezmer-Programm der Kammerphilharmonie. In den Aufführungen kam der Klarinettist Andy Miles als Solist zum Zuge. Ein klasse Mann. "Aber auch wir haben einen super Klarinettisten", betont Gerard Oskamp und meint Jerzy Bojanowski. Oh ja, welche Anmut im Spiel, als käme es von außen, von oben, von irgendwo anders, als sei es frei von Erdenschwere.

Oskamp kündigt die "Norwegische Rentierpost" an. Eine Komposition von Richard Eilenberg. Es gibt übrigens eine Einspielung mit dem WDR Rundfunkorchester Köln unter Leitung von Christian Simonis, Oskamps Vorgänger: www.youtube.de.

Jetzt wird`s fröhlich, silvestermäßig locker. Es gibt noch einen Walzer und das berühmte Cancan von Jaques Offenbach. Und als Zugabe erklingt - ich kenne diese Meldodie doch - genau: die Petersburger Schlittenfahrt. Na bitte. Warum nicht gleich so.