Lichtmess-Vorstand Christoph Randel ist in der komfortablen Lage, vom Wissen seiner beiden 93-jährigen Omas profitieren zu können. Davon werden sich die Zuschauer am 1. Februar überzeugen können, wenn der 34-Jährige den Festumzug moderiert.

Glinde l Christoph Randel macht es richtig. Mit dem Diktiergerät, das heute nicht viel größer als eine Streichholzschachtel ist, konserviert er Erinnerungen, die Oma Magdalena Randel und Oma Ursula Moratz an die Lichtmess vor und nach dem Zweiten Weltkrieg haben.

"Ich kann mich noch erinnern, dass ich zur Lichtmess mal ein neues Samtkleid bekommen habe. Ein hoch geschlossenes ...", lächelt Ursula Moratz. Damals war sie 17. Was im ersten Moment so klingt, als habe es nichts mit Lichtmess zu tun, klärt sich beim zweiten Blick dann aber auf: "Lichtmess war schon immer ein ganz besonders Fest, auf das wir uns schon lange vorher gefreut haben." Da kam auch "Besuch", der bewirtet wurde und dem man sich von seiner besten Seite zeigte. Im Samtkleid, beispielsweise.

"Lichtmess war schon immer ein ganz besonders Fest, auf das wir uns schon lange vorher gefreut haben."

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Lichtmess sonntags und montags gefeiert. Man baute in der Regel seine ulkigen Schaubilder vor dem Haus auf. Ganz Fortschrittliche waren aber auch damals schon mobil und brachten einen kleinen Umzug auf die Reihe. Das geschah neben Pferdewagen auch mit Fahrrädern und Handwagen.

Ursel Moratz hat den wohl treuesten Fan des Männerfestes noch deutlich vor Augen. Es war Schiffseigner, Hobby-Archäologe und Begründer des Schönebecker Kreismuseums Wolfgang Wanckel. Der war sich der Identität stiftenden Kraft des archaischen Spektakels bewusst, das die Glinder immer wieder auf die Beine stellten.

Im Zweiten Weltkrieg ruhte die Lichtmess. Jedenfalls offiziell. Alte Schwarz-Weiß-Fotos belegen allerdings, dass man inoffiziell im Goldenen Anker feierte. Unter den Teilnehmern entdeckt man auch ein paar Wehrmachtsuniformen. Deren Träger hätten ziemliche Probleme bekommen, wenn sie erwischt worden wären.

"Deswegen wurden wir lange Zeit auch ziemlich ignoriert."

1948 lebte nach kriegsbedingter Pause die Lichtmess wieder auf. Ein Trupp junger Männer trat damals als "Negerstamm Utam" auf. In der unweit gelegenen See (die Glinder nennen einen Flussaltarm am Dorfrand so) schnitten sie Schilf für "Baströckchen" und Hüte.

Ein schwarzer Gymnastik- anzug und Ruß im Gesicht komplettierten die Ausstattung. Weil Erhard Zorn der Größte war, musste der den Stammeshäuptling spielen. Danach wurde er den Spitznamen Utam nie wieder los.

Kaum zu toppen war Jahre später ein riesiges Schloss, in das die Besucher sogar hinein durften, um einen Schatz zu suchen. Der bestand freilich nicht aus Gold und Edelsteinen, sondern aus ..., aber das verbietet der Anstand zu schreiben.

Ein recht praktisches Modell war das einer Kuh, die nicht nur auf vier Beinen lief, sondern während des Umzuges die Gäste versorgte.

Alfred Preußer, einer der geistigen Väter dieses Bautrupps, zupfte am Euter herum, aus dem - je nach Wunsch - Milch, Saft, Bier oder Wein kamen. Im vorderen Teil des Rindviechs befanden sich Behälter, die mit dem Euter per Schlauch verbunden waren. Doch damit nicht genug: Kamen ganz Neugierige dem Kopf zu nah, prustete der aus den Nasenlöchern Mehl hinaus.

1981 hatte man eine Rübenerntemaschine zum Römerwagen umgerüstet. Das Teil hatte solche Ausmaße, dass Kurvenfahrten eine Herausforderung waren. Zum damaligen Trupp zählten acht Männer. Glindes ehemaliger Bürgermeister Fritze Stieler und sein Barbyer Amtskollege Jens Strube gehörten dazu. Kommunale Würdenträger als Buschmänner oder schräge Krieger - mitten in der Zeit des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus? "Deswegen wurden wir lange Zeit auch ziemlich ignoriert", sagt Vorstand Uwe Sevecke über diese Jahre. Das Fest wurde zwar toleriert aber nicht vom Kreis unterstützt.

Wenn man über die Glinder Scheunenböden stolpert, fühlt man sich wie auf einer Lichtmess-Zeitreise. Überall lauert holz-, pappe- oder metallgewordener Frohsinn, der bei Umzügen das Volk am Straßenrand erheiterte. Was gebaut wird bleibt natürlich bis zum 1. Februar ein Geheimnis. Erst wenn sich an jenem Tag die Hoftore öffnen und ihre ulkigen Gefährte das Licht der Öffentlichkeit erblicken, dann herrscht Klarheit.

 

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