Frohse l Ein Bild, fast so groß wie die Fläche des Fußbodens im Speiseraum der Frohser Kindertagesstätte St. Laurentii. Vier mal zwei Meter wird das große Wandbild fassen, wenn es fertig ist. In hellen Blau- und Grüntönen ist schon jetzt ein Hintergrund angedeutet. Rings um das Riesengemälde liegen ausgeschnittene Blätter, aber auch Arbeitsmaterialien, Pinsel, Farben, Scheren.

Gerade ist Pause. Fabian und die anderen Kinder, die am Bild mitwirken, stehen auf, gönnen sich eine spielerische Auszeit. Dorothea Hertel und Jan Focke befreien hier und da ein kleines Händchen mit Tüchern von Farbspritzern oder schließen noch schnell die Deckel von Farbtöpfen. "Das konzentrierte Arbeiten über mehrere Stunden fordert die Kinder schon ganz schön - aber es fördert sie auch", sagt Jan Focke. Genau das ist es, was die Laurentii-Kunststunden der besonderen Art ausmacht: Kinder erfahren über die kreative Beschäftigung, was in ihnen steckt - im Team, aber auch in jedem Einzelnen.

Mit Dorothea Hertel und Jan Focke sind nicht nur echte Künstler bei den Kleinen im Alter von zwei bis sechs Jahren, sondern auch erfahrene Pädagogen. Unterstützt von Bundesprojekten und besonders über die Jugendkunstschule in Magdeburg kommen die Kreativen mit den Kleinsten und Größeren zusammen.

Dabei, so Jan Focke, gehe es immer um die Selbstentfaltung der Jugendlichen, oder wie im Frohser Fall der Kinder. Den erhobenen Zeigefinger gebe es nicht.

"Die Kinder bestimmen selbst, was passiert. Und sie finden eigene Wege."

Dafür gibt es viele Gespräche über Ideen und Vorstellungen. "Im Verlauf einer solchen Arbeit wird dann schnell deutlich, dass die Kinder über sich hinauswachsen, dass ihnen die Herausforderung, die sie so gar nicht wahrnehmen, annehmen und meistern." Aus den sichtbaren Erfolgen heraus werde das Selbstbewusstsein gesteigert. Besonders verhaltensauffällige Kinder hätten dabei echte Chancen, integriert in der Gemeinschaft ihren Horizont zu erweitern, so Kita-Leiterin Susanne Rybarczyk.

Fünf Wochen lang, jeweils an zwei Tagen, arbeiten die Kleinen an dem Bild. Jeden Tag lernen sie andere Techniken kennen, beschäftigen sich mit Farben, mit dem Formen aus Pappmaché, mit Schattenbildern. Ein mehrteiliges und mehrschichtiges Bild entsteht.

Alles, so Jan Focke, sei ein Prozess der Konzentration, des Lernens, aber auch des Spaßes. "Die Kinder bestimmen selbst, was passiert. Und sie finden eigene Wege, ihre Ideen umzusetzen, ihre Probleme zu lösen."

Die Künstler seien dabei die Ideenträger, würden Angebote über das nötige Handwerkszeug machen und haben die Arbeitsschritte des Projekts langfristig und kindgerecht vorbereitet. In den Kreativrunden mit Kindern hat Jan Focke eine erstaunliche Erfahrung gemacht, nicht nur in Frohse. "Man könnte meinen, es ginge bei solchen Projekten drunter und drüber. Aber das Gegenteil ist der Fall." Die Kleinen würden sehr schnell eine Verantwortung für alles entwickeln. Es komme dann eben nicht vor, dass Farben auslaufen, dass wild herumgesprungen wird. So funktioniert es auch, dass die Jüngsten sogar mit der Schere arbeiten, ausschneiden, basteln können, und dass nicht "nur" Wasserfarben zum Einsatz kommen müssen. "Wir können ihnen etwas zutrauen, vielleicht auch einmal ein Risiko eingehen. Aber man muss ein gesundes Vertrauen zu den Kindern entwickeln", sagt Jan Focke, welchen Mehrwert die begleitenden Künstler und auch die Erzieherinnen aus der Kindertagesstätte aus dem Projekt ziehen können.

Wenn alles fertig ist, dann wird das Bild im Speiseraum aufgehängt - raumprägend. Hier treffen sich alle zu den gemeinsamen Mahlzeiten, hier schauen auch viele Eltern vorbei, wenn sie die Kleinen abholen oder bringen.

"Sie finden sich alle mit ihren Ideen in dem Gemeinschaftsprojekt wieder."

Und vor allem: Hier sehen die Kinder jeden Tag, was sie zu schaffen vermögen. "Sie finden sich alle mit ihren Ideen in dem Gemeinschaftsprojekt wieder." Jan Focke und Dorothea Hertel können sich gut vorstellen, dass das Kunstprojekt weiter Schule - oder eben auch Kindergarten - macht.

Im Laurenttii-Haus ist man dafür empfänglich. Im Verband der Kindertagesstätten des Evangelischen Kirchenkreises Egeln sind die Frohser Nachwuchs-Picassos die ersten, die das neue Kunstprojekt ausprobieren. Weil es sich schon jetzt als Erfolg abzeichnet, sei eine Fortsetzung gut vorstellbar, sagt Kita-Leiterin Susanne Rybarczyk. "Dass ein Träger, wie der Kirchenkreis, ein solches Projekt auch zu hundert Prozent finanziert, zeigt, welche Bedeutung man dieser künstlerischen Arbeit mit den Kindern beimisst und darauf setzt, dass diese Art der Beschäftigung die ganzheitliche Entwicklung trägt."